Abi im Alleingang Bei Mathe kam das Nervenflattern

Sie wollen ein anderes, ein besseres Abitur: Zehn Jugendliche haben die Schule verlassen, selbst Lehrer angeheuert, in Eigenregie für die Prüfungen gelernt. Jetzt stecken sie mittendrin. Im Abi-Tagebuch erzählt Lenya Bock, 19, wie es für die Freigeister aus Freiburg läuft.


Es ist so weit. Jetzt hat begonnen, worauf wir uns nun seit sieben Monaten selbständig vorbereitet haben: das Abitur. Wir, das sind zehn Freiburger Jugendliche, die sich vor einem Jahr zusammengetan haben, um für das Abi selbst zu lernen. Unabhängig von einer Schule, frei - so, wie es für uns selbst am besten ist.

Abitur ohne Schule? Das geht, weil es die Möglichkeit eines externen Abiturs gibt, die Behörden nennen das "Schulfremdprüfung". Wir haben Räume angemietet und dort gelernt, wir haben Lehrer eingestellt, die uns geholfen haben, wenn wir nicht weiter wussten. Damit wir uns die Sache überhaupt leisten konnten, haben wir Sponsoren gesucht und einen Verein gegründet, um Spenden annehmen zu dürfen. Wir haben Finanzpläne aufgestellt und Stundenpläne und ständig nach Geld gesucht. Wir sind unser eigenes kleines Schulunternehmen.

Wie alle anderen müssen wir jetzt in einem normalen Gymnasium zum Abi antreten. Jetzt entscheidet sich, ob wir es ohne die Schule schaffen.

Frontalunterricht ist absurd

Vor zehn Tagen ging es los mit Deutsch, dann kamen Mathematik, Französisch, Geschichte. Die letzten drei Wochen vor dem schriftlichen Abitur hatte jeder von uns sein eigenes Programm: Die ganze Gruppe traf sich nur noch am Montag und Freitag für ein Stündchen am Morgen - um den anderen zu zeigen, dass man noch lebt. Den Rest der Zeit haben wir uns in Grüppchen getroffen, höchstens zu viert, teils mit, teils ohne Lehrer.

Es saßen die Leute zusammen, die ähnlich lernen. Es gibt ungefähr so viele Möglichkeiten, sich einen Inhalt zu erarbeiten, wie es Menschen gibt - jeder erklärt und merkt sich eine Formel, einen Zusammenhang, eine Idee anders. Das haben wir in den letzten Monaten sehr deutlich gemerkt. Umso absurder scheint mir heute der Frontalunterricht, mit dem die Schüler an der Schule für das Abi gelernt haben - wie soll der jedem einzelnen gerecht werden?

Wenn sich in meiner kleinen Gruppe jemand nicht vorbereitet, also nicht lernt, dann leiden auch die anderen darunter. Durch die gegenseitige Verpflichtung habe ich tatsächlich auch zu Hause gearbeitet. Für die letzten Wochen hatte ich mir einen strikten, geregelten Stundenplan entworfen. Ich wollte mir selbst beweisen, dass ich annähernd so diszipliniert sein kann, wie ich es gern wäre.

Abi-Probeklausur am eigenen Schreibtisch

Mein größtes Erfolgserlebnis: Ich habe eine komplette Deutschklausur zu Hause durchgehalten - fünfeinhalb Stunden am Schreibtisch. Mein Vater kam ins Zimmer und wollte verschiedene Dinge regeln. Ich blieb hart. Ab und zu habe ich mich dabei ertappt, dass ich mit mir selbst verhandeln wollte: "Ich mache mir jetzt nur schnell einen Tee und ziehe mir dafür 10 Minuten von der verfügbaren Zeit ab ..."

Es war ein echtes Triumphgefühl, als ich meinen "Klassenkameraden" später davon erzählen konnte. Nicht, dass ich etwas für unsere Gruppe Außergewöhnliches vollbracht hätte - aber wir kennen inzwischen unsere Stärken und Schwächen sehr gut und können ganz persönliche Erfolgserlebnisse genau einschätzen. So bekommt jeder mehr positive Rückmeldung als in der Schule, wo die Bewertung nach allgemeinen Kriterien ablaufen muss.

In den letzten Wochen vor den Prüfungen ging es nun allein darum, nicht wieder etwas zu vergessen, was ich schon gelernt hatte. Eigentlich lerne ich, weil ich etwas wissen will, weil ich Interesse an einer Sache habe. Jetzt musste Disziplin der Antrieb sein. Und das abstrakte Ziel, einen Abschluss, das Abitur zu schaffen.

In Deutsch habe ich mich auf die Novelle "Michael Kohlhaas" von Heinrich von Kleist vorbereitet. Bisher habe ich diese Geschichte gehasst. Ich habe sie wieder und wieder gelesen, sie mir auf CD von einer sehr angenehmen Stimme vorerzählen lassen; ich habe versucht, so viel Interessantes wie möglich daran zu entdecken.

Mutmacherplakate an der Wand

Es fühlte sich wirklich seltsam an, im Foyer des Faust-Gymnasiums inmitten eines Abiturientenpulks zu warten. Die Schüler wiederholten aufgeregt im Schnelldurchlauf die Leitmotive aller möglicher Werke.

Als wir in die Prüfungsräume gingen, war plötzlich alles wieder bis ins kleinste Detail geregelt, und zwar nicht von uns, sondern von "ganz oben": Jeder Schüler bekam einen festen Sitzplatz zugeteilt und eine Nummer, sie war sogar auf den Schmierzetteln. Mir war ganz schlecht vor Aufregung.

Wie so eine Abiprüfung aussieht, konnte ich mir vorher nicht recht vorstellen. Ich hatte mit einem Lehrer gerechnet, der strafend dreinblickt und die Schüler genau beobachtet, der beim kleinsten Rascheln mit Schokoladenpapier fuchsig wird. Ich hatte gehört, dass man nicht ohne Begleitung auf die Toilette gehen kann und die Kleidung vor der Prüfung nach Spickzetteln durchsucht wird.

Kontrolliert worden bin ich nicht. Die Aufsicht führenden Lehrer versuchten, uns die unangenehme Situation so gut wie möglich vergessen zu lassen. Allein zur Toilette durfte ich tatsächlich nicht. Bei den folgenden Klausuren lagen kleine Schokoladentäfelchen auf dem Tisch, an den Wänden hatten die Zwölftklässler Mutmacherplakate aufgehängt.

Meine Bemühungen, mich mit Kleist ein wenig anzufreunden, waren übrigens umsonst. Es gab mehrere Aufgaben zur Auswahl, ich wählte das andere Thema: "Moderne Helden".

Wenn ich nicht sicher wäre, würde ich nicht antreten

Die Zeit ging unheimlich schnell vorbei. Nach gefühlten zwei Stunden gab ich ab und konnte den im Schulhof auf uns wartenden Radiojournalisten erleichtert von der ersten Prüfung erzählen. Jetzt war ich davon überzeugt, dass ich nicht mehr aufgeregt sein musste.

Die zehn Freigeister aus Freiburg: Endspurt zum Abitur
Moritz David Friedrich

Die zehn Freigeister aus Freiburg: Endspurt zum Abitur

Mathematik, die Prüfung nach Deutsch, ist eigentlich mein sicherstes Fach. Aber ausgerechnet dort kam die Aufregung zurück. Ich sah auf den Zettel und konnte mit der Aufgabenstellung nichts anfangen, wusste nicht, was ich schreiben sollte. Ich machte einfach weiter, aber die Nervosität hielt sich bis zum Ende der Klausur. Ich machte lauter Fehler, musste ständig Sachen korrigieren. Am Ende verhinderte der Zeitdruck das konzentrierte Nachdenken.

Trotzdem - ich glaube fest daran, dass alles klappen wird. Wenn ich nicht sicher wäre, das Abitur zu schaffen, würde ich nicht antreten.



insgesamt 122 Beiträge
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Seite 1
delta058 10.10.2007
1.
Mit den richtigen Menschen kann alles ein Erfolg sein. Das Problem istdie Richtigen zu finden und die Falschen außen vor zu lassen.
PaulNeu, 10.02.2015
2.
Organisieren das die Schüler oder die Eltern mit ihrem Geld? Wenn Schüler so etwas organisieren, dann wird es sicherlich ein Erfolg, nicht wegen des Modells, sondern wegen der Teilnehmer.
Taraxacum 10.10.2007
3.
Ich dachte immer, alle Schüler würden sich eigenverantwortlich auf ihr Abitur vorbereiten. Der Unterschied ist nur, dass sie sich sonst die Lehrer nicht aussuchen dürfen.
kamau 10.10.2007
4. bewunderswert
Zitat von sysopEine Gruppe Freiburger Schüler organisiert ihr Abitur mit selbst finanzierten Lehrern auf eigene Faust. Ist dies ein Erfolg versprechendes Modell und zum Nachahmen geeignet? Oder viel zu riskant?
ich bewundere diese jungen menschen sehr! hut ab vor ihrem mut! es wäre spannend zu erfahren was sie in 10 jahren so machen! ich befürchte, dass dieses freiburger beispiel vermutlich nicht vielen nachahmer haben wird, schade, wäre eine bereicherung!
SunSailor 10.10.2007
5.
Sehe da jetzt keinen Unterschied zu dem, was die zehn im Studium erwartet. Da muss man sich den Stoff auch selbst erarbeiten, lernt in der Regel in Kleingruppen in organisierten Räumen und weiß erst hinterher, wie gut alles funktioniert hat. Insofern für das Studium vorbereitende allgemeine Abitur eher zu empfehlen, als abzulehnen. Und wenn ich mich recht erinnere, war meine Anwesenheit vor den Abi-Prüfungen auch eher überschaubar, man hat auch so lieber daheim oder anderswo gelernt. Lernen ist nun einmal indiviualsache, der Lehrer kann nur für die Präsentation und Rückfragen zuständig sein.
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