Zukunft der Doktoranden "Kreative Köpfe haben es da schwer"

Graduiertenschulen sollen Doktoranden künftig besser auf Berufe außerhalb der Uni vorbereiten und das alte Meister-Schüler-Modell ablösen. Viele junge Forscher allerdings sind argwöhnisch - sie befürchten eine Verschulung und die Industrialisierung der Wissenschaft.

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Doktoranden sind Helden der Arbeit. Sie begeben sich tief in die Verästelungen ihrer Disziplin, sie treiben die Wissenschaft voran, sie absolvieren ohne Murren endlose Versuchsreihen im Labor, sie schreiben armdicke Dissertationen und haben ein Herz für seit Jahrzehnten ungelesene Staubfänger in der Universitätsbibliothek.

Doktoranden sind auch arme Würstchen. Sie erforschen Exotenthemen, über die sie sich mit kaum jemandem unterhalten können. Sie sitzen meist jahrelang allein am Schreibtisch und vergessen, ihre Freundschaften zu pflegen. Ihre Chance auf eine Hochschulkarriere ist kaum greifbar. Und wer in die freie Wirtschaft will, muss seinen Doktortitel oft verheimlichen, weil viele Personaler niemanden einstellen wollen, der höher qualifiziert ist als sie selbst.

Das soll in Zukunft anders werden. Die Exzellenzinitiative von Bund und Ländern mit ihren Eliteunis, Exzellenclustern und Graduiertenschulen soll den Wissenschaftsstandort Deutschland fördern. Und damit letztlich auch das Ansehen der Promovierenden. "Es ist politisch gewollt, dass mehr Studierende einen Promotionsabschluss haben", so Barbara Kehm, die Direktorin des Internationalen Zentrums für Hochschulforschung in Kassel. "Und vor allem soll ein größerer Prozentsatz davon nicht an der Universität bleiben." Damit Promovierte außerhalb der Hochschullandschaft bestehen können, brauchen sie aber Qualifikationen, die sie "in dem Maße momentan nicht an den Universitäten erhalten", ergänzt Kehm.

Stärkere Einbindung der Doktoranden

Konzepte wie die neu ersonnenen Exzellenzcluster und Graduiertenschulen sollen deshalb in Zukunft verstärkt die Ausbildung von Doktoranden an den Universitäten übernehmen und sie auf ihr Leben danach vorbereiten. Wer sich mit Anträgen für derartige Konzepte durchsetzt, bekommt fünf Jahre lang Fördermittel und den Titel "Eliteuni" verliehen. Bis 2011 sollen 40 jener Graduiertenschulen mit je rund einer Million Euro und 30 Cluster mit 6,5 Millionen Euro jährlich gefördert werden. Die erste Antragsrunde ging im Herbst 2006 über die Bühne, die zweite endete am 10. April 2007.

Wer bislang promovierte und über eine Dozentenstelle oder einen Platz in einem Graduiertenkolleg an eine Universität angedockt war, hatte einen Betreuer, erarbeitete sich sein Thema - die Welt außerhalb der Hochschule spielte kaum eine Rolle. Nun soll ein "eigenes, professionelles, Management" her, "umfassende Beteiligung aus den angesprochenen Fächern" - die bisherige Transdisziplinarität von traditionellen Graduiertenkollegs geht den Anhängern der Exzellenz-Initiative nicht weit genug. Auch von Kinder- und Ausländerbetreuung ist die Rede. "Das alte Meister-Schüler-Modell" zwischen Doktorand und Doktorvater, erklärt Kehm, habe ausgedient.

Das würde auch ein Ende des Hierarchiegefälles bedeuten, bei dem viele Doktoranden auf gelegentliche Audienzen zur Besprechung ihrer Dissertation-Fortschritte hoffen müssen. Aber die Exzellenzinitiative stößt vor allem beim wissenschaftlichen Nachwuchs auf Skepsis. Das bedeute die Industrialisierung der Wissenschaft, heißt es. Viele befürchten, dass Graduiertenschulen ihrem Namen alle Ehre machen und stärker verschult organisiert sein werden - womöglich gar auf der Ebene europäischer Anpassung.

Bislang stand das eigenständige Erarbeiten wissenschaftlicher Zusammenhängen im Mittelpunkt, in Zukunft könnte mehr das Programm die Inhalte diktieren. Eine Tendenz, die auch bei der Einführung der Bachelor-Studiengänge längst nicht mehr zu übersehen ist.

"Neues entsteht so nicht"

Auch Annette Knaut beobachtet die Entwicklung mit Sorge, sie traut dem Frieden nicht. "Die Forderung, Promotionen in Deutschland müssen einheitlich werden, verkennt eines", sagt die ehemalige Vorsitzende von Thesis, einem Netzwerk für Promovierende und Promovierte. "Wissenschaftliche Qualität steigt nicht auf diese Weise." Wenn Curricula und Themen vorgegeben werden, werde die Wissenschaftslandschaft vereinheitlicht, so ihre Schlussfolgerung: "Einheitswissenschaftler entstehen, kreative Köpfe haben es da schwer. Neues entsteht so nicht."

DDP
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Bei Thesis werden diese neuen Strukturen heiß diskutiert. Das Bestreben, mit den neuen Graduiertenschulen Chancen für alle zu eröffnen, hält man dort für wenig realistisch: "Neben Frauen werden auch die rausfallen, die nicht in die Struktur passen", prophezeit Knaut. "Also alle, die älter sind als 28, Leute, die auf Umwegen zur Promotion gekommen sind, und diejenigen, die Kinder haben."

Leute wie Alexander Klose etwa. Er ist 37, hat lange als freischaffender Künstler gelebt und eine kleine Tochter im Kindergartenalter. Und er promoviert in einem traditionellen Graduiertenkolleg über die Kulturgeschichte des Containers. "Die Zeit und die Freiheit, einfach mal zu denken, könnte in Graduiertenschulen nach US-amerikanischem Vorbild verloren gehen", findet er. "Die ganze Zeit heißt es immer nur: schneller, schneller, schneller. Mit Wissenschaft hat das nichts mehr zu tun."

Barbara Kehm vom Internationalen Zentrum für Hochschulforschung in Kassel findet, dass es noch zu früh ist, über die neuen Strukturen zu urteilen. Sie müssten sich erst einmal etablieren. Außerdem werde sicher jede Universität die Organisation der Exzellenzcluster und Graduiertenschulen anders anlegen. Eine drohende Vereinheitlichung sieht sie nicht. Und in diesem Punkt sind sich alle einig, Professoren, Hochschulforscher und Promovierende: Ein einziges Modell für alle darf es nicht geben, auch in Zukunft sollen verschiedene Wege zum Doktortitel führen.



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