Wenn Lavender, 17, ihre Hausaufgaben erledigt hat, fegt sie die Holzkohle aus der fensterlosen Lehmküche, breitet dort, wo das Feuer gelodert hat, eine Bastmatte zum Schlafen aus und packt ihre Schulbücher für den nächsten Tag in eine weiße Plastiktüte vom Supermarkt. Das Plastik hat sich an den Griffen schon zu dünnen Striemen verformt:


Lavender besitzt noch ein Beutelchen aus Stoff. Aber das ist so klein, dass nicht einmal ein Apfel hineinpassen würde. Was Lavender darin aufbewahrt, präsentiert sie stolz jedem, der sie danach fragt: eine kleine Glocke aus Silikon. Eine Menstruationstasse.

Lavender hat sie vor zwei Jahren von Golda Ayodo, 38, geschenkt bekommen, einer zweifachen Mutter aus Masogo, die sich zusammen mit anderen Frauen der Gemeinde im Westen Kenias dafür einsetzt, dass Mädchen wie Lavender auch während ihrer Periode zur Schule gehen.

Keine Selbstverständlichkeit in einem Land, in dem eine Packung Binden fast so viel kostet wie ein Tageslohn.

Viele Mädchen packen sich aus Not Lumpen in die Unterhose, Watte oder gar Sand - Hauptsache saugfähig. In die Schule trauen sie sich damit nicht. Aus Angst, die wertvolle Schuluniform dreckig zu machen oder sich vor Mitschülern zu blamieren:

Judith Atieno, 21, freiberufliche Fotografin aus Nairobi: "Ich komme aus Mathare, einem der größten Slums von Nairobi. In meiner Schule wurden Binden verteilt, aber es waren eigentlich nie genug. Manchmal bekam ich nur zwei Stück, und die mussten für die komplette Periode reichen. Meinen Vater hat das nicht interessiert, ihm waren andere Dinge wichtiger - und er hat das Geld verwaltet."

Das kenianische Bildungsministerium schätzt, dass Mädchen in vier Jahren Highschool insgesamt 156 Tage verpassen, weil sie wegen ihrer Periode den Unterricht schwänzen. Viele Fehlzeiten in der Schule bedeuten schlechtere Noten - und damit schlechtere Aussichten auf einen gutbezahlten Job. Das hat auch Kenias Präsident Uhuru Kenyatta erkannt. Zwei Monate vor den Wahlen in Kenia hat er noch schnell ein Gesetz unterzeichnet, das staatliche Schulen dazu verpflichtet, alle Schülerinnen mit Binden zu versorgen. Das gleiche Versprechen hatte im vergangenen Jahr im Nachbarland Uganda sein Amtskollege Yoweri Museveni gegeben - aber nicht eingelöst. In Kenia will die Regierung nun 500 Millionen Schilling pro Jahr, rund 4,3 Millionen Euro, für die Binden bereitstellen.

Aber werden sie die Mädchen auch erreichen?

Schon seit 2011 gibt es in Kenia ein staatliches Programm, das arme Schülerinnen mit Binden versorgen soll. An Lavenders Schule reicht das Geld bislang aber nur für eine Packung Binden im Monat - für 115 Schülerinnen. "Im Notfall können sich die Mädchen eine Binde im Sekretariat abholen, aber nur einmal. Am nächsten Tag müssen sie eine andere Lösung finden", sagt Agneta Opiti, die Leiterin der Padre Pio Schule.

Blutsschwestern

Die Golden Girls


Wenn es nach Golda Ayodo geht, heißt diese Lösung: Menstruationstasse. „Man muss sie nur einmal am Tag leeren, und sie hält zehn Jahre lang, das ist perfekt“, sagt sie. Sie zieht von Schule zu Schule und erklärt es den Mädchen. Ihr Unterricht gleicht einem Motivationsseminar, sie hüpft herum, klatscht in die Hände, flucht und jubelt auf Swahili.

"Es darf nicht aussehen wie Unterricht, es muss Spaß machen", sagt sie hinterher. "Sonst benutzen die Mädchen die Tassen nicht."


Golda hat geschafft, wovon viele Mädchen in Masogo träumen: durch Bildung der Armut im Dorf zu entkommen. Sie hat Betriebswirtschaftslehre in Indien studiert. Aber sie ist zurückgekehrt und unterrichtet nun an der Universität in Kisumu, einer Stadt am Viktoriasee, eine Stunde von Masogo entfernt. Zur Frauenrechtlerin wurde sie eher zufällig: Bei einer Preisverleihung an der ehemaligen Grundschule ihres Mannes. Ausgezeichnet werden sollten die besten Schüler jedes Fachs, Golda und ihr Mann waren als Ehrengäste geladen. 30 Jungs und sieben Mädchen gehörten zum Jahrgang. Alle Mädchen gingen leer aus.

Zu faul, sagten die Lehrer. Zu viel zu tun, sagten die Mädchen.

Sie berichteten Golda, wie sie nach der Schule putzten, kochten, kilometerweit liefen, um Wasser, Brennholz und Lebensmittel zu besorgen. Wie ihnen vor Müdigkeit über den Hausaufgaben die Augen zufielen. Und wie sie sich einmal im Monat nicht in die Schule trauten aus Angst, ihre Schuluniform mit Blut zu besudeln.

Knapp fünf Kilometer läuft Lavender jeden Tag zur Schule und zurück. Die Lehrer sehen es nicht gern, wenn die Mädchen Flipflops zur Schuluniform tragen. Aber die teuren Lederschuhe, die zur Schuluniform gehören, wollen alle schonen. Deshalb hat auch Lavender sie im Klassenzimmer deponiert.

Golda redete mit den Eltern, sammelte Spenden für Binden und neue Schuluniformen, traf sich regelmäßig mit den Mädchen – und war dabei, als sie bei der Preisverleihung im folgenden Jahr acht von zehn Auszeichnungen abstaubten.

Sieben Jahre sind seither vergangen. Mehr als hundert Frauen aus der Umgebung engagieren sich bei der von Golda gegründeten "Golden Girls Foundation". Jede betreut fünf bis sieben Schülerinnen. Statt Binden verteilen sie Menstruationstassen.

Zum ersten Mal ausprobiert hat Golda eine solche Tasse vor vier Jahren. Zwei Däninnen und eine Deutsche hatten sie ihr gegeben. Das Konzept der drei Firmengründerinnen: Für jede in Europa verkaufte Menstruationstasse spenden sie eine an ein Mädchen in Afrika.


Blutsschwestern

Zeit zum Lernen


Mehr als 6000 "Ruby Cups" hat Golda schon verteilt. Lavender hat sie als eine der Ersten ihrer Klasse ausprobiert. "Am Anfang kam ich nicht so gut damit klar, aber nach einiger Zeit dann schon", sagt sie. "Jetzt kann ich mir gar nichts anderes mehr vorstellen, das spart so viel Geld."


50 Schilling, rund 40 Cent, kostet eine Packung mit acht bis zehn Binden der einfachsten Sorte. Wer saugkräftigere, extralange oder welche mit Flügeln an den Seiten haben will, muss bis zu 150 Schilling zahlen, rund 1,30 Euro. Kenia war 2011 weltweit einer der ersten Staaten, der die Steuern auf Damenhygieneprodukte abgeschafft hat. Trotzdem sind Binden für viele Frauen in Kenia noch immer unerschwinglich.

Lavenders Mutter kann an den meisten Tagen nicht einmal die 50 Schilling aufbringen, die ihre einzige Lampe mit Solarstrom versorgen würde. Lavender lernt deshalb meistens im Schein einer Petroleumlampe. Zeit zum Lernen hat sie immer erst, wenn es dunkel ist. Wenn sie gegen 18 Uhr von der Schule nach Hause kommt, muss sie Wasser holen, kochen, spülen.

Mit 15 bekam Lavender zum ersten Mal ihre Tage. Und mit 15 befand die Mutter, sie sei nun alt genug, mit dem 20-Liter-Kanister loszuziehen.

Bis zu den Knien steht sie deshalb jeden Abend in der Dreckbrühe, drückt die Öffnung des gelben Kanisters unter Wasser, bis er vollgelaufen ist. Dann schleppt sie ihn zum Ufer, wickelt einen roten Schal um ihre Hand, legt sich die Schlaufe auf den Kopf und wuchtet den Kanister auf ihren Scheitel. Freihändig, 20 Kilo auf dem Kopf balancierend und nur mit Flipflops an den Füßen, meistert sie den schlammigen Pfad zurück. Lavenders Lieblingsfach in der Schule ist Wirtschaft, das möchte sie später mal studieren. So wie Golda.




Eine Menstruationstasse, die bis zu zehn Jahre hält - könnte sie demnächst Binden und Tampons auch in anderen Ländern ablösen? Diskutieren Sie mit!

Impressum

Autorin: Verena Töpper

Fotos und Videos: Maria Feck

Redaktion: Lisa Erdmann, Jens Radü

Dokumentation: Almut Cieschinger und Claudia Niesen

Schlussredaktion: Christine Sommerschuh

Programmierung: Anna Behrend, Chris Kurt

Koordination Projekt "Expedition ÜberMorgen": Anna Behrend



Diese Reportage ist Teil des Projekts Expedition #ÜberMorgen.