Abi-Abschlussfahrt Knutschen, kiffen und Kulturprogramm

Manche Mitreisende sind doof, das Essen ist grottig, der Kopf brennt auch irgendwann. Großartig ist eine Abifahrt dennoch, findet Marc Röhlig von der Jugendzeitung "Yaez". Ein Plädoyer für eine Woche Schwerelosigkeit und den Soundtrack zum letzten Tanz der Schulzeit.


Ich habe ehrlich versucht, jemanden zu finden, der seine Abschlussfahrt nicht mag. Jemanden, der daherkommt und sagt: Das war nicht der Bringer, das war so lala. Es gibt niemanden, ich habe keinen gefunden.

Jugendliche am Strand: Abifahrt macht schwerelos
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Jugendliche am Strand: Abifahrt macht schwerelos

Klar, hier und da wurde mal gemeckert; der Lehrer war auf der Fahrt ein Arsch, die Busreise zu lang, zu teuer, zu langweilig. Aber ein vernichtendes Urteil über die Abschlussfahrt? Vielleicht über die Schulzeit, über Lehrer und Prüfungen, über seine erste Beziehung oder seinen ersten Vollrausch. Aber die Abschlussfahrt, die ist, nun ja, irgendwie heilig.

Wir hatten damals zwei Reisebusse, doppelstöckig, Frachtraum für sieben Kurse. Taschen verstauen, Eltern loswerden, Flaschenklirren beim Einsteigen - das ist der Sound der Vorfreude.

Den Ersten, Fischi, haben wir in Nürnberg verloren: Er hat im Vollrausch seinen Mageninhalt auf den Schoß des Schulsprechers entleert und durfte nach 120 Fahrtkilometern gen Süden in einer Polizeistation auf seine Eltern warten. Der Rest von uns kam bis in die Toskana.

Voller Glückshormone am Strand

Es gab, ich erinnere mich, Kultur. Jede Menge. Wahrscheinlich toll. Nein, ehrlich, wir sind mit Videokameras und Fotoapparaten bewaffnet tapfer durch Florenz und Verona getappt. Doch die Hitze des Tages hat immer nur das Fieber der Nacht geschürt. Und die Mikrofonvorträge des Reiseführers waren nur ein Summen, ein Tusch, ein Trommelwirbel für den Vorhang, der mit dem ersten Kronkorken am Abend fällt.

Wir saßen mit Weißwein, Bier, Chips und Glückshormonen am Strand. Alle Schulter an Schulter, als wären wir schon immer eine große Familie, die besten Freunde gewesen. Serj und Ente basteln eine Bierbong. Tim kifft, Bert und Ernie schlagen ein Wettrennen zu den Wellen vor, Digga stolpert, und alle lachen. Niemanden aus, nur mit.

Klar, zwischen den Schulfluren, da gibt es Grüppchen, da gilt ein Stufengefühl nicht. Aber hier, mit der Seebrise, mit einem Handyspeaker - Gott, wie mich die Dinger mittlerweile nerven - in Hörweite, da glaubten wir, alles zu erreichen. Da waren wir schwerelos, zeitlos und ganz weit weg von Prüfungen, von Zukunftsängsten, Trennungsschmerz und Elternstress.

Dagegen: Abschlussfahrt ist, wenn ich ehrlich bin, immer das gleiche und sehr gewöhnlich und sehr vorhersehbar und wahrscheinlich nicht annähernd so gut wie erwartet. Da spielen Enttäuschungen hinein, der Spagat zwischen letztem Aufbegehren und Start in den Lebensernst klappt eigentlich auch nicht. Tatsächlich ist die Abfolge von Feten auch eine Abfolge von Morgenkatern. Am vierten Tag versagte mir die Stimme, an ein paar Stunden fehlt mir jegliche Erinnerung.

"Weißt du noch"-Momente

Heute habe ich nicht mehr zu allen Kontakt, weder zu Serj und Ente noch zu Ernie oder Fischi. Die Abschlussfahrt war wohl die letzte Woche, in der wir eins waren. Das einzige, was uns jetzt noch verbinden kann, sind die "Weißt du noch"-Momente.

Aber dann kommt alles wieder zusammen: Nie wieder gibt es einen Moment, der all die schmerzhaften und wunderschönen Gefühle deiner Jugend so rasant in eine Woche packt. Nie wieder wird die Schulzeit in einer Urlaubswoche im Schnelldurchlauf nachgespielt, wird der erste Soundtrack deines Lebens entworfen und die Schwelle in ein neues Leben so deutlich sichtbar.

Wir hatten unzählige Songs, die uns begleitet haben. "Get It On" von T-Rex, dazu konnte man lässig rumstehen oder absurd rumhampeln - ging beides. Oder "Take Me Out" von Franz Ferdinand, die waren gerade in den Charts und schrien in den Nachthimmel: Ich will raus, ich will Spaß haben. Aber was den Augenblick wirklich eingefangen hat, war Queen: "This is our last dance, This is ourselves, Under pressure".

Wir konnten nicht wissen, was kommt. Und wir konnten nicht wissen, ob das, was bisher gelaufen ist, gut war. Wir hatten nur diese Schwerelosigkeit und das Wissen, das alles anders wird. Aber warum sollte ich mir hier, am Strand, zwischen Knutschen mit Steffi und Kiffen mit Tim, auch nur einen Gedanken machen. Warum, wenn doch jetzt nur der Augenblick zählt? Der Augenblick zählt! - das war die Headline für jede Minute meiner Abschlussfahrt.

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