1000 Fragen Vertreibt Bewegung den Muskelkater?

Wer in einer Woche vom Sportmuffel zum Marathonläufer mutieren will, muss sich auf Muskelkater einstellen. Der kommt verspätet und bleibt dafür gern länger. Ist es wirklich eine gute Idee, den schmerzenden Körper gleich wieder mit Bewegung zu malträtieren?


Der gut gemeinte Rat von Mutti oder Mitbewohnern kann noch mehr nerven als der Schmerz an sich: "Du musst Dich gleich wieder bewegen, dann geht der Muskelkater schneller weg." Autsch! Noch ärgerlicher ist für den so Überredeten, dass das nicht mal stimmt: "Die Wissenschaft hat bisher noch kein Mittel nachgewiesen, das die Dauer eines Muskelkaters verkürzt", sagt Hans-Joachim Appell, Professor für Funktionale Anatomie an der Sporthochschule Köln. Aber das heißt nicht, dass man nichts dagegen tun kann.

Gestählte Körper: Training beugt Muskelkater vor
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Gestählte Körper: Training beugt Muskelkater vor

Früher ging man davon aus, dass Muskelkater durch zu viel Milchsäure im Körper entsteht. Das ist mittlerweile widerlegt. Klar ist, dass die Milchsäure sowohl bei Anfängern als auch bei Sportprofis auftritt. Ungeübte bekommen aber viel eher Muskelkater.

Dem Forschungsstand nach ist Muskelkater ein Zeichen für akute Überlastung: Die häufigsten Auslöser sind neue, ungewohnt lange und besonders harte Tätigkeiten oder Bewegungsabläufe, gepaart mit einer Portion Selbstüberschätzung.

Durch die Ausnahme-Belastung bilden sich winzige Risse im Muskelgewebe. Es werden Entzündungsstoffe freigesetzt, Wasser kann durch die Risse ins Gewebe fließen. Dort sammelt es sich, und langsam schwellen die Muskelfasern an. Der Dehnungsschmerz ist das, was man Muskelkater nennt. Und der kommt nicht sofort bei Kilometer 42, sondern erst, wenn die Laufschuhe schon wieder in der Ecke stehen. Der Name "Muskelkater" kommt vermutlich von der Eindeutschung des Wortes "Katarrh", das eine Schleimhautentzündung bezeichnet.

Kirschsaft statt Ausdauertraining

Wer trotz Schmerz und nicht zu beschleunigendem Heilungsprozess nicht darauf verzichten möchte, mit sportlichen Höchstleistungen Eindruck zu schinden, kann sich auf Vorbeugung und Linderung des Muskelkaters konzentrieren. Zum Beispiel, indem er viel Kirschsaft trinkt. US-Wissenschaftler haben in einer Ministudie mit 14 Collegestudenten herausgefunden, dass der Konsum von Sauerkirschsaft sowohl den Verfall der Muskelleistungsfähigkeit bremst als auch das Schmerzempfinden positiv beeinflusst. Die Safttrinker hatten weniger Muskelkater als die Wassertrinker, vermutlich weil Sauerkirschen entzündungshemmend wirken.

Ansonsten gibt es altbewährte Ratschläge von der Anti-Muskelkater-Forschungsfront: regelmäßig Sport treiben, die Leistungen nur allmählich steigern und die Muskulatur vor dem Sport aufwärmen. Das erhöht die Chancen, am Muskelkater vorbei zu kommen. Auch durchblutungsfördernde Hausmittelchen wie Omis Arnikaschnaps (einreiben, nicht trinken!) beugen Muskelkater vor und lindern die Beschwerden.

Wenn es schon zu spät für Vorbeugung ist, müssen ein paar Tage mit Muskelkater ja gar nicht so schlimm sein. Im Gegenteil: Entspannungsbäder, Sauna und sanfte Massagen sind dann angesagt. Und ist von den Dauersportlern im Freundeskreis kein Mitleid zu erwarten, bleibt immer noch die Option, sich vom Lauftreff zu verabschieden und auf Reitsport umzusteigen. Pferde sind nämlich neben Menschen die einzigen Säugetiere, die auch Muskelkater bekommen können. Geteiltes Leid ist bekanntlich halbes Leid.

smv/ddp



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