Lehrergeständnisse Als ich mich beim Abiball total besoffen habe

Lehrer sollten sich peinliche Ausrutscher tunlichst ersparen. Aber am Ende sind sie auch nur Menschen - und deshalb geht auch mal was schief. Wie bei Arne Ulbricht und dem Alkohol auf dem letzten Abiball.

Tanzen auf dem Abiball (Archiv)
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Tanzen auf dem Abiball (Archiv)


Zur Person
  • Daniel Schmitt
    Arne Ulbricht, 44, unterrichtet an einem Berufskolleg in NRW. Er ist zudem Autor verschiedener Bücher. In seinem Roman "Nicht von dieser Welt" geht es um einen Lehrer, der analog lebt und an der Gesellschaft scheitert.
  • www.arneulbricht.de

Lehrer sollten Vorbilder sein. Sie sollten zum Beispiel nicht ständig während des Unterrichts auf ihre Smartphones schielen, wenn sie das ihren Schülern verbieten. Und sie sollten nicht morgens vor Drogenkonsum warnen und sich abends hemmungslos betrinken. Erst recht nicht vor den Schülern. Genau das ist mir aber passiert: Ich habe auf einem Abiball die Kontrolle über mein Trinkverhalten verloren.

In der eigenen Biografie gehört der Abiball zu den wenigen Partys, die man wirklich nur einmal erlebt. Anders als bei anderen Festen, wie etwa dem fünfzigsten Geburtstag, der sich nicht unbedingt vom vierzigsten oder sechzigsten unterscheidet oder bei der Hochzeit, die viele heute zwei Mal oder sogar öfter veranstalten.

Als Lehrer erlebt man zwar viele Abibälle, dennoch bleibt jeder Abiball ein außergewöhnliches Erlebnis. Denn die Abiturienten waren zehn Jahre alt, als man sie zum ersten Mal mit dem eigenen Unterricht beglückte, dann waren sie als pubertierende Monster endlos genervt und in der Oberstufe als angehende Erwachsene manchmal sogar ehrlich interessiert. All diese Höhen und Tiefen, durch die man gemeinsam geschlittert ist, feiert man auf einem Abiball. Aus diesem Grund markieren sich nicht nur die Abiturienten, sondern auch viele Lehrer frühzeitig den Abiball in ihrem Jahres-Partykalender.

Im Jahr 2015 war ich Klassenlehrer einer Abiklasse - an unserer Schule wird in der Oberstufe in Klassenverbänden unterrichtet - hielt eine Rede, war im Dauergespräch mit irgendwelchen Eltern und hielt mich mit dem Konsum alkoholischer Getränke artig zurück. 2016 kannte ich zwar den ganzen Jahrgang, allerdings nur als Nebenfachlehrer.

Der Boden drehte sich

Während andere Lehrer gefeiert wurden, sich mit Eltern unterhielten und sich zurückhielten, begann ich zu trinken. Und ich trank und trank, und da sich die Schüler später am Abend um ihre Klassenlehrer gruppierten und mit ihnen Selfies machten, trank ich immer mehr und merkte nicht, dass ich in meinem Zustand einen gewissen Ort unbedingt hätte meiden sollen: die Tanzfläche!

Tanzen mit Schülern ist übrigens ein unfassbarer Spaß. Denn die Schüler von heute hüpfen genauso ungelenk über die Tanzfläche wie man selbst. Herrlich. Ich selbst war aber nicht nur ungelenk - ich wankte. Und wenn ich auf den Boden schaute, drehte er sich, und dass ich deshalb an die Decke schaute, nützte nichts, denn die Decke drehte sich auch. Das war schon peinlich genug. Aber es kam noch schlimmer.

Ich vertiefte mich in ein "Gespräch" mit einer Schülerin, lallte anschließend deren Mutter zu und wusste schon im rettenden Taxi nicht mehr, worüber ich mich unterhalten hatte.

Am nächsten Morgen war ich verkatert und… schämte mich. Die meisten der Schüler habe ich nie wieder gesehen. Wie haben sie mich in Erinnerung behalten? Als meistens gut gelaunten Lehrer oder als torkelnden Trunkenbold, den man nicht ernst nehmen muss? Ich befürchte, dass mir das Kunststück gelungen ist, an einem einzigen Abend mein ganzes Ansehen, das ich bei einigen Schülern durchaus genoss, im Suff ertränkt zu haben.

In diesem Jahr wird man mich auf keinem Abiball sehen. Aber 2018 werde ich wieder mit dem ganzen Jahrgang feiern. Und auch ein bisschen trinken und (hoffentlich) rechtzeitig auf Apfelsaftschorle umsteigen.

Und jetzt kommen Sie
  • Corbis

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insgesamt 24 Beiträge
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Seite 1
Maßwerk 27.04.2017
1. Der eigenen Erkenntnis
ist kaum etwas zuzufügen. " Ich befürchte, dass mir das Kunststück gelungen ist, an einem einzigen Abend mein ganzes Ansehen, das ich bei einigen Schülern durchaus genoss, im Suff ertränkt zu haben." Außer vielleicht einen Beitrag geleistet zu haben, zur allgemeinen Respektlosigkeit gegenüber Lehrern, Ausbildern, Nachbarn, Polizisten etc. Oder man wählt die in Ihrer Überschrift schon enthaltene Rechtfertigungsstrategie - ach wie menschlich! Vielleicht sind Eigenschaften wie Nüchternheit, gesunde Distanz, Selbstbeherrschung ebenso wichtig wie Toleranz und Weltoffenheit. Viel Spaß beim Klassentreffen!
drfredanton 27.04.2017
2. 10 % der Deutschen trinken 50 % des Alkohols
Dieses Ereignis sollte jeden einmal überlegen lassen, ob Alkoholkonsum wirklich nötig ist. Alkohol ist eigentlich ein Nervengift , welches man auch in geringen Mengen nicht zu sich nehmen sollte. Alkohol schmeckt eigentlich fürchterlich, muss also durch anderen Geschmack überdeckt werden. Seine psychische Wirkung kann man in anderer Form gesünder erreichen. Bei Sorgen sollte man sich nicht betrinken, sondern das Problem angehen. Um lustig zu sein, sollte man die positiven Aspekte des Lebens sehen und mehr Gelassenheit entwickeln und Selbstironie. Alkohol ist nur ein enormes Geschäftsfeld von der Agrarwirtschaft bis zur Gastronomie, vom Einzelhandel bis zur Politik und sogar die Rehabilitation profitiert. Man sollte sich sehr wohl überlegen, ob man sich diesen Konsumszwang aussetzen sollte. Und es dient auch der körperlichen Gesundheit und damit dem gesamten Wohlbefinden. Und gerade Lehrer sind Vorbild und können hier Wunder bewirken.
noalk 27.04.2017
3. Banal
Es ist schon erstaunlich, welche Artikel bei SpOn erscheinen dürfen. Die Schülerzeitung hat ihn wohl abgelehnt.
Stefan_G 27.04.2017
4. Ist das jetzt ein Geständnis ...
... oder doch nur Koketterie darüber, wie pubertär man sich mit Mitte 40 verhalten kann? Könnte man übrigens auch Angeberei nennen, wie als ein K. Großkreutz meinte, Jugendliche zum Saufen mitschleppen zu müssen. Alles in allem aber sicher ein Anlass, darüber nachzudenken, ob man nicht tatsächlich ein Alkoholproblem hat.
Ersti1 27.04.2017
5. Nette Geschichte,
aus dem Leben gegriffen und nachvollziehbar, sofern man nicht gerade als Spießer durch die Welt wandelt. Eine Wiederholung dieses Verhaltens wäre aber mehr als peinlich.
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