21 unter 21 Arne Semsrott, Weltverbesserer mit Biss

Schüler-Redakteur, Schulsprecher, Jugend-Lobbyist: An Courage fehlt es Arne Semsrott, 19, nicht gerade. Die Rektorin zensierte sein Blatt - er ging in die Unterwelt und gewann beim SPIEGEL-Schülerzeitungswettbewerb. Jetzt ist Arne in Rumänien und hilft Obdachlosen.

Von Matthias Eberspächer


Arne hat einen Begleiter. Ein Wort. Immer wieder musste er es hören. Von Lehrern, Schulleitern, Eltern. Und jedes Mal wurde ihm eine Hürde in den Weg gestellt. Langsam kann er es nicht mehr hören, das: "ABER". Mit einem langen "A": Aaaber.

Arne fährt sich mit der Hand durchs Bärtchen. Er schaut durch die große Scheibe, auf den grünen Rasen der Hamburger Fußball-Arena. Er sitzt im Stadionrestaurant. Draußen im Block liegen zwischen den Sitzen plattgetretene Pappbecher, zerknüllte Zeitungen. Gestern hat Deutschland hier gegen die Slowakei mit 2:1 gewonnen. Arne gegenüber sitzt Marinus Bester, der Teammanager des HSV-Fußball. Wie so oft hat Arne ein Anliegen. Er will einen Paten, einen HSV-Spieler, für sein letztes Projekt an der Schule.

Marinus Bester war früher selbst Fußball-Profi, der zaudert nicht lange. Er sagt, dass er Arnes Engagement super findet. Arne will seine Schule zu einer "Schule ohne Rassismus" machen. "Toll und beachtlich", sagt Bester. Er will ihm Publikumsliebling Thimothée Atouba, den Kameruner Nationalspieler, als Pate schicken.

Pause. Arne faltet die Hände unter dem Kinn und wartet.

Doch es kommt nicht - diesmal kein "Aber". Seit Jahren folgte jedem "Toll" in Arnes Leben ein "Aber". Ist jetzt endlich Schluss damit?

"Schülerzeitungsverbot? Da scheiss ich drauf!"

Ende der elften Klasse, vor knapp zwei Jahren: Arne zwängt sich mit seinem Bruder Nico, 400 Ausgaben der Schülerzeitung "Sophies Unterwelt" und den anderen Redaktions-Mitgliedern in ein Dixiklo. Es steht vor der Sophie-Barat-Schule, einem privaten Hamburger Gymnasium, auf das Arne seit sechs Jahren geht. An den Dixi-Wänden hängen Plakate: "Illegal? Scheissegal!" und "Schülerzeitungsverbot? Da scheiß' ich drauf!". Sie verkaufen die dritte Ausgabe ihrer Zeitung.

Vorher war Arne beklebt mit Werbeplakaten durchs Schulgebäude gelaufen. Bis ihm die Schulleiterin persönlich die Plakate vom Leib riss. Sie hatte die Zeitung offiziell verboten. Den Verkauf störte das wenig: 400 Hefte brachten Arne, Nico und die anderen binnen einer Stunde unter die Schüler.

Wie es so weit kam? Als Zehntklässler schrieben Arne und sein Bruder noch für "Sophies Welt", die offizielle Schülerzeitung am Barat-Gymnasium. Ein Beratungslehrer beaufsichtigte sie, jeden Artikel segnete er vor der Veröffentlichung ab. Dann musste die Redaktion auch noch gegen ihren Willen Texte ins Heft nehmen. Also beschloss sie, eine eigene Zeitung zu gründen: "Sophies Unterwelt". Die Rebellion begann.

Die Schulleitung versuchte, das Engagement der Redakteure auf andere Aktivitäten umzulenken. Und scheiterte. Sie fand das alles zwar "toll" - "ABER" die Unabhängigkeit der Schüler machte sie stutzig.

Als Arne und die anderen die erste "Unterwelt"-Ausgabe auf dem Schulhof verkauften, verbot die Schulleitung das. Sie verbot auch Redaktionstreffen im Schulgebäude; Lehrer durften der Zeitung keine Interviews mehr geben und musste bereits gegebene Interviews zurückziehen.

Zensur. Ein echtes Eigentor. "Sophies Unterwelt" wurde zur besten Schülerzeitung Hamburgs gewählt. An den Verboten änderte das nichts. Die Redaktion machte weiter. Als Arne die elfte Klasse beendete, hatte Bruder Nico das Abitur in der Tasche - und Arne die Nase voll, vom ständigen Kampf gegen Lehrer und Schulleitung, nebenher auch noch als Schülersprecher. Er verließ das katholische Privatgymnasium und wechselte an ein staatliches.

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