Abi-Boom Jeder zweite Schüler schafft die Hochschulreife

Nie schafften seit der Wiedervereinigung so viele junge Erwachsene in Deutschland das Abitur. Fast die Hälfte der 18- bis 20-Jährigen darf somit studieren - doch längst nicht alle entscheiden sich für die Immatrikulation.

Immer mehr Abiturienten: Es wird noch voller in den Hörsälen
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Immer mehr Abiturienten: Es wird noch voller in den Hörsälen


Weltweit sieht es nicht gut aus in Sachen Schulbildung: 67 Millionen Kinder besuchen keine Schule, das offenbarte gerade ein Bericht der Unesco. In Deutschland allerdings steigt stetig die Zahl derjenigen, die den höchsten Schulabschluss schaffen: Immer mehr Schüler machen das Abitur.

Fast jeder Zweite, 48,4 Prozent der 18- bis 20-Jährigen, haben 2010 das Abi oder Fachabi bestanden - ein Rekord seit der Wiedervereinigung, wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden berichtet. Diese sogenannte Studienberechtigtenquote hatte im Vorjahr noch bei 45,9 Prozent gelegen und 1992 - im Jahr der ersten Erhebung nach der Wiedervereinigung - nur bei 30,8 Prozent. Die Zahl für 2010 ist allerdings noch vorläufig.

Insgesamt haben demnach rund 456.600 Jugendliche und Heranwachsende das Abitur (69 Prozent) oder das Fachabitur (31 Prozent) bestanden - und somit insgesamt 1,6 Prozent mehr als 2009. Etwas mehr als die Hälfte der Studienberechtigen sind Frauen.

Wegen der starken Geburtenrückgänge in den neuen Bundesländern gibt es dabei allerdings starke Unterschiede zwischen Ost und West. Dazu kommen Sonderfaktoren wie die zeitlich gestaffelte Einführung des Turbo-Abiturs in den meisten Bundesländern.

Doppelte Abi-Jahrgänge und regionale Unterschiede

In Hamburg etwa haben diesmal zwei Jahrgänge die Hochschulreife erreicht; im Saarland dagegen ging die Zahl der Studienberechtigten deutlich zurück, weil bereits 2009 zwei Jahrgänge zum Abi angetreten waren. In den übrigen westlichen Bundesländern gab es überall Zuwächse bei den für ein Studium zugelassenen Absolventen, am stärksten in Schleswig-Holstein mit 9,4 Prozent.

In den neuen Ländern - einschließlich Berlin - ging die absolute Zahl der Studienberechtigten dagegen deutlich zurück, um 19,5 Prozent. Am stärksten war das Minus in Sachsen (28,4 Prozent). Die Zahl der Geburten im Osten lag im maßgeblichen Jahrgang 1991 aber fast 35 Prozent unter der des Vorjahres.

Wie viele sich aber tatsächlich für ein Studium einschreiben, ist fraglich. Im vergangenen Jahr kamen laut Statistischem Bundesamt 442.600 Studienanfänger an die Hochschulen (Sommer- und Wintersemester zusammengezählt), vier Prozent mehr als im Vorjahr. Damit sind derzeit 2,2 Millionen junger Menschen in Deutschland eingeschrieben - ein erneuter Rekordwert, wie schon 2009 und auch 2008.

Es ist allerdings vor allem ein Aufschwung West. In den Ländern Sachsen, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg sinken die Erstsemesterzahlen sogar. Die Statistiker schreiben das vor allem dem Geburtenknick nach der deutschen Einheit zu.

Bundesregierung, Länder, Hochschulen erklären die ingesamt wachsenden Zahlen seit Jahren stets mit ihrer guten Arbeit - das Studium werde eben immer attraktiver. Massive Hochschulproteste im Herbst 2009? Demos und Besetzungen gegen Bulimie-Lernen, Enge in den Hörsälen, die pannenreiche Einführung der Bologna-Reformen? Die jungen Leute strömen doch trotzdem an die Unis.

Doch dass schiere Studierbegeisterung die Abiturienten treibt, glauben wohl auch Hochschulen und Bildungsminister nicht. Die Studienanfängerzahl steigt und sinkt stets aufgrund vieler Faktoren. Entscheidend ist vor allem, wie viele Interessenten die Hochschulen hineinlassen, wie viele Plätze also die Länder zu bezahlen bereit sind. Hinzu kommen: geburtenstarke oder -schwache Jahrgänge, die Beliebtheit deutscher Hochschulen bei ausländischen Studenten, Einführung oder Abschaffung von Studiengebühren - und eben die doppelten Abiturjahrgänge.

Was Bildungsexperten schaudern lässt: Wenn zum 1. Juli 2011 die Wehrpflicht fällt, könnten bis zu 60.000 Studieninteressierten zusätzlich in die Hochschulen drängen. Und dann wird es extrem eng.

otr/dpa

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