21 unter 21 Magdalena Neuner, Biathlon-Star und Profi-Strickerin

Sie spielt Harfe, strickt, wohnt in einem bayerischen Bergdorf. Und ist dreifache Weltmeisterin im Biathlon. Gerade geht die Saison wieder los - Magdalena Neuner, 20, startet als Favoritin. Sie ist jetzt ein Star, nicht mehr bloß das nette Teenie-Mädchen vom Land.

Von Roland Wiedemann


Als sie am Ende des vergangenen Winters zurück nach Hause, nach Wallgau in Oberbayern, kam, hatte sie ein wenig Angst. Dass Magdalena Neuner nach der Biathlon-Saison eine Pause im Heimatdorf einlegt, war nicht neu. Aber diesmal lagen in ihrem Gepäck drei Goldmedallien, von der WM in Antholz. Und Magdalena befürchtete, dass nach den Titeln nichts mehr so ist, wie es einmal war.

In Wallgau wurde es ein fröhlicher und unverkrampfter Abend mit den Freunden. Wie immer halt, wie früher. Sport und Biathlon waren kein Thema. "Ehrlich gesagt", sagt Magdalena, "hat mich das positiv überrascht."

Sie ist Weltmeisterin, jetzt vermisst sie Normalität

Magdalena Neuner ist heute froh um jedes noch so kleine Fitzelchen Normalität in ihrem Leben. Die Tage Anfang Februar in Antholz in Italien haben ihr Leben durcheinander gewirbelt: Sie, die damals 19-Jährige, düpierte die gesamte Biathlon-Weltspitze, erlief und erschoss sich Gold in den Disziplinen Verfolgung, Sprint und in der Staffel.

In wenigen Monaten hat sie geschafft, wofür andere Athleten Jahre brauchen. Wenn sie überhaupt erst das gnadenlose Ausleseverfahren des Leistungssports überstehen - und es danach bis in die Weltspitze bringen.

Für ihren Sport ist Magdalena ein Glücksfall. Sie ist jung, sportlich ganz vorn, wenn sie lächelt, strahlt ihr ganzes Gesicht. Entsprechend groß ist jetzt der Rummel. "Interviewtermine, Fotoshootings und Autogrammstunden – da bleibt kaum noch Zeit", sagt sie. "Das zehrt an einem."

Seit sie Weltmeisterin ist, stehen die Sponsoren Schlange. Ohne eigenen Manager geht nichts mehr. Sie hat ein paar lukrative Verträge unterschrieben. Und ein paar mehr nicht. Immerhin wurde es im Sommer ein bisschen ruhiger.

Erste eigene Wohnung - fünf Minuten von den Eltern

Wallgau ist ihr Ruhepol, in Wallgau tankt sie Kraft. Ein Örtchen, das bayerischer nicht sein könnte: 1500 Menschen wohnen hier, prächtige Bauernhäuser reihen sich aneinander, hinter ihnen bauen sich die Berge des Karwendelmassivs auf. In der Mitte des Dorfes steht eine Kirche mit Zwiebelturm. Dort dirigiert Magdalenas Vater, ein Bankangestellter, die Musikkapelle. Klar, dass sie da früher auch mitgespielt hat, oder? Magdalena schmunzelt, sie ist zwar Musikerin, spielt die Harfe, zum Beispiel, aber: "Frauen dürfen da nicht mitmachen. Das ist in Wallgau reine Männersache."

Bis vor kurzem wohnte Magdalena noch bei den Eltern, im Sommer nach dem großen Durchbruch probierte sie, auch privat ein wenig flügge zu werden. Sie richtete sie sich ihre erste eigene Wohnung ein, auch in Wallgau - aber vom neuen Zuhause zu den Eltern geht man fünf Minuten. Sie sei halt "ein Familienmensch", sagt Magdalena. Und da bleibt man lieber im Dorf, auch wenn auf dem Geburtstagskuchen schon die 20 steht. Ein Alter, in dem es anderen jungen Menschen nicht weit genug weg von Traditionen, Elternhaus und Nestwärme gehen kann.

Die Sache mit dem Stricken

Und dann ist da ja noch die Sache mit dem Stricken: Es passt fast zu gut, aber Magdalena strickt halt gern. Und das ist, Verzeihung, nicht nur eine Masche. Es sei zwar jetzt nicht ihre absolute Lieblingsbeschäftigung, sagt sie, aber Wollknäuel und Nadeln kommen immer mit. Zum Training, zum Wettkampf, in der Freizeit.

Magdalena strickt und häkelt am liebsten Socken und Mützen mit "leichten Mustern". Auch zum Weltcup-Auftakt nach Finnland hat sie diese Woche die Wollknäuel mitgenommen. Das schreibt sie jedenfalls in ihrem "Strickblog" auf ihrer Strick-Website.

Autogrammkarten mit einem Bildchen im selbstgestrickten Pullunder gibt es da, Strickanleitungen zum Sammeln und Nachstricken und ganz viele Fotos von Magdalena in Wollsachen. Das Ganze mit freundlicher Unterstützung einer Firma für Wolle und Garne. Auf einem Bild in der Galerie sitzt Magdalena im Biathlon-Anzug inmitten eines Berges von Wollknäuel auf der Bank vor einer hölzernen Berghütte, an deren Wand ihre Biathlon-Skier und das Gewehr lehnen. Und mittendrin dieses Lächeln.

Magdalena Profisportler? Ihre Eltern fanden's nicht so klasse

Dass sie einmal Profi werden will, habe sie schon lange gewusst, sagt Magdalena. Als sie das im Englischunterricht auch einmal laut gesagt hat, wurde sie von ihrem Lehrer nur milde belächelt. Na und? "Hat mir nichts ausgemacht" sagt sie. "Wenn ich mir mal was in den Kopf gesetzt habe, dann gebe ich keine Ruh’."

Ihre Eltern fanden die Idee mit dem Profisport aber auch nicht so richtig prima. Damals, vor vier Jahren, beendete Magdalena mit 16 Jahren und dem Realschulabschluss ihre Schullaufbahn, um sich voll und ganz dem Sport zu widmen. Ihre Mutter und ihr Vater sind eher das Gegenteil von überehrgeizigen Sportlereltern - sie waren eigentlich dagegen. Schließlich gaben sie nach.

"Dafür bin ich ihnen bis heute sehr dankbar", sagt Magdalena. Klar fragt sie sich manchmal, ob es vielleicht nicht doch besser gewesen wäre, das Abitur zu machen - um später einmal mehr Möglichkeiten zu haben. Studieren oder so. Heute ist sie Hauptwachtmeisterin beim Zoll.

"Meine Noten waren ganz gut. Ich bin auch gern in die Schule gegangen", sagt sie. "Aber auf dem Gymnasium hätte ich viel weniger Zeit zum Trainieren gehabt." Andersherum: Dass sie schon vier Jahre lang unter Profibedingungen trainiert, das ist wohl der Schlüssel ihres Erfolgs.

Der Saisonbeginn ging schon mal schief

Nimmt man ihre Erfolge in der Loipe und am Schießstand zum Maßstab, hat Magdalena Neuner die richtige Entscheidung getroffen. Der Betreuerstab des Nationalteams ist von ihr begeistert, allen voran Bundestrainer Uwe Müssiggang. Trotz der Erfolge macht er sich keine Sorgen, dass die Jüngste im Team den Boden unter den Füßen verlieren könnte: "Magdalena ist bodenständig, in der Familie verwurzelt und kann sehr gut einschätzen, wo sie steht", sagt er.

Sie ist schon dreifache Weltmeisterin geworden, aber wenn sie über die Ziele für die neue Saison spricht, gibt sich Magdalena überaus bescheiden: Sie will sich im starken deutschen Biathlon-Team für die WM qualifizieren, sagt sie, und am Ende der Saison im Gesamtweltcup unter den Top Ten stehen. Zu hohe Ziele will sie sich bewusst nicht setzen - der Druck von außen sei schon groß genug.

Beim Weltcup-Auftakt im finnischen Kontiolahti lief sie gestern zwar wie immer gut, aber schoss am Schiessstand aus purer Nervosität fünfmal daneben. "Ich mache mir nichts vor", sagt sie, "es wird nicht mehr so sein, wie zu Beginn der vergangenen Saison."

Damals war sie noch Lena, 19, aus Wallgau in Oberbayern. Jetzt ist sie die dreifache Weltmeisterin. Auch kein schlechtes Gefühl.



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