Abi-Schnellbesohlung Im Osten nichts Neues

In Westdeutschland laufen Eltern, Schüler und Lehrer Sturm gegen das Turbo-Abitur, im Osten winkt man ab: Dort hat die kürzere Schulzeit Tradition. Einige Länder stellten erst auf 13 Jahre um, kehrten dann zu zwölf Jahren zurück - geräuschlos und ohne Aufregung.


Früher war es klar getrennt: Im Osten machten die Schüler nach zwölf Jahren Abitur, im Westen nach 13 Jahren. Dann kam die Wende, das Zwölf-Jahre-Abitur galt den Bildungspolitikern im Westen als Relikt des zentralistischen Bildungssystems der DDR. Viele Ostdeutsche sahen das 13. Schuljahr als "Schauspieljahr" - wer das hinter sich habe, könne sich eben besser darstellen.

Lernen fürs Turbo-Abitur: Im Westen wird gestöhnt, im Osten nichts Neues
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Lernen fürs Turbo-Abitur: Im Westen wird gestöhnt, im Osten nichts Neues

Nach und nach schwenkten Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern um auf das längere Lernen, doch inzwischen haben auch diese Länder wieder auf das für sie alte System umgestellt - ohne die Aufregung, die das Thema in den alten Ländern verursacht. Geräuschlos, ohne erhitze Debatten, kehrte man wieder zum Abitur nach zwölf Jahren zurück, das sich inzwischen bundesweit durchgesetzt hat. Man kannte es ja schon.

Auch um die zwischenzeitliche Einführung des zusätzlichen Schuljahres hatte es in Ostdeutschland kaum Diskussionen gegeben. Die Menschen hatten sich seit 1990 auf Veränderungen nach dem Muster der alten Bundesrepublik eingestellt und mussten existenzielle Probleme wie den Verlust des Arbeitsplatzes bewältigen - da hatten sie andere Sorgen. Wegen des starken Rückgangs der Geburten und des Wegzugs von jungen, dynamischen Familien wurden zudem massenhaft Schulen geschlossen und Lehrer entlassen. In dieser Atmosphäre spielte das 13. Schuljahr keine herausgehobene Rolle.

Zwei Ost-Bundesländer, die von Anfang an konsequent bei der kürzeren Schulzeit bis zur Reifeprüfung blieben, waren Thüringen und Sachsen. Die beiden CDU-Politiker Kurt Biedenkopf und Bernhard Vogel - beide aus dem Westen - hatten schon damals die Haltung, dass deutsche Studierende im europäischen und erst recht im Vergleich zu Absolventen aus aller Welt zu alt sind, wenn sie in ihre Berufe einsteigen können.

Abi nach zwölf Jahren etabliert

In den anderen ostdeutschen Bundesländern sah man das ähnlich, dennoch wurde die zwölfjährige Schulzeit erst einmal um ein Jahr verlängert. Am schnellsten schwenkte die Regierung in Brandenburg um: Sie legte bereits vom Schuljahr 1992/1993 an eine dreizehnjährige Schulzeit fest. In Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern blieb man nach der Wende zwar zunächst beim Abitur nach zwölf Jahren. Doch 1998 entschied sich die rot-grüne Landesregierung unter Ministerpräsident Reinhard Höppner in Magdeburg ebenfalls für die dreizehnjährige Schulzeit. Auch die Landesregierung in Mecklenburg-Vorpommern stellte im Jahr 2001 auf längeres Lernen bis zum Abitur um.

DER SPIEGEL

"Wir mussten damals auf 13 Schuljahre umstellen, weil wir die Wochenstunden-Vorgaben der Kultusministerkonferenz nicht erfüllen konnten", sagt die Sprecherin des Kultusministeriums von Mecklenburg-Vorpommern, Johanna Hermann. Auch der Sprecher des Kultusministeriums in Brandenburg, Stephan Breiding, begründet die Umstellung mit diesem Argument.

In Thüringen war man übrigens auch nicht gleich auf die von der Kultusministerkonferenz geforderten 265 Wochenstunden gekommen. Man erfand das sogenannte "Seminarfach", in dem Schüler über einen längeren Zeitraum eine eigenständige Arbeit schreiben müssen. Die Kultusministerkonferenz fand das zwar nicht ideal, erkannte aber auch das Thüringer Abitur bundesweit an, sagt der thüringische Sprecher der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Richard Schäfer. "Im Prinzip hat sich das Abi nach zwölf Jahren etabliert", so Schäfer.

Inzwischen sind auch alle anderen ostdeutschen Landesregierungen wieder dorthin zurückgekehrt: Sachsen-Anhalt 2003, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin 2006 und Brandenburg seit 2007. Im Unterschied zu den alten Bundesländern ist das Für und Wider des Abiturs nach zwölf Jahren in den neuen Ländern kein Thema.

Jochen Wiesigel, AP

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Seite 1
Klo, 15.01.2008
1.
Zitat von sysop40-Stunden-Woche? Viele Gymnasiasten wären schon über 50 Stunden froh. Überstürzt und miserabel vorbereitet haben die meisten Bundesländer die Schulzeit bis zum Abitur auf zwölf Jahre verkürzt. Stiehlt die Schule den Schülern die Kindheit?
Die überstürzte und unvorbereitete Einführung des G8 ohne Entrümpelung der Lehrpläne ist das größte Desaster der Nachkriegs-Bildungspolitik.
PaulNeu, 15.01.2008
2.
Wieso schaffen es andere Länder, die Schüler mit 18 zur Hochschulreife zu bringen und nach weiteren 4 bis 5 Jahren zum Hochschulabschluss? Warum dauert die Ausbildung in D so unendlich lange?
NilsBoedeker 15.01.2008
3. Sparen Sparen Sparen
Hi es muß halt gespart werden... idealerweise an Kindern und der Ausbildung... gestern, heute, morgen... Das Abitur in 12 Jahre ist nix anderes... Es ist naiv zu glaube das sich Sparmaßnahmen in dem Bereich nicht irgendwann übel rächen werden bzw. sieht man ja schon die "Erfolge" der Sparmaßnahmen der vergangenen Jahre/Jahrzehnte
qsecofr 15.01.2008
4.
Ich denke den wird nichts gestohlen! In Sachsen und Thüringen geht es doch auch! In der DDR hat es auch funktioniert, das man sein ABI nach 12 Jahren hatte. Dieses jammern ist schon etwas ätzend. Ronald Leipzig
Anima, 15.01.2008
5.
Ich kann dies nur bestätigen. Meine Tochter geht in die 6. Klasse Gymnasium. Seit dem sie auf dem Gymnasium ist, geht es ihr nicht besonders gut. Offensichtlich leidet sie unter dem Stress und ist öfters krank. Dies ist meiner Meinung nach noch ein Meilenstein der Politiker in einem kinderfeindlichem Land. Anstatt sich wirklich ein Beispiel an den Lehrmethoden der PISA-Siege, z.B. Finnland, zu nehmen, wird geflickschustert was das Zeug hält. Leider bestätigt sich auch hier: es gibt in diesem Land keine Lobby für die Kinder.
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