Plastische Chirurgie Jungmediziner verteidigen die Beauty-Branche

Von Felix Helbig

2. Teil: "Die Ästhetik spielt im Studium zunächst kaum eine Rolle"


Die deutsche Weiterbildungsordnung erlaubt es, dass im Prinzip jeder, der Facharzt ist, alles operieren darf. So tummeln sich eigentümliche Anbieter auf dem Markt: Hautärzte, die Nasen richten, Gynäkologen oder Augenärzte mit irgendwelchen Zusatzqualifikationen. Auf einen ernstzunehmenden Plastischen Chirurgen, vermutet Markus Küntscher, Chefarzt der plastischen Chirurgie an der Berliner Elisabeth-Klinik, kämen in der Hauptstadt zwei bis drei "schwarze Schafe".

Um das zu ändern, müsse die Lehre neue Maßstäbe setzen, fordert Stefan Haßfeld. Er ist wissenschaftlicher Leiter des neuen Master-Studiengangs Ästhetische Gesichtschirurgie an der Universität Witten-Herdecke. Das Curriculum umfasst Facelifts, Narbenbehandlung, Nasenkorrekturen, Profilverbesserungen und all die Komplikationen, die dabei auftreten können. Nach vier Semestern mit Klinik- und Praxishospitanzen wird der Master vergeben.

Das Interesse am berufsbegleitenden Angebot ist groß: Gleich im ersten Semester haben sich 80 junge Ärzte eingeschrieben. Das alles seien "hoffentlich" junge Kollegen, die sich später nicht nur an Busen versuchen wollen, sagt Haßfeld. Oder an Herren mit Berlusconi-Syndrom, die sich für ihre jüngere Freundin die Lider straffen lassen.

Wenn Adrien Daigeler auf Partys gefragt wird, was er beruflich mache, antwortet er nur noch: "Chirurg". Er habe einfach keine Lust darauf, dass ihm "jeder seine Nase zeigt und fragt, ob man da was machen kann". Daigeler, 36, sitzt in einem kahlen Schulungsraum der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik in Ludwigshafen, er ist der geschäftsführende Oberarzt der plastischen Chirurgie. Fast 300 Medizinstudenten werden hier jedes Jahr ausgebildet, an einer der besten Kliniken des Landes.

Aus gesunden Menschen kranke machen

Julia Wolf, 26, eine von Daigelers Studentinnen, sitzt im Schulungsraum und starrt durchs Mikroskop auf die Blutgefäße eines Schweineherzens. Die Beschäftigung mit dem tierischen Gewebe dient der Vorbereitung auf spätere OPs, beispielsweise an Basaliomen, Tumoren der Haut, oder an Hautlappen, die bei einer Wundheilungsstörung transplantiert werden müssen.

Julia Wolf gibt einen Zischlaut von sich, ohne vom Mikroskop aufzublicken. "Die liegen echt schön aneinander", sagt die Studentin. Sie meint die winzigen Gefäße des Schweins. Es ist das einzige Mal, dass überhaupt dieses Wort fällt an diesem Tag in der Unfallklinik: schön. Ansonsten geht es um Handfehlbildungen und Brandverletzungen.

"Die Ästhetik spielt im Studium zunächst kaum eine Rolle", sagt Daigeler, "erst später, wenn es um die Rekonstruktion von Geweben geht." Seinen Studienanfängern zeigt er gern eine Präsentation, sie beginnt mit Bildern von Frauen mit großen Brüsten unter winzigen Bikinis, aber dann: Haushaltsunfälle, Brustkrebs, wundgelegene Menschen. Bei den meisten Studenten ist das Interesse dann richtig geweckt, bei einigen wenigen erloschen - das sind nicht die idealen Kandidaten für den Studiengang.

Aber hat die Sehnsucht nach Schönheit nicht auch eine Daseinsberechtigung? Nicht für einen Arzt, findet Daigeler. "Weil man letztlich aus einem gesunden einen kranken Menschen macht."

Samy Bordon sieht das ähnlich. "Warum nehme ich denn eine sechsjährige Ausbildung zum Arzt auf mich? Wohl kaum, um Leuten mit Midlife-Crisis zu helfen." Seine Patienten sind Menschen mit schweren Schädigungen wie Lippen-Kiefer-Gaumenspalten oder Menschen, deren Gesicht bei einem Unfall deformiert wurde. Samy will ihnen ermöglichen, nicht überall aufzufallen. "Nur ästhetische Chirurgie zu betreiben, das stelle ich mir wenig erfüllend vor", sagt er, "man muss doch mit Idealismus in den Beruf gehen."

Es sind Sätze, die der Ludwigshafener Chefarzt Marcus Lehnhardt nur allzu gut kennt von seinen Studenten. Leider sei der "Lockruf der anderen Seite" sehr laut. Lehnhardt sitzt in seinem Büro und spricht von einer Arbeit ohne Nachtdienste, mit geringerem Aufwand und natürlich: für viel mehr Geld. Das veranlasse viele "Plastiker" dazu, im Laufe der Zeit "abzudriften". Dann machen auch sie nur noch in Brüsten und Botox.



insgesamt 9 Beiträge
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flachatmer 07.04.2011
1. Welch Not!
---Zitat--- "Wir müssen dafür sorgen, dass die Branche wieder einen besseren Ruf bekommt", sagt Samy. ---Zitatende--- Und der Spiegel lässt Euch dabei, ganz Beschützer der Witwen und Waisen, nicht im Regen stehen.
ich_bins, 07.04.2011
2. Spezielle Fachausbildung
Wenn Schönheitschirurgie so gefragt ist, warum wird dann keine spezielle Facharztausbildung dafür angeboten? *Das* würde der Branche gut tun.
Ex-Kölner 07.04.2011
3. Lötzinn!
Zitat von flachatmerUnd der Spiegel lässt Euch dabei, ganz Beschützer der Witwen und Waisen, nicht im Regen stehen.
War doch ein ausgewogener und unaufgeregter Artikel - was also soll das Gemaule? Es ist doch eine lobenswerte Sache, wenn es nach einem Unfall oder einer Krankheit Möglichkeiten gibt, kosmetische Beeinträchtigungen zu reparieren. Daß im Bereich der zweckfreien Schnipselei Scharlatane und willige Opfer eine unheilige Allianz bilden, können Sie wohl kaum den im Bericht geschilderten Ärzten anlasten. Wenn man gelegentlich vermeintliche und tatsächliche Prominente im Fernsehen sieht, faßt man sich nur an den Kopf. Auf www.awfulplasticsurgery.com finden sich die einschlägigen Beispiele aus Hollywood - die Damen haben mittlerweile fast alle die selbe, viel zu kleine und alberne Nase... Schön auch, wenn die Ladies ärmelfrei tragen und sich die Narben von der letzten Silikonauffüllung zeigen. Jedem Tierchen sein Plaisirchen...
j0nnl 07.04.2011
4. asd
Zitat von ich_binsWenn Schönheitschirurgie so gefragt ist, warum wird dann keine spezielle Facharztausbildung dafür angeboten? *Das* würde der Branche gut tun.
Die Antwort ist ganz einfach. Es gibt bereits eine spezielle Facharztausbildung: Die zum plastischen Chirurgen. Es liegt also im Prinzip im Verantwortungsbereich des Kunden, darauf zu achten, dass der behandelnde Arzt ein plastischer Chirurg ist. Das zeugt zumindest von einer Fachausbildung im relevanten Bereich und minimiert so das Risiko von Komplikationen. Wenn man es schon für nötig hält, entgegen der Vernunft eine OP vornehmen zu lassen, die medizinisch weder notwendig ist noch Vorteile bringt, so muss man sich wenigstens selbst bilden und darauf achten, dass der behandelnde Arzt eine relevante Ausbildung hat. Tut man dies nicht, so trägt man auch die Verantwortung wenn's schief geht. Da der Begriff des Schönheitschirurgen kein rechtlich geschützter ist, kann sich wie im Artikel genannt, jeder so nennen, der eine wie auch immer geartete Facharztausbildung genossen hat. Die Profiteure der Schönheitschirurgie begrüßen es, dass keine spezielle Ausbildung im Fach der Chirurgie vorgeschrieben ist. So wird's natürlich leichter ans Geld zu kommen. Selbst wenn die Approbationsordnung dahingehen geändert würde, dass nur noch Chirurgen auch tatsächlich chirurgisch tätig werden dürften, würde dies "lediglich" eine Risikominimierung bedeuten- und vermutlich die Behandlungspreise in die Höhe treiben, und dafür sorgen, dass noch mehr Kunden im billigeren Ausland OPs vornehmen lassen. Denn der Markt für Schönheits-OPs wird ja nicht kleiner. Das Problem, das im Artikel vielleicht ein wenig zu sehr zwischen den Zeilen steht ist aber viel tiefer als mangelnde Ausbildung von Schönheitschirugen. Es geht um die notwendige Anständigkeit, die vielen Medizinern fehlt. Die "guten" Ärzte vertreten wie dem Text zu entnehmen ist die Meinung, dass die Schönheitschirugie dem medizinschen Ethos entgegen steht. Das kann und muss ich so 100% unterschreiben. Sicher gibt es Menschen, die in einem Grenzbereich sind, an dem es kein notwendiger Eingriff ist, aber der Leidensdruck ob des eigenen Aussehens nachvollziehbar ist. Aber die allermeisten Fälle in der aktuellen Entwicklung sind doch unter dem Motto "aufpimpen". Hier ein bissl Knorpel weghobeln, da ein kleines Implantat, da ein bißchen Falten weg. Und dieses Problem kann auch keine bessere Ausbildung der Operateure lösen. Der Markt wird sich das Angebot im Zweifelsfall woanders suchen. Die ganze Thematik ist natürlich eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung, die viel tiefer geht als die reine Formalität, die einem Aufschluss gibt, wer eine chirugische Facharztausbildung hatte. Hier geht es darum, dass Menschen in dem Wahn aufwachsen, einem ganz bestimmten Schönheitsideal entsprechen zu müssen, das in seiner Essenz auf zweidimensionaler Symmetrie und dem damit zusammenhängenden Kindchenschema besteht. Das ist ein so vielschichtiges Problem, dass es sich kaum lösen lassen wird. So ist der Ansatz der zitierten Mediziner auch bescheidener. Mal beschränkt sich darauf, den Ruf der eigenen Gilde wieder einigermaßen herzustellen zu wollen.
henkeltopf 07.04.2011
5. Leider Blödsinn
Zitat von sysopMit Brustvergrößerungen und Fettabsaugen lässt sich viel Geld verdienen - aber was hat das noch mit Medizin zu tun? Junge Ärzte wollen der*plastischen Chirurgie*zu mehr Seriosität verhelfen. Der Tod einer großbusigen Pornodarstellerin hat den Ruf ihrer Branche jüngst arg ramponiert. http://www.spiegel.de/unispiegel/heft/0,1518,743978,00.html
Das sind alles die klassischen Aufgaben eines Mund- Kiefer- und Gesichtschirurgen. Vorraussetzung sind ein Studium der Humanmedizin UND Zahnmedizin plus Facharzt. Das hat nichts mit plastischen Chirurgen, Unfallchirurgen oder sonst was zu tun. Dieser fiktive "Sammy", der dies angeblich im praktischen Jahr macht, ist also ein schlecht recherchierter Unfug, der den Artikel leider ziemlich peinlich aussehen lässt.
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