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13. Juni 2008, 10:06 Uhr

ABC-AG

Platz da, die Privatschule-Kette kommt

Von Carola Rönneburg

Erst Berlin, dann die ganze Republik: Mit ihren Privatschulen zielt die Phorms AG auf Kinder ehrgeiziger Mittelschichtseltern - bald bundesweit. Die Gründer haben viel investiert, denn am Ende wollen sie mit Bildung gutes Geld verdienen. Ein Schulbesuch bei polyglotten Pionieren.

Am Gartenplatz in der Ackerstraße wirkt der Berliner Bezirk Wedding wie eine trostlose Brandenburger Kleinstadt. Nur wenige Anwohner sind auf den Gehsteigen unterwegs, vor den blickdicht zuplakatierten Schaufenstern eines Supermarktes trinken ein paar Männer Dosenbier, an der Bushaltestelle warten drei Fahrgäste geduldig auf die Linie 247.

Plötzlich bringt eine Gruppe aufgeregt schnatternder Kinder Bewegung: Begleitet von zwei Frauen, stellen sich die Kleinen artig in Zweierreihen auf, marschieren über die kopfsteingepflasterte Straße und verschwinden durch den mächtigen Torbogen in einer alten Fabrik aus Backstein. Hier gehen sie zur Schule. Zu bedauern sind die Kinder jedoch nicht: In umgebauten Hallen des früheren AEG-Gebäudes sind eine Phorms-Grundschule und das erste Phorms-Gymnasium untergebracht.

Phorms-Schulen - der Name steht für eine Melange aus Form und Metamorphose - gibt es auch in Frankfurt am Main, Köln und München. Hannover und Hamburg sollen folgen. Schwerpunkt ist die Sprachkompetenz: Schon Erstklässler werden in englischer Sprache unterrichtet. Wenn alles gut läuft, machen sie später ihr Abitur sowie das International Baccalaureate Diploma und werden außerdem "Weltbürger". Am Ende einer Phorms-Schullaufbahn jedenfalls sollen die Schüler sowohl in Deutsch wie Englisch auf muttersprachlichem Niveau parlieren und "wie ein Simultandolmetscher voraussehen können, was der Gesprächspartner sagen wird", schwärmt Musiklehrerin Kathy Andrews.

"Kleine Menschen, große Optimisten"

Die modern eingerichteten Räume sind beschriftet, wie es nur an bilingualen Einrichtungen üblich ist - überall Hinweise und Unterrichtsmaterial in beiden Sprachen. Und genauso selbstverständlich unterhalten sich die Gymnasiasten in der Pause mal auf Deutsch, mal auf Englisch. Sie wechseln durchaus von einer in die andere Sprache, aber nie mitten im Satz. Im Unterricht funktioniert das wohl nicht immer, wie ein blaues Blatt Papier zeigt: "English, please!" steht darauf. Es landet auf den Tischen von Schülern, die im englischsprachigen Unterricht deutsche Worte verwenden. Die 13- bis 14-Jährigen haben es aber auch schwerer als ihre jüngeren Mitschüler, weil sie erst seit dem letzten Sommer zweisprachig unterrichtet werden.

Der Phorms-Philosophie zufolge sind Kinder "kleine Menschen", die "große Optimisten bleiben" sollen. Goethe entliehen, konstatiert eine weitere griffige Formel, sie benötigten dafür "Wurzeln und Flügel" - mit Kuschelpädagogik hat die Schulkette nichts am Hut. Das zeigt sich etwa, wenn Englischlehrer Germar Kriesing seine Siebtklässler im Gebrauch des Konditional schult. Sie sind noch etwas träge vom Mittagessen - im sechsten Stock versorgt eine Kantine der Technischen Universität Studenten und Schüler. Also wirft er zunächst einen Mini-Football in die Runde. Wer ihn fängt, muss seinen Satz ergänzen: "If I were a superstar ..."

Dann wären Kriesings Schützlinge immens reich und hätten viele Freunde, stellt sich heraus, doch damit ist die Arbeit nicht getan. Nach der Aufwärmphase folgen schriftliche Übungen, spielerische Wiederholungen, erneutes Training. Das Tempo ist hoch, die Gruppe muss sich konzentrieren. Und einer, der nebenher vor sich hin malt, wird sofort ermahnt.

Der Trend geht zum Schul-Separatismus

Gerade jetzt, "in ihrem schwierigen Alter", sollen die Gymnasiasten Eigenverantwortung entwickeln, sagt Schulleiter Richard Hengelbrok. Er bezeichnet sich selbst als "Mittelstufenlehrer by choice" und plädiert entschieden dafür, dass die ewige Schülerfrage "Warum lerne ich das?" beantwortet gehört. Sein Kollegium begleite die Schüler den ganzen Tag lang, auch am Nachmittag, "beim Lernen und beim Aufwachsen".

Zum Erwachsenwerden gehöre die Möglichkeit, nach dem eigenen Willen zu verfahren - aber auch die Folgen zu tragen: "Deine Entscheidung, deine Konsequenzen", bringt es Hengelbrok auf den Punkt. Von wahrem Ärger mit Pubertierenden ist er allerdings meilenweit entfernt und weiß das auch: Ein einziges Mal hat der Direktor bisher mit einem Schüler ein ernstes Wort reden müssen.

Der Aufbruch der Phorms-Schulen markiert ein besonderes Kapitel in der deutschen Bildung. Der Trend geht zu Privatschulen, die inzwischen sieben Prozent aller deutschen Schüler beherbergen und großen Zulauf verzeichnen. Davon profitieren bisher drei Schultypen: Der Geldadel schickt seine Sprösslinge gern in die klassischen Internate irgendwo auf dem Lande im In- oder Ausland. Mittelschichtseltern auf der Suche nach traditionellen Werten geben ihre Kinder verstärkt in die Obhut konfessioneller Schulen, wo die Bildungswelt noch in Ordnung scheint. Hinzu kommen pädagogische Alternativmodelle - Waldorfschulen zum Beispiel oder einige selbst gebastelten Schulen von Elterninitiativen, die auf mehr Freiräume und weniger Frontalunterricht für ihre Kinder bauen.

Der Schul-Separatismus bricht sich Bahn. Wer es sich leisten kann und dem Staat nicht vertraut, nimmt Reißaus von staatlichen Schulen und bringt sein Kind so früh wie möglich in eine gute Startposition. Phorms füllt eine Pionierrolle: Ehrgeizige und besorgte Mittelschichtseltern in den Großstädten sind die Kernkundschaft, man setzt auf den Kettengedanken, will eine Bildungsmarke werden - und bekennt sich als Start-up unbekümmert zum Geldverdienen. Die Gründer legten sich von Beginn an auf ein vermarktungsfähiges Schulkonzept fest, ihre Idee soll bundesweit ein gutes Geschäft werden.

Für die Privatschule müssen Eltern nach Kräften zahlen - was ist ein "gesunder sozialer Mix"?

In die Aktiengesellschaft hinter den Phorms-Schulen hatten zunächst 24 private Investoren als Startkapital 800.000 Euro gepumpt; inzwischen ist das Kapital auf elf Millionen Euro gestiegen. Initiator Alexander Olek, vormals Gründer und Vorstandschef der Biotech-Firma Epigenomics und heute Aufsichtsratsvorsitzender von Phorms, gewann für seinen Plan unter anderen Rolf Schmidt-Holtz, Chef der Sony-BMG, und Antonella Mei-Pochtler, Senior Partner von der Boston Consulting Group. Dort arbeiteten einst auch Phorms-Vorstand Béa Beste sowie Ulrike Senff, die als "Human-Resources-Managerin" für die Schulkette nach Top-Pädagogen fahndet.

Die Phorms-Leute sind schon so polyglott, wie die Schüler erst noch werden sollen - sie sprechen astreines Management-Denglisch. Die langfristige Phorms-Planung sieht vor, dass die AG nicht nur Kapital für weitere Schulen bereitstellt, sondern auch andere Privatschulen managt, sich in der Lehreraus- und -fortbildung engagiert und, falls gewünscht, Schuluniformen vertreibt, die an den Phorms-Schulen zum nächsten Schuljahr kommen sollen.

Den Grundstein bilden die aktuellen Filialen: Die Klassenstärke liegt bei maximal 20 Schülern in der Grundschule und 24 im Gymnasium; zuständig sind je zwei Lehrkräfte für eine Klasse. Die Pädagogen schreiben auch nicht länger mit Kreide, sondern operieren über den Klassencomputer mit einem sogenannten Smartboard, einer Kreuzung aus Overheadprojektor und farbstifttauglicher Magnettafel.

Von der Reformpädagogik schließlich stammt die Methode, Themen wie "Umweltschutz" oder "Freundschaft" fächerübergreifend in Projektgruppen zu erarbeiten. Es wird viel und ausdrücklich gelobt, wer Lernschwächen oder -schwierigkeiten hat, erhält individuelle Förderung. Das klingt nicht besonders revolutionär, soll es aber auch nicht sein: "Gute Unterrichtsmethoden waren immer da", sagt Kathy Andrews - sie müssten nur eingesetzt werden.

"Gesunder sozialer Mix"?

Ganz entscheidend im Konzept sind die Öffnungszeiten der Schulen: Die Kinder werden von 7.30 Uhr bis 18 Uhr betreut. In den Unterricht gehen sie von 9 bis 16 Uhr, danach gibt es Freizeitangebote im Sport- und Kunstbereich. Eltern können also ihrem Beruf nachgehen - und das sollten sie auch besser, denn die Wurzel- und Flügelbetreuung hat ihren Preis. Phorms berechnet das Schulgeld standortabhängig und nach dem jährlichen Familienbruttoeinkommen.

Privatschulen: Enormer Andrang
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Privatschulen: Enormer Andrang

Am Berliner Gymnasium beträgt es derzeit 333 Euro im Monat bei 20.000 Euro Jahreseinkommen der Eltern, 400 Euro werden es im nächsten Schuljahr sein. Hinzu kommen 2,80 bis 4 Euro für die Mahlzeiten in der TU-Mensa. Das Schulgeld klettert auf bis zu 1059 Euro (jetzt 962 Euro) ab einem gemeinsamen Einkommen von 250.000 Euro. Eine ähnliche Spanne nennt der Verband der Privatschulen (VDP): "Im Durchschnitt liegt das Schulgeld zwischen 150 Euro bei Halbtags- und 800 Euro bei Ganztagsbetreuung", sagt VDP-Sprecherin Christiane Witek. Nur konfessionelle Schulen verlangten geringe bis gar keine Gebühren.

Die Schwankungen im Preisgefüge haben einen einfachen Grund. Nur wer nach einer Bewährungszeit von drei Jahren den Titel "staatlich anerkannte Ersatzschule" trägt, kann als Privatschulbetreiber öffentliche Mittel beanspruchen. Die staatliche Unterstützung deckt dann gewöhnlich etwa 60 Prozent der Personalkosten und wird in Nordrhein-Westfalen sogar ab Aufnahme des Schulbetriebs gezahlt, in Hamburg anteilig rückwirkend. Dafür muss die Schule sich an die Prinzipien des "Sonderungsverbotes" halten: Das Schulgeld muss sozialverträglich sein und darf wirtschaftlich Schwächere nicht benachteiligen.

Auf der Webseite preist Phorms den unterschiedlichen finanziellen Hintergrund der Schüler als "gesunden sozialen Mix statt Elfenbeinturm" an. Lässt man das schiefe Bild vom Elfenbeinturm beiseite, bleibt die Frage, was "gesund" ist: Wie viele Kinder aus unteren Einkommensklassen verkraften die Gymnasialklassen? Darüber spricht man nur auf mehrfaches Nachfragen. Und dann gern in Form von Textaufgaben.

"Hier bei Phorms sind alle nett"

Zur Zeit koste ein Platz 1000 Euro im Monat, heißt es dann, und dass bei 25 Schülern, verteilt auf zwei Klassen, zwölf Prozent der Eltern 333 Euro Schulgeld und weniger zahlen (es gibt ein Stipendium), 16 Prozent einen Beitrag von 600 Euro und mehr entrichten und 72 Prozent zwischen 334 und 599 Euro aufbringen. Diese Verteilung werde sich jedoch im kommenden Jahr deutlich verschieben - unter anderem, weil dann mit Fördergeld zu rechnen sei und außerdem die Schülerzahl steigen werde.

Wirtschaftlich kraftstrotzend, soviel wird immerhin klar, ist das Unternehmen noch nicht, weshalb nun auch ein geschlossener Fonds aufgelegt werden soll. Von der künstlich erzeugten sozialen Mischung ist die Phorms AG weiterhin überzeugt. Die sei "pädagogisch wertvoll", so die Vorstandsvorsitzende Béa Beste, und "gut für die Schulkultur."

Im Dienste dieser Schulkultur steht auch ein liebevoll gestaltetes Schulmagazin – keine Schülerzeitung. "Mitten in Berlin" soll letzte Zweifel an der Frage ausräumen, ob Privatschulgeld gut angelegtes Geld ist. "Ich komme aus einer Schule, in der ich fast in jeder Stunde eingeschlafen bin", zitiert die Schulzeitung eine überraschend eloquente Fünftklässlerin: "Hier bei Phorms" sei das anders, "alle Lehrer sind nett und geben einem Mut, Lust am Unterricht und Selbstvertrauen".

Auf mindestens 40 Filialen will die Phorms AG kommen. 40 Schulen, in denen es - entgegen aller gesellschaftlicher Realität - keine Schüler mit arbeitslosen Eltern gibt, wo die Migranten nicht türkische, sondern englische Muttersprachler sind und die wenigen Geringverdiener in der Elternschaft gleich einen doppelten Zweck erfüllen: Ihr Nachwuchs dient den Mittelschichtskindern als lebendiges Anschauungsmaterial. Und ihr Beitragssatz für die Schule sorgt für das schulamtliche Prädikat "förderungswürdig", mithin für staatlichen Mittelfluss.

Die größten Förderer dieser Privatschulform aber sind jene, die sie sich nicht leisten können. Es sind ihre Steuern, die von unten nach oben verteilt werden.

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