Deutschland-Rückkehrer in Bulgarien Berlin nervt, Sofia rockt

Sie beherrschen mehrere Sprachen, haben in Deutschland studiert, hätten Karriere machen können. Doch sie haben sich für einen Neustart in ihrer alten Heimat entschieden: Junge Bulgaren kehren zurück nach Sofia - und hoffen, einen Gründerboom zu entfachen.

Aus Sofia berichtet

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Lesen will man sie ja nicht mehr, diese Klischees über die digitale Bohème, über Menschen in engen Hosen, die auf ihren MacBooks an wahnsinnig spannenden Projekten arbeiten, meistens aber nur Milchschaum mit Kaffee schlürfen und auf ihren Smartphones herumwischen. Die sich für revolutionär halten, weil sie nicht von 9 bis 17 Uhr arbeiten.

Aber das hier ist nicht Berlin, nicht die Hauptstadt des wirtschaftlich stärksten EU-Staates, wo sich gefühlt jeder Zweite für einen kreativen Freiberufler hält, aber notfalls mit Bafög, Gründerzuschuss oder Geld von den Eltern ganz gut durchkommt. Das hier ist Sofia, die Hauptstadt des ärmsten EU-Staates, wo jeder dritte junge Erwachsene keinen Job hat, die Wirtschaft lahmt und ein Arzt oft weniger verdient als ein Bäckerlehrling in Deutschland.

"Berlin ist vollkommen overhyped", sagt Alexander Mihaylov. "In Sofia sind wir noch dabei, eine Start-up-Szene aufzubauen, aber jeder hier meint es ernst." Mihaylov, 29, kennt beide Welten, hat Politikwissenschaft in Berlin studiert, zusammen mit den Gründern des Betahauses - jener Bürogemeinschaft, in der sich Programmierer, Texter, Designer ihre Coworking Spaces tageweise mieten können. Er hat als Geschäftsführer einer studentischen Politikberatung gearbeitet und selbst bei unzähligen wahnsinnig spannenden Projekten mitgemacht. Nach dem Diplom hätte er nach Brüssel gehen können zur EU oder weitermachen in Berlin. Aber er entschied: Wenn ich wirklich etwas Neues aufbauen will, muss ich zurück nach Bulgarien.

Junge Gründer gegen alte Eliten

Er zog wieder bei seinen Eltern ein, schrieb mit einem Freund zusammen den Businessplan für ein eigenes Betahaus in Sofia und machte sich auf die Suche nach Investoren. Umgerechnet 5000 Euro hatten sie gespart, 60.000 mussten sie zusammenbekommen. Das war mitten in der Krise, Ende 2010. "Das Wort Start-up kannte hier kaum jemand", sagt Mihaylov, "viele Geldgeber dachten, wir wollen einfach nur Büroflächen vermieten."

Während Deutschland über Bulgarien als vermeintliches Herkunftsland von "Armutsflüchtlingen" diskutiert und die CSU Stimmung macht gegen offene Grenzen, wächst in Sofia eine junge Gründerszene heran, die mit den alten Eliten in Staat und Wirtschaft nichts zu tun haben will. Es ist eine Szene, die es ziemlich merkwürdig findet, dass ihre Heimat in Westeuropa als Problem wahrgenommen wird. "Das ist doch eine fruchtlose Debatte, die nur den Populisten hilft", sagt Mihaylov.

Auch Nadia Daskalova, 32, ist nach dem Marketing-Studium in Berlin zurückgekommen, sechs Jahre ist das her. Eigentlich wollte sie nur ihre Diplomarbeit schreiben und vorübergehend in einer Werbeagentur arbeiten, dann wieder nach Deutschland. Doch während einer Irland-Reise hatten sie und eine Freundin eine Idee. Sie waren in einem stinkigen Hostel in Dublin untergekommen und dachten sich: Das können wir besser.

Die beiden Frauen machten sich daran, ihr eigenes Hostel aufzubauen: in Sofia. Das Leben ist nicht allzu teuer, und als Startkapital reichten umgerechnet 20.000 Euro. Außerdem zählt der Tourismus zu den wenigen Branchen, die halbwegs erfolgreich sind in Bulgarien: Allein im vergangenen Jahr kamen so viele Urlauber wie das Land Einwohner hat, rund sieben Millionen.

"Reich werden wir wohl nicht"

Allerdings war es gar nicht so einfach, eine Wohnung zu finden, die groß genug ist. "Zwei Frauen, ein Hotel - da dachten viele Vermieter, wir wollten einen Massagesalon oder einen Puff aufmachen", erzählt Daskalova. Schließlich aber klappte es, 20 Betten, mitten in der Sofioter Innenstadt, eine kleine Küche, W-Lan-Netz für die Skype-Telefonate mit der Heimat. "Reich werden wir damit wahrscheinlich nicht", sagt Daskalova, "aber wir haben uns etwas eigenes aufgebaut, das uns Spaß macht."

Von Bulgariens Schattenwirtschaft versuchen sich die jungen Gründer so weit es geht fernzuhalten - das Land gehört zu den EU-Staaten, in denen Korruption am weitesten verbreitet ist. Sowohl Daskalova als auch Mihalyov beteuern, noch nie Schmiergeld bezahlt zu haben. "In Deutschland gibt es Regeln, und du füllst die nötigen Anträge aus", sagt Mihaylov. "In Bulgarien gibt es Regeln, aber auch unzählige Umwege, die du gehen kannst - sehr personenbezogen und fallspezifisch", so sagt er es.

Als einmal zwei Beamte der Polizeiwache aus der Nachbarschaft im Betahaus die Papiere kontrollieren wollten und mit eher inoffiziellen Bußgeldern drohten, einigte man sich schließlich so: Die Polizisten ziehen wieder ab, melden sich aber, wenn sie mal Computerprobleme haben - die digitalen Bohemiens richten ihnen dann den Drucker ein oder installieren einen Treiber. "Angerufen haben sie aber noch nicht", sagt Mihaylov.

Das nötige Geld für ihr Betahaus haben er und sein Geschäftspartner schließlich zusammenbekommen, im Sommer 2012 feierten sie die Eröffnung. Mittlerweile arbeiten 70 junge Bulgaren in dem Haus, die ersten Start-ups expandieren, Mihaylov würde am liebsten noch ein zweites Haus aufmachen. "Wir sind ausgebucht", sagt er. In einer Ecke steht eine Kiste mit leeren Club-Mate-Flaschen. Aber auch das ist ein Klischee, das man nicht mehr lesen will.


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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 58 Beiträge
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Seite 1
jus94 15.01.2014
1. Innovativ
Anstatt Berlin gegen Sofia auszuspielen hätte ich mir einen Artikel gewünscht, der eben auf die neuen, innovativen Ideen eingeht. In Anbetracht der schwelenden Diskussion über die Möglichkeiten und Grenzen der Armutszuwanderung, dient dieser Artikel einen anderen Zweck. Schade, denn das eigentliche Thema geht so verloren.
Abbo Theke 15.01.2014
2. so kann Europa funktionieren
Es ist gut, wenn kreative Geister für Aufwind in ihren Heimatländern sorgen. Nur wenn das Leben dort wieder perspektivreich erscheint, werden die Migrantenströme in Europa ihr Angstpotenzial verlieren. Es ist schön, wenn man sich frei entscheiden kann, in einem anderen Land zu arbeiten und nicht aus wirtschaftlicher Not dazu gezwungen wird.
schwarzes_lamm 15.01.2014
3.
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINESie beherrschen mehrere Sprachen, haben in Deutschland studiert, hätten Karriere machen können. Doch sie haben sich entschieden für einen Neustart in ihrer alten Heimat: Junge Bulgaren kehren zurück nach Sofia - und hoffen, einen Gründerboom zu entfachen. Zuwanderung: Warum junge Bulgaren in ihre Heimat zurückkehren - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/zuwanderung-warum-junge-bulgaren-in-ihre-heimat-zurueckkehren-a-943190.html)
Vor allem dem ersten Teil der Aussage kann man uneingeschränkt zustimmen. Und dass viele Metropolen im ehemaligen Ostblock eine vom Kommerz (noch) unbefleckte Kultur- und Partyszene haben, ist mit dem zweiten Teil des Satzes gesagt.
verdi49 15.01.2014
4. Warum nicht?
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINESie beherrschen mehrere Sprachen, haben in Deutschland studiert, hätten Karriere machen können. Doch sie haben sich entschieden für einen Neustart in ihrer alten Heimat: Junge Bulgaren kehren zurück nach Sofia - und hoffen, einen Gründerboom zu entfachen. Zuwanderung: Warum junge Bulgaren in ihre Heimat zurückkehren - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/zuwanderung-warum-junge-bulgaren-in-ihre-heimat-zurueckkehren-a-943190.html)
Könnte es nicht sein, dass dieser Personenkreis in ihrem Heimatland auch gebraucht werden? Wie mein Vorgänger es auch richtig festgestellt hat: Hier wird Einer gegen den Anderen ausgespielt!
hairforce 15.01.2014
5.
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINESie beherrschen mehrere Sprachen, haben in Deutschland studiert, hätten Karriere machen können. Doch sie haben sich entschieden für einen Neustart in ihrer alten Heimat: Junge Bulgaren kehren zurück nach Sofia - und hoffen, einen Gründerboom zu entfachen. Zuwanderung: Warum junge Bulgaren in ihre Heimat zurückkehren - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/zuwanderung-warum-junge-bulgaren-in-ihre-heimat-zurueckkehren-a-943190.html)
Diesen Artikel (Retourkutsche ) hätte man sich sparen können. Die jungen Bulgaren wären sehr wahrscheinlich so oder so zurückgegangen. Warum auch nicht. Die können sehr vieles von dem was sie hier gelernt haben zu Hause verwenden.
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