Abiturientensport Onlineprotest Komm, wir starten eine Petition!

Abiturienten haben einen neuen Weg entdeckt, ihren Frust über knifflige Klausuren loszuwerden: per Onlinepetition. So kommen schnell Tausende Unterschriften zusammen - aber deren Aussagekraft ist gering.

Abiturienten bei der Englischklausur 2018 in Mecklenburg-Vorpommern
DPA

Abiturienten bei der Englischklausur 2018 in Mecklenburg-Vorpommern


Es ist kinderleicht: Ein paar Klicks, schon ist die Petition fertig. An den Bundespräsidenten oder die Kanzlerin, an Diktatoren in fernen Staaten oder auch an den Bürgermeister in der eigenen Stadt. Immer mehr Menschen nutzen Onlinepetitionen, um sich Gehör zu verschaffen - darunter viele Abiturienten.

Sie protestieren auf diese Weise nicht nur gegen schlechte Lehrerversorgung und ausgefallenen Unterricht, sondern immer häufiger auch gegen vermeintlich zu schwere Klausuren. So gärt in Baden-Württemberg seit ein paar Wochen der Streit um das diesjährige Englischabitur. Das sei zu schwer gewesen, meint der Landesschülerbeirat - und sammelt seither im Internet Unterschriften gegen die "unfaire Prüfung".

Der Ärger der Schüler wurde vor allem dadurch entfacht, dass Abiturienten in Mecklenburg-Vorpommern dieselben Aufgaben lösen mussten wie sie - dafür aber ein deutsch-englisches Wörterbuch nutzen durften und mehr Zeit für die Klausur hatten.

Wer unterschreibt, ist unklar

Das Stuttgarter Kultusministerium erklärte vor zwei Wochen, eine Überprüfung habe keine Unregelmäßigkeiten ergeben. Zunächst gibt es für die kritisierte Klausur nun eine reguläre Drittkorrektur. Und Kultusministerin Susanne Eisenmann weist auf einen "Korrekturspielraum" der Lehrer hin.

Doch dem Landesschülerbeirat reicht das nicht. "Der Fall ist nicht erledigt. Für uns ist es wichtig, dass die Schüler nicht mit einer Presseerklärung abgebügelt werden", sagte der Beiratsvorsitzende Leandro Karst der "Stuttgarter Zeitung".

Unterschrieben haben die Petition bisher rund 36.000 Menschen. Eine beeindruckende Zahl, jedenfalls auf den ersten Blick. Bei genauerem Hinsehen aber bleibt unklar, wie viele der Unterzeichner tatsächlich betroffene Schüler sind und wie viele überhaupt in Baden-Württemberg leben. Ähnliche Einschränkungen gelten auch für eine aktuelle Petition in Nordrhein-Westfalen.

Dort unterstützen derzeit rund 15.000 User eine Petition, in der sich ein Abiturient aus Dülmen über den Umfang der Mathematikklausur beklagt. In der vorgegebenen Zeit sei ein Teil der Aufgaben nicht lösbar gewesen, heißt es, die Ergebnisse würden dadurch verfälscht: "Die Leistung eines Schülers darf nicht durch fehlende Zeit zum Notieren der Lösungen und Antworten beeinträchtigt werden. Wenn sogar der Toilettenbesuch, das Nachholen von Klausurbögen und das Trinken am Ende wertvolle und vor allem fehlende fünf Minuten sind, ist sicherlich irgendetwas falsch gelaufen."

Erfolg in Niedersachsen

Sind solche Onlinepetitionen einfach nur eine schnelle Art des Frustabbaus? Oder können sie wirklich etwas verändern? Als 2016 in Niedersachsen das Matheabitur geschrieben wurde, hagelte es ebenfalls Proteste über zu schwere Aufgaben - und sie waren erfolgreich: Weil das Ministerium bei der Überprüfung der Klausuren feststellte, dass die Noten um 1,6 bis 2,1 Notenpunkte vom durchschnittlichen Ergebnis in der sogenannten Qualifikationsphase abwichen, wurden die Bewertungshürden um 12,5 Prozent abgesenkt. Die Abiturienten bekamen also mit weniger Punkten beziehungsweise mehr Fehlern eine bessere Note.

Ein Weg, auf den auch der Landesschülerbeirat in Baden-Württemberg hofft. Die Schülervertreter wollen jetzt erst einmal die Korrekturen abwarten, um dann anhand der Noten zu entscheiden, ob sie eine ähnliche Forderung stellen. Bis dahin läuft ihre Petition weiter - und auch eine Petitionsparodie unter dem Titel "Verschwörung der politischen Führungselite beim Englischabitur 2018 - Recht auf 15 Punkte". Diese hat allerdings, Stand Dienstagnachmittag, gerade mal 141 Unterzeichner.

In einer früheren Version dieses Textes hieß es, dass Abiturienten in Brandenburg dieselben Englischaufgaben bearbeiten mussten wie die Schüler in Baden-Württemberg. Es handelte sich jedoch um Schüler in Mecklenburg-Vorpommern. Wir haben die Angabe korrigiert.

him

insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
FraukeM 08.05.2018
1. Die Kritik der Schüler scheint berechtigt zu sein ...
Jedenfalls hat der Englischlehrer meiner Tochter, welche die Prüfung in Baden-Württemberg geschrieben hat, bestätigt, dass die Prüfung so viel schwerer war als die letzten Jahre, und dass dies auch im Ministerium bekannt sei, aber geleugnet würde.
leserin2018 08.05.2018
2. Das ist Demokratie!
Ihr Argument, 36.000 Stimmen seien zu hinterfragen, da nicht alle von Betroffenen oder Baden-Württembergern stammen, zeigt ein erstaunliches Verständnis von Demokratie und/oder ist von der Kultusministerin unreflektiert übernommen. Mit Sicherheit haben viele Eltern, LehrerInnen und andere SchülerInnen diese Petition unterschrieben, da sie informiert sind und das Geschehene für einen erheblichen Verstoß gegen die Chancengleichheit beim Abitur halten. Und 36.000 sind eine gewaltige Stimme und ein Aufschrei. Diesen zu ignorieren halte ich für fahrlässig für eine aufrichtige Demokratie, denn die AbiturientInnen haben differenziert und stichhaltig argumentiert. Wenn wir Politikverdrossenheit künftig vermeiden wollen, dann müssen wir hier auf Augenhöhe antreten und nicht bagatellisieren. Bei der offiziellen Reaktion auf die Petition fällt mir ein Zitat von Bert Brecht ein: „Wäre es da nicht doch einfacher, die Regierung löste das Volk auf und wählte ein anderes.“
le.toubib 08.05.2018
3. Die Kritik der Schüler scheint berechtigt zu sein ...
Zitat von FraukeMJedenfalls hat der Englischlehrer meiner Tochter, welche die Prüfung in Baden-Württemberg geschrieben hat, bestätigt, dass die Prüfung so viel schwerer war als die letzten Jahre, und dass dies auch im Ministerium bekannt sei, aber geleugnet würde.
Sorry! Aber ich sah mir diese Klausur mal an und fand, für jemanden, der von sich glaubt, Englisch in Wort und Schrift perfekt zu beherrschen, war das nichts! Btw., ich hatte ebenfalls vor einiger Zeit Englisch als Leistungskurs, das zufälligerweise auch in in Baden-Württemberg. Und ich behaupte ganz dreist, unser Aufgabenkatalog war durchaus schwieriger, insbesondere der geforderte Aufsatz über die Rolle der Frau in der modernen Gesellschaft - vielen Dank noch einmal an Hugh Hefner (längere Geschichte) -, denn der hatte nicht nur orthographisch, grammatikalisch und von der Interpunktion her absolut fehlerfrei zu sein, sondern musste auch noch die Meinung der zwei Korrektoren ansprechen und wenn selbst nur völlig unterbewusst ...
opinion13 08.05.2018
4. Jugend 2018!
Offenbar hat man jetzt auch im BaWü verstanden, dass der Weg zu immer mehr Verflachung, Entschlackung und Entrümpelung von Bildungsinhalten (Stoiber in BY) nicht ewig weiter beschritten werden kann, wenn man beim Abitur, dem höchsten Schulabschluss in Deutschland ein Mindestmaß an Niveau beibehalten bzw. wiederherstellen will. Der Text ist anspruchsvolles Englisch, teilweise metaphorisch zu verstehen, aber mitnichten unverständlich. Was hat man erwartet? Eine Interpretation von "Old McDonald had a Farm"? Wobei: es ist ja nicht einmal klar, was die Aufgabenstellung war. Oftmals reicht ein Verständnis der Geamtaussage völlig aus, um die Fragen zu beantworten, ohne dass man jedes Adverb einzeln auseinanderklamüsern muss. Die Übersetzung ins Deutsche ist z.B. in BY ohnehin auch längst abgeschafft, zugunsten einer "Mediation", also der ungefähren Wiedergabe von Textinhalten. Es ist wie beim Brexit-Votum: erst gehen die Jungen nicht hin, dann verlieren sie und starten eine Online-Petition. Hier können offenbar viele nicht gut genug Englisch, dann sind sie übefordert und reagieren genauso. BSE (bad simple English) reicht halt nicht für ein Abitur; nicht mal in Bremen. Dass die Anforderungen in verschiedenen Bundesländern unterschiedlich sind, ist keine neue Erkenntnis, somit kein Grund, bei jeder Hürde "mimimi" zu rufen. So, don't cry over spilt milk! Aber das versteht jetzt wieder keiner, weil's eine Metapher ist...
quark2@mailinator.com 09.05.2018
5.
Es ist ein bischen wie grundlos die 112 zu wählen. Auf diese Weise kann man wunderbar demokratische Mechanismen entwerten, Basisdemokratie diskreditieren und von wichtigen Petitionen ablenken. Man wünschte sich bischen mehr Respekt, Verantwortungsbewustsein und Zurückhaltung.
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