Abifeiern in Norwegen Erbarmen, die Russe kommen

Alkohol, Sex und rote Hosen: Wenn Norwegens Schüler ihr Abitur feiern, lassen sie die guten Manieren zu Hause und versetzen das sonst so beschauliche Land in den Ausnahmezustand. Total enthemmte Massen strömen zur großen "Russe"-Sause in die Wälder bei Oslo.

Von Kai Schwind, Oslo


"Wenn Sie hier Ihr Auto parken, kann ich für nichts garantieren!" Der besorgte Blick des angespannt wirkenden Sicherheitsbeamten lässt nicht viel Raum für Interpretationen. Hinter ihm wartet eine schier endlose Kolonne von meist roten und wild bemalten Fahrzeugen, die alle nur ein Ziel haben: Tryvann, ein Naherholungsgebiet außerhalb von Oslo. In Sichtweite der weltberühmten Skisprungschanze Holmenkollen treffen sich an diesem Abend fast 10.000 Abiturienten aus ganz Norwegen, um der schon zwei Wochen andauernden Abiturfeier die Krone aufzusetzen: Diese Abschluss-Sause wird zwei Tage und zwei Nächte dauern.

Die Abiturienten nennen sich Russe (sprich: Rüsse) und führen eine Tradition fort, die vor mehr als 100 Jahren begann. Inspiriert von Studenten an deutschen Universitäten, die sich als Zeichen des bestandenen Examens eine rote Mütze aufsetzten, entwarfen die Norweger im Laufe der Jahrzehnte eine komplette Russe-Uniform. Hauptbestandteil: eine knallrot leuchtende Latzhose, verziert mit Zeichnungen und Glückwünschen von Freunden. Die Vorbereitungen für das Fest der Feste beginnen bereits Monate vorher. Man tut sich zu kleineren und größeren Russe-Gruppen zusammen, mietet oder kauft ein Fahrzeug, entwirft Logo und Motto.

Das Ziel: So viele Knoten sammeln wie möglich

Unter den Partywütigen sind auch Ina und ihre Freunde. Ihre Russe-Gruppe "[Untitled] ...no use for a name" geht geschlossen auf das Bleiker-Gymnasium in Asker, einem reichen Vorort von Oslo. "Unser Name ist nicht sonderlich einfallsreich", bedauert Ina und zeigt den umgebauten, ehemaligen Linienbus, mit dem sie und ihre Freunde nach Tryvann gekommen sind. Drinnen führt sie die beeindruckende Stereoanlage vor, die seit zwei Wochen fast rund um die Uhr im Einsatz ist.

Während es draußen langsam dunkel wird und immer mehr Busse das Gelände füllen, erklären Ina, Jannike, Ingvild, alle 18, Marie und Anja, beide 17, was die wichtigsten Russ-Bräuche sind. "Jeder versucht so viele Knoten wie möglich zu sammeln. Einen Knoten darf man sich in die Mütze machen, wenn man - vor Zeugen - eine bestimmte Aufgabe gelöst hat."

Meist handelt es sich dabei um harmlose Späße: Man muss besonders effektiv den Unterricht stören oder sich öffentlich blamieren. Die Aktionen besonders mutiger Russe findet man später bei Youtube.

Die Kritik: Abiturienten außer Rand und Band

"Eine Freundin von mir musste den ganzen Tag mit zwei ausgehöhlten Broten als Schuhe rumlaufen", grinst Jannike. Im Internet kann man sich schon vor dem Treffen über die Aufgaben informieren- je schwieriger die Bewährungsprobe, desto mehr Knoten. "Zum Beispiel kriegt man besondere Knoten, wenn man Sex in einem Baum hat", erzählt Marie.

In den letzten Jahren gerieten die Russe-Treffen immer wieder in die Schlagzeilen - weil es am Rande der Feiern alles andere als lustig zugeht. Und das, obwohl die Infobroschüre "Russe-Guide" des Organisationskomitees die Abiturienten dazu anhält, sich umsichtig zu verhalten und immer Kondome bei sich zu haben. Genutzt hat all das nur wenig.

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