Wo die Filmmusik spielt Einmal Hollywood und zurück

Der Einstieg in die Musikbranche ist schwer, viele Bewerber suchen dort Jobs. Manche probieren es über ein Praktikum in einem Studio für Film- und Werbemusik. Oder gleich in Hollywood. Das gelingt allerdings nur wenigen - wie dem Hamburger Florian Tessloff, 26.

Von Helge Stroemer


Orientalische Klänge kommen aus den Boxen. Florian Tessloff spielt in seinem Hamburger Studio Musik, die er für die Komödie "Süperseks" komponiert hat. Auf dem Computer-Bildschirm tanzen die Töne als zackige Ausschläge auf und ab. Er klickt mit der Maus auf ein anderes Stück. Geigen erklingen. Zwar arbeite er viel mit Computersamples, "aber Streicher klingen nur mit einem echten Orchester. Das sind zwei Welten".

Komponist Tessloff: "Ich dachte manchmal, das schaffe ich nie"
Helge Stroemer

Komponist Tessloff: "Ich dachte manchmal, das schaffe ich nie"

Tessloff kennt sich aus mit Filmorchestern. Schließlich sammelte der 26-Jährige schon Hollywood-Erfahrung. Dreieinhalb Jahre studierte er zunächst in Boston am Berklee College of Music, arbeitete danach als Assistent beim Komponisten Richard Gibbs in Los Angeles. Er hatte Gibbs auf einem Seminar kennengelernt. Dann kam alles wie im Film: Das Telefon klingelte, und Hollywood war am anderen Ende. "Hast du Lust mit mir zu arbeiten?", fragte der Komponist. Na klar hatte Tessloff Lust. Vier Tage später saß er bei Gibbs im Studio in Malibu und arbeitete mit am Vampir-Streifen "Queen of the damned" ("Die Königin der Verdammten").

Dieser Job bedeutete für Tessloff den ersten großen Schritt in Richtung Filmkomponist. Er merkte jedoch gleich: Die College-Ausbildung hatte mit der Berufswelt nicht viel gemein. Zeitdruck und Verantwortung waren groß. "Ich dachte manchmal, das schaffe ich nie." Mit einer Stelle beim Komponisten Mark Isham hatte er die Möglichkeit, zwei weitere Jahre die Arbeitsweise in Hollywood kennenzulernen. "Filmmusik hat in den USA einen großen Stellenwert", sagt Tessloff. Und man lerne dort, vollen Einsatz zu zeigen.

Erst CDs beschriften, dann wichtigere Aufgaben

Das war bei Jens Malessa in Hamburg nicht anders. Er fing als Praktikant im Musikstudio "Complete Audio" an. Heute ist der 29-Jährige dort Tonmeister. Malessa sorgt für die Abmischungen von Sprache und Musik bei Filmproduktionen, die so genannte Post Production.

Bewährte sich als Praktikant: Tonmeister Malessa
Helge Stroemer

Bewährte sich als Praktikant: Tonmeister Malessa

Doch der Weg zu seinem jetzigen Job war nicht einfach. "Man muss sich anstrengen, es gibt genug Bewerber." Tatsächlich drängen viele junge Hobby-Musiker in diese Branche: "Entweder wollen sie ein Star werden oder zumindest irgendwo in dem Bereich arbeiten."

Malessa absolvierte eine neunmonatige Ausbildung zum Dipl. Audio Engineer am privaten "SAE Institute". Das kostete ihn rund 6500 Euro. Was noch fehlte, war die Praxis. Die holte er sich als Praktikant. Zunächst musste er sich bewähren und unterstützte den Tonmeister beim Archivieren von Aufnahmen oder beim Beschriften der CD-Cover. Erst nach einer Einarbeitungszeit bekam er wichtigere Aufgaben übertragen. "Im Studio kann man auch ohne eine Ausbildung alles lernen", sagt er.

Praktikant Lynn Petrin, 29, bestätigt das: "Man schaut viel über die Schulter." Und bekommt mit, wie Filme vertont werden, zum Beispiel die Comic-Sequenzen in der Serie "Berlin, Berlin", an denen sie gerade arbeiten.

"Es muss Feuer da sein"

Auch der Chef von "Complete Audio", der 43-jährige Filmkomponist Wilbert Hirsch ("American Werwolf", "Balko"), unterstreicht die Bedeutung von Praxiserfahrung. In der Regel gehe das Praktikum über sechs Monate, die ersten drei Monate seien meist unbezahlt. "Ein Praktikant macht für uns nur Sinn, wenn er uns auch helfen kann. Das ist ein Geben und Nehmen."

Auf einer anderen Ebene trifft das auch beim Werbefilmkomponisten Lutz Wollersen zu. Er bietet ein Schnupperpraktikum für den kreativen Nachwuchs. Jedes Jahr können bei ihm Schüler zwei Wochen lang Einblicke erhalten, wie ein TV-Werbespot entsteht und wie Musik in einen Werbeclip eingebaut wird. Werbung sei im Gegensatz zum TV-Film wieder ein ganz anderer Markt, der mit ganz eigenen Regeln arbeite. "Das muss man erst lernen", sagt Wollersen. Er lernt umgekehrt von den Schülern die neuesten HipHop-Trends kennen - und auf was die "Kids" heute so stehen.

Es gibt viele Möglichkeiten, in der Branche Erfahrungen zu sammeln und Fuß zu fassen - über ein Praktikum, an der Filmakademie in Ludwigsburg oder an der Hochschule für Fernsehen und Film in München. Die Hochschule für Film und Fernsehen Potsdam-Babelsberg bietet einen neuen Hauptstudiengang auf dem Gebiet der Komposition und Musikherstellung für Film und Fernsehen an. Ein Zeichen, dass der Stellenwert für Filmmusik auch hierzulande steigt?

Eine Einschätzung eint alle, die in dieser Branche tätig sind: Man erwartet von jedem Einsteiger eine gehörige Portion Enthusiasmus. "Es muss Feuer da sein", fasst es Wilbert Hirsch zusammen.

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