Traditionen zum Schulabschluss "Abi-Gags stiften eine starke Identität"

In Köln ist es Tradition, dass Abiturienten in den letzten Unterrichtswochen an anderen Schulen Wasserbomben werfen oder Schmähplakate aufhängen. Warum eigentlich? Kulturforscherin Katrin Bauer über die Ursprünge der Mottowoche.

Humboldt-Gymnasium in Köln
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Zur Person
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    Katrin Bauer, 39, arbeitet beim LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte in Bonn. Die Kulturwissenschaftlerin beschäftigt sich mit den Ritualen von Abiturienten.
Frage: Als Sie erfahren haben, dass vermeintliche Abi-Streiche in Köln auch Verletzte gefordert haben - hat Sie das überrascht?

Bauer: Wenn man sich die letzten zwei, drei Jahre anguckt, hat es sich ein wenig angedeutet. Wir hatten auch schon letztes Jahr in Köln eine ähnliche Situation mit nicht ganz so vielen teilnehmenden Abiturienten und nicht ganz so viel Gewalt. Es gab schon erste Anzeichen. Dass es dieses Jahr so massiv und tatsächlich auch gewalttätig geworden ist, hat eine neue Qualität.

Frage: In der Stadt gibt es offenbar rivalisierende Gymnasien, deren Abiturienten sich seit einigen Jahren gegenseitig provozieren. Kennt man das auch aus anderen Städten?

Bauer: Das ist in Köln wahrscheinlich eine relativ spezifische Situation, weil wir sehr viele Gymnasien auf engem Raum zusammen haben. Und bei den Abi-Gags geht es eigentlich immer darum, sich selber als Stufe kollektiv zu erleben und eine ganz starke Identität zu stiften. Und das geschieht häufig in Abgrenzung zu anderen, in diesem Fall in Abgrenzung zu anderen Schulen. Das ist ein Phänomen, was wir generell schon seit den Neunzigerjahren bei den Abi-Gags beobachten können.

Frage: Seit wann gibt es solche Abi-Gags?

Bauer: Wenn man sich die Sechzigerjahre und die Studentenprotestgeneration anschaut, dann gab es da so etwas eigentlich überhaupt nicht. Da hat man sich das Abi-Zeugnis zuschicken lassen. Danach veränderte sich etwas, auch durch die Oberstufenreform in den Siebzierjahren, in denen eher harmlosere Spielchen und Streiche gespielt wurden. Und ab den Neunzigerjahren wurde das Ganze professioneller, dann standen die Abi-Shows im Mittelpunkt. Seit den letzten zehn Jahren ungefähr haben wir die Mottowoche als relativ neues Element. Das ist wahrscheinlich aus den USA zu uns gekommen. Die Schüler verkleiden sich in der letzten Schulwoche und geben sich jeweils ein anderes Motto.

Frage: Schüler berichteten, dass es oft strikte Regeln für Abi-Scherze gebe. Haben die Ausschreitungen damit etwas zu tun?

Bauer: Was man schon beobachten kann ist, dass die Abi-Gags in den vergangenen Jahren stärker durch die Schulen reglementiert wurden, auch aufgrund von Vorfällen mit Alkohol. Abiturienten mussten teilweise richtige Verträge unterschreiben und wurden haftbar gemacht für eventuelle Schäden. Teilweise wurden Abi-Gags verboten oder abgesagt. Es kann schon sein, dass das hier sozusagen die Reaktion darauf ist. Dass man sagt: Wir gehen aus dem Schulgebäude raus und verlagern es ein Stück weit in den öffentlichen Raum.

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Abi-Scherze: Die Schüler rüsten auf

Das Interview führte Jonas-Erik Schmidt von der Nachrichtenagentur dpa

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