Abi-Ball im Luxushotel Uns gehört die Welt

Das Abi geschafft, die Welt zu Füßen: Das Gymnasium Oberalster hat für seinen Abiturball die Festsäle eines Hamburger Luxushotels gemietet. Wie wird das Fest? Wer ist die Schönste im Abi-Land?

Von (Text) und Tina Demetriades (Fotos)

Tina Demetriades

"Wir wollen uns eine letzte Nacht noch mal zusammenfinden und auf diesen Anlass angemessen anstoßen! Und wie könnte man das Ganze besser feiern als im Saal des Atlantic Hotels, mitten gelegen in der City der schönsten Stadt der Welt."

So lautet die Ankündigung auf der Facebook-Seite zum Abi-Ball 2014 des Gymnasiums Oberalster in Hamburg. An einem Samstag Ende Juni, dem Tag nach der Zeugnisübergabe, steigt der Ball im Grand Hotel Atlantic Kempinski. Gemietet wurden drei Festsäle. 38 Abiturientinnen und 36 Abiturienten haben ihre Eltern, Geschwister und Partner mitgebracht - insgesamt sind 340 Gäste geladen, die Herren im Anzug, die Damen im Kleid.

Etwa zwei Kilometer entfernt, auf der anderen Alsterseite, soll zeitgleich noch eine Hamburger Schule ihren Abi-Ball begehen: Im Fünf-Sterne-Hotel Grand Elysee diniert die Abi-Klasse des Carl-von-Ossietzky-Gymnasiums, erzählt man sich. Das Elysee-Hotel möchte dazu jedoch keine Auskunft geben.

330.000 Schüler machen in diesem Sommer in Deutschland ihr Abitur, so die Prognose der Kultusministerkonferenz. Und das wollen sie feiern - und zwar oft eher fürstlich als spartanisch. Auf dem Buffet im Atlantic ist angerichtet: Holsteiner Landschinken mit Melone, Vitello Tonnato von der Truthahnbrust, Zanderfilet kross gebraten auf Safrankraut mit Kartoffel-Schnittlauchpüree und Kombucha-Creme mit Kefirschaum.

"210 Euro für eine Kleinstfamilie"

75 Euro hat jeder Gast für den Abend bezahlt, inklusive Essen und Getränke-Flatrate bis 22 Uhr. Angesichts derartiger Kosten - "210 Euro für eine bundesdurchschnittliche Kleinstfamilie" - hatte der SPD-Abgeordnete Ties Rabe, der heute Schulsenator in der Hansestadt ist, vor vier Jahren eine Anfrage an den Hamburger Senat gestellt. Seit Jahren würden die Abiturfeiern "immer ausschweifender und teurer". Was früher ein kleiner Festakt in der Schulaula gewesen sei, habe sich "zu einer immer aufwendiger gestalteten Veranstaltungsserie" entwickelt, mit einem "großen Festball in einem Hamburger Hotel" als Krönung, schrieb Rabe.

Ergebnis seiner Anfrage damals: 44 der 82 Hamburger Abi-Jahrgänge richteten eine kostenpflichtige Abiturfeier aus. Die Schulen versicherten zwar, dass auch derjenige, der daran nicht teilnimmt, sein Zeugnis erhält - doch wer verzichtet schon auf einen solchen Abend?

Im Atlantic wird später ein DJ auflegen, Reden werden gehalten, Videos und Fotos aus der Schulzeit gezeigt. Fast noch wichtiger als Menü und Abendprogramm allerdings: die Kleiderfrage. Monatelang suchten vor allem die Schülerinnen nach dem passenden Outfit. Sie hatten eine Absprache: Alle tragen lange Kleider, die erst beim Ball zum ersten Mal gezeigt werden dürfen. "Du siehst super aus", begrüßen sie sich dann am Abend.

Mit welchen Erwartungen gehen sie in ihr rauschendes Fest? Wie viel haben sie sich ihr Outfit kosten lassen? Und vor allem: Was kommt jetzt?

Tina Demetriades

Pauline, 18: "Ich bin ein bisschen aufgeregt, möchte aber den Abend einfach genießen und uns feiern lassen. Die Location hier ist sehr schick, ich würde sagen: dem Anlass entsprechend. Sie unterstreicht diesen besonderen Abend, Abi-Ball ist ja nur einmal. Mein Kleid habe ich schon im Herbst gekauft, im Internet bei Topshop. Mein Make-up und die Haare habe ich vor einer Stunde gemacht. Ich bin mit meiner Abi-Note richtig zufrieden, sie ist sehr gut. Jetzt gehe ich erst einmal acht Monate mit einer Freundin auf Weltreise, nach Amerika, Neuseeland, Australien und Asien. Danach will ich studieren, wahrscheinlich Medizin."

Tina Demetriades

Katharina, 17, Helen, 18, Hannah, 17, und Kira, 18 (v.l.n.r.): "Fast alle von uns waren heute noch beim Friseur. Eigentlich haben wir uns den ganzen Tag mit den Vorbereitungen für diesen Abend beschäftigt: Gesichtsmasken aufgelegt, Nägel lackiert, Haare gestylt. Aber alles ganz entspannt. Das einzig Blöde am Abi ist, dass wir uns jetzt nicht mehr so regelmäßig sehen werden."

Tina Demetriades

Feline und Jonathan , beide 18: "Wir kennen uns schon seit der ersten Klasse, seit dreieinhalb Jahren sind wir ein Paar. Der Abi-Ball ist der Abschluss des Lebensabschnitts Schule. Feline fährt jetzt erst mal mit zwei Freundinnen für eine Woche nach Ibiza. Danach machen wir beide noch zusammen Urlaub an der Ostsee."

Tina Demetriades

Luca, 19: "Das Abitur hatte ich mir stressiger vorgestellt, aber ich bin froh, dass es jetzt vorbei ist. Vielleicht will ich Tiermedizin oder Tierwirtschaft studieren. Jetzt gehe ich erst einmal für ein Jahr nach Australien und werde unter anderem auf einer Pferdefarm arbeiten. Die Australien-Reise schenken mir meine Eltern zum Abitur, genau wie mein Kleid: Es ist ein Einzelstück, ein Designerkleid aus Eppendorf. Da läuft man keine Gefahr, dass eine andere in dem gleichen Kleid zum Ball kommt. Zusammen mit dem Schmuck und den Schuhen hat mein Outfit für heute Abend knapp tausend Euro gekostet."

Tina Demetriades

Julia, 18: "Ich freue mich und bin traurig zugleich. Viele Freundschaften werden sich verlaufen. Aber mit dem Abi fällt schon eine große Last von mir ab, so ähnlich wie bei der Führerscheinprüfung. Das Beste daran ist, nicht mehr so früh aufstehen zu müssen, mehr Zeit zum Reisen zu haben und jetzt erwachsen, also selbstständig, werden zu können."

Tina Demetriades

Lukas, 17 (l.): "Ich wurde früh eingeschult, und mit G8 habe ich jetzt schon mit 17 mein Abi. Zu Beginn der Oberstufe dachte ich: Das dauert ja noch. Aber seit Anfang des Jahres ging alles rasend schnell. Stressig war es eigentlich nicht, vor allem die zehn Tage vor den Klausuren habe ich sehr intensiv gelernt. Es ist ein gutes Gefühl, etwas Handfestes wie das Abitur in der Tasche zu haben. Wie es jetzt weitergeht? Das weiß ich noch nicht. Vielleicht ein Praktikum in Berlin, ins Ausland, ein soziales Jahr oder gleich studieren. Das überlege ich mir im Sommer. Heute ist es erst einmal ein cooles Gefühl, den Abschluss zu feiern und im Mittelpunkt zu stehen - zusammen mit Henry moderiere ich den Abend."

Henry , 18 (r.): "Heute Abend bin ich der Moderator, deshalb trage ich auch zum ersten Mal in meinem Leben einen Smoking. Den habe ich mir ausgeliehen. Normalerweise laufe ich in Jeans, Hemd oder Poloshirt rum. Mit meinem Abi bin ich sehr zufrieden, ich habe mit 1,1 abgeschlossen, meine Prüfungsfächer waren Physik, Mathe, Deutsch und Politik/Gesellschaft/Wirtschaft. Vor dem Studium will ich ein Jahr Pause einlegen. Ich werde nach Indien gehen und dort einen Freiwilligendienst auf einer ökologischen Farm machen."

Tina Demetriades

Ariane, 18, hat den Ball mitorganisiert: "Der Abend heute ist Abschluss und Anfang zugleich. Wir müssen uns voneinander verabschieden, und dann fängt etwas ganz Neues an, wir springen ins kalte Wasser. Mein Gefühl ist daher bittersweet. Ich persönlich möchte in einem Leben etwas machen, was mich glücklich macht und womit ich Dinge zum Positiven verändern kann. Deshalb möchte ich vor dem Studium noch etwas Soziales machen, was genau, weiß ich noch nicht. Es soll etwas sein, wo Hilfe wirklich gebraucht wird. Aber vorher mache ich noch Urlaub, in Kalifornien. Da war ich schon während der Schulzeit für ein Jahr. Danach muss ich erst einmal arbeiten, damit das Geld wieder reinkommt. Ich habe schon während der Schulzeit viel gearbeitet: in einem Beautyladen und in der Gastronomie."

Tina Demetriades

Antonio, 19: "Das Abi war nicht so schwierig, wie ich befürchtet hatte. Auch mit meiner Note, einer 2,3, bin ich zufrieden. Den Anzug habe ich mir extra gekauft, aus meinem Konfirmationsanzug war ich rausgewachsen. Die Verkäufer haben mich beraten, nur die Krawatte durfte ich mir selbst aussuchen. Ich bin heute Abend mit meinen Eltern hier, Leute mit vielen Verwandten müssen bei 75 Euro pro Karte viel zahlen. Aber andere Abi-Bälle kosten auch so viel. Ich bin gespannt, was hier noch passiert heute Abend. Was auf mich jetzt nach dem Abi zukommt, weiß ich schon: Ich werde zu Hause mehr helfen müssen."

Tina Demetriades

Mutter Andrea und Elisabeth, 18.

Die Mutter sagt: "Elisabeth ist die jüngste meiner drei Töchter. Dass sie jetzt Abitur macht, ist etwas ganz Besonderes, sie war immer die Kleinste, jetzt ist sie auch erwachsen. Ich bin einfach nur stolz: Ein schönes Kind, ein gutes Abitur - was will man mehr? Bei meiner Kleiderwahl heute Abend war mir nur wichtig, dass ich nicht die Hauptperson aussteche: Elisabeth muss spektakulär aussehen!"

Die Tochter sagt: "Für mich ist das Beste am Abitur die Freiheit und Selbstbestimmtheit: alle Möglichkeiten zu haben, aber nichts mehr zu müssen. Ich möchte Germanistik studieren, was ich danach mache, ist noch offen."

Tina Demetriades

Hannah und Phuong, beide 18.

Phuong sagt: "Wir sind seit der siebten Klasse befreundet. In so einem Outfit habe ich Hannah aber noch nie gesehen."

Hannah sagt: "Normalerweise trage ich meine Haare offen und glatt und schminke mich nur wenig. Meine Tante ist Maskenbildnerin, sie hat heute meine Haare und mein Make-up gemacht, eineinhalb Stunden hat das ungefähr gedauert. Mein Outfit habe ich mir selbst zusammengestellt: Das Kleid war ein Schnäppchen, den Schmuck hatte ich schon, die Clutch habe ich bei Bijou Brigitte gekauft und die Schuhe im Internet bestellt. Heute trage ich sie zum ersten Mal, und ich habe genug Halt, obwohl die Absätze 15 cm hoch sind. Mir gefällt, dass man sich herausputzen kann heute Abend."

Tina Demetriades

Helen, 18: "Ein bisschen Angst vor der Zukunft habe ich schon. Ich werde jetzt erst einmal sechs Monate lang reisen: Nach Südafrika, Thailand und Australien."

Tina Demetriades

Viviana, 18, und Niklas, 17.

Sie sagen: "Es gibt nur zwei Paare in unserer Stufe, davon sind wir eins. Wir sind seit mehr als drei Jahren zusammen, und für das Studium wollen wir nicht zu weit voneinander wegziehen."

Er sagt: "Ich möchte Wirtschaftsingenieurswesen studieren. Während des Bachelors würde ich noch zu Hause wohnen bleiben und erst für den Master ausziehen. Gut ist, dass ich nicht mehr so früh aufstehen und keine Hausaufgaben mehr machen muss. Und dass ich mich jetzt den ganzen Tag mit Freunden treffen kann, nicht mehr nur am Wochenende."

Sie sagt: "Ich habe für die Prüfungen viel gelernt und bin jetzt erst einmal erleichtert, dass das Abi vorbei ist. Ich habe mich noch nicht endgültig entschieden, was danach kommt, aber das stresst mich nicht. Erst mal fahre ich mit meinem Freund nach Griechenland in den Urlaub, danach mit meiner Familie. Heute habe ich mir viel Zeit genommen und mich auf den Abend vorbereitet. Mein Kleid für den Abi-Ball habe ich mir während eines Urlaubs in Malaysia schneidern lassen. Dass ich das Kleid schon frühzeitig hatte, hat mir einigen Stress erspart."

Tina Demetriades

Mutter Michaela und Fee, 18.

Die Tochter sagt: "Jetzt sieht man die Kleider der anderen, die haben wir uns ja vorher nicht gezeigt. Ich war einen Tag lang unterwegs und habe acht Stunden lang gesucht. Meine Mutter war dabei und hat mich beraten."

Die Mutter sagt: "Ich musste sie schließlich von diesem Cocktailkleid überzeugen. Weil es aber für heute Abend ein langes Kleid sein sollte, haben wir noch Stoff gekauft und den Rock drannähen lassen. Auch andere Mütter waren mit ihren Töchtern auf der Suche nach dem richtigen Kleid, vor den Kabinen habe ich viele verzweifelte Blicke gesehen."

Tina Demetriades

Lucas, 18: "Jetzt kann ich endlich machen, was ich will: Musik studieren. Ich spiele seit sieben Jahren Schlagzeug und seit 13 Jahren Klavier. Das Abi ist ein Abschluss für mich, aber nicht unbedingt der wichtigste Schritt bisher in meinem Leben. Ich hatte eine Lippen-Kiefer-Gaumenspalte - als ich die Operationen hinter mir hatte, war das ein entscheidendes Ereignis."

Tina Demetriades

Konstanze, 17: "Mein Kleid hat niemand vorher gesehen. Ich habe es in einer Boutique gekauft, die Hollywood-Kleider nachschneidert. Es hing auf einer Puppe, hat den ganzen Laden ausgefüllt, und ich habe gesagt: Das will ich! 400 Euro hat es gekostet, meine Eltern haben es mir geschenkt. Ich hoffe, dass es noch mehr Gelegenheiten geben wird, dieses Kleid zu tragen. Ich habe noch keine festen Pläne für die Zeit nach der Schule, vielleicht Ökotrophologie studieren. Gerade bin ich einfach froh, das Abi hinter mich gebracht zu haben."

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 86 Beiträge
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Seite 1
zynik 23.07.2014
1. breaking news....
Zitat von sysopTina DemetriadesDas Abi geschafft, die Welt zu Füßen: Das Gymnasium Oberalster hat für seinen Abiturball die Festsäle eines Hamburger Luxushotels gemietet. Wie wird das Fest? Wer ist die Schönste im Abi-Land? http://www.spiegel.de/schulspiegel/abi/abiball-abiturienten-feiern-in-hamburger-luxushotel-a-979846.html
Ist "Luxushotel" ein Kriterium für die Berichterstattung von einem Abi-Ball? Oder sollen da einfach nur irgendwelche Resentiments bedient werden? Oder wird SPON zur Abi-Zeitung für zukünftig Besserverdiende? Fragen über Fragen... Den jungen Leuten jedenfalls alles Gute für die Zukunft.
oberallgaeuer 23.07.2014
2. Mich würde interessieren,
ob auch Kinder von sozial benachteiligten Familien auf einem dieser Gymnsaien Abitur gemacht haben.
meiner5 23.07.2014
3.
Glückwunsch zum bestandenen Abi. Aber gehört so ein Artikel nicht eher in ein Boulevardmagazin. Illustrierte etc. ? Haben halt überdurchschnittlich viel Geld um zu feiern, reisen, müssen sich nicht so viele Sorgen um die Zukunft machen... aber dafür ein Artikel?
shooop 23.07.2014
4. Verdiente Feier
Ich finde es passend, die Abifeier in Abendkleid und mit Stil zu feiern. Man hat doch nicht so oft im späteren Leben die Möglicheit, mal richtig chic einen drauf zu machen und außerdem gehört es auch zur Bildung dazu, sich in Abendkleid oder Smoking bewegen zu können. Der Preis sollte jedoch so gewählt werden, dass kein Schüler ausgeschlossen wird. Allerdings sollte man den jungen Menschen nicht zu viel einreden, dass sie irgendeine Elite oder so wären, das stimmt nämlich nicht.
alpha.nerd 23.07.2014
5. Die Hälfte wird
nicht das tun, was sie sich vorstellen. Die werden beim Mindestlohn landen. Oder Schlimmeres. Ansonsten: Sommerlooooooooch
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