Planlose Abiturienten "Studienplanung? Mache ich bald"

Eltern wollen wissen, wie es nach dem Abitur der Kinder weitergeht. Doch unser Kolumnist Armin Himmelrath wird von seinem Sohn auf eine harte Probe gestellt.

So entspannt stellt sich die Redaktion den Sohn von Armin Himmelrath vor
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So entspannt stellt sich die Redaktion den Sohn von Armin Himmelrath vor


Sein letzter Schultag? Der war irgendwann Ende März, vor den Osterferien. Die letzte Abiturprüfung? Am 1. Juni, also vor eineinhalb Monaten. "Und? Hast du dich schon wegen eines Studienplatzes erkundigt? Weißt du wenigstens, was du studieren willst?" Diese Fragen habe ich seit Anfang des Jahres ungefähr halbwöchentlich gestellt - geschätzt also 50 Mal. Und ungefähr 48 Mal kam die Antwort: "Ich habe doch mein Zeugnis noch gar nicht." Oder: "Mach keinen Stress." Oder auch: "Ja, mache ich bald."

Wer Abiturienten kennt, weiß, was "bald" heißt: irgendetwas Undefinierbares zwischen "sofort" und "niemals". Was mich, zugegebenermaßen, unruhig macht: Wer sich niemals irgendwo bewirbt, bekommt auch niemals einen Ausbildungs- oder Studienplatz.

Andererseits: Man soll die Kinder ja auch zur Selbstständigkeit erziehen, sich nicht ständig einmischen und auf jeden Fall den Eindruck vermeiden, ein Helikopter-Vater zu sein. Also habe ich immer nur genickt, gelächelt, gefragt: "Und was heißt bald?" Die Antwort: "Na, bald halt - ich habe doch mein Zeugnis noch gar nicht."

Zum Autor
  • Jessica Meyer
    Armin Himmelrath, Jahrgang 1967, ist Bildungsjournalist, lebt im Rheinland und kommt mit seinen drei Söhnen (18, 20, 23) auf insgesamt mehr als drei Jahrzehnte schulische Elternerfahrung. Sein Lebensmotto: Gelassenheit. Gelassenheit. Gelassenheit, verdammt noch mal!

Dass die Klassenkameradin meines Sohnes erzählte, sie habe die Zeit nach den Abiturprüfungen schon mal genutzt, um an zwei Universitäten probeweise Vorlesungen zu besuchen, entlockte ihm nur ein müdes Schulterzucken. Dass ein anderer Mitabiturient bereits seit Wochen auf Hochschul-Webseiten recherchiert, führt bei meinem Sohn zu einem kaum wahrnehmbaren Stirnrunzeln. Keine sonstige Aktivität, nirgends.

Man muss ihm zugute halten: Sein Abitur ist sehr gut. So gut, dass die möglichen Studienfächer, die ich ihm in wochenlangen, zähen Gesprächen entlocken konnte, alle im Bereich des Möglichen liegen: Psychologie oder Jura. Vielleicht auch Geschichte, Philosophie - oder Medizin.

"Chill mal", kommentierte er meine Versuche, die Auswahl ein bisschen einzuschränken. Um mir, dem Online- und Bildungsjournalisten, dann zu erklären, dass "heute alles digital ist, die ganzen Bewerbungen". Das gehe alles "megaschnell", ich solle mal nicht so einen Wind machen.

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Seit vorletztem Samstag hat er jetzt auch sein Zeugnis, überreicht in einer feierlichen Zeremonie - und damit keine Ausrede mehr, sich nicht um den weiteren Weg zu kümmern. Stündlich stand ich seither vor seiner Zimmertür, schickte ihm Kurznachrichten, nervte mit Anrufen und Voice-Messages: "Hast du dich schon beworben? Und für was? Und wo?" Erst hat er die Tür abgeschlossen. Dann die Musik aufgedreht. Irgendwann hat er mich geblockt.

Bis am Donnerstagabend. Drei Bewerbungen, verkündete mein Sohn stolz beim Abendessen, habe er abgeschickt. Ich war erleichtert, musste mir aber seine Klagen anhören: Das Einrichten der jeweiligen Bewerber-Accounts auf den Uni-Homepages sei "der Horror" gewesen, habe ewig gedauert und genervt. "Alles digital, geht doch megaschnell...", versuchte ich einzuwenden, erntete aber nur einen strafenden, kalten Blick.

Wir schwiegen ein bisschen, aßen und tranken. Zeit für Versöhnung, dachte ich. "Hat doch noch gut geklappt", sagte ich deshalb, "ist ja zum Glück nicht auf den allerletzten Drücker gewesen, Bewerbungsschluss ist ja erst am Sonntag um Mitternacht. Wenn du willst, könntest du zur Sicherheit ja noch ein oder zwei weitere Be..."

Weiter kam ich nicht, mein Sohn hatte seine Gabel auf den Tisch fallen lassen und starrte mich ungläubig an. "Am Sonntag?", fragte er. "Ja, immer am 15. Juli", antwortete ich.

Er schüttelte den Kopf. "Unfassbar. Alter, ich dachte, das muss bis Freitagabend fertig sein. Dann hätte ich ja noch voll viel Zeit gehabt!"

Ich hatte fast das Gefühl, mich entschuldigen zu müssen.

Im Video: Abschluss - und dann?

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Seite 1
mol1969 16.07.2018
1. Ist dieses Abblocken heutzutage normal?
Mal ganz abgesehen vom eigentlichen Thema des Artikels: ist es heutzutage eigentlich normal, (Zitat) "Erst hat er die Tür abgeschlossen. Dann die Musik aufgedreht. Irgendwann hat er mich geblockt" ??? Für mich ist das irgendwie unvorstellbar. Ich habe während der ganzen 22 Jahre, die ich bei meinen Eltern wohnte, nicht ein einziges Mal die Tür abgeschlossen (es gab für die Zimmertüren nicht einmal einen Schlüssel) und hätte ich meine Eltern in irgendeiner Weise ignoriert ("geblockt" im technischen Sinne gab es ja noch gar nicht) hätte ich ziemlichen Ärger am Hals gehabt. Abgesehen davon hatte ich gar nie das Bedürfnis, klar gab es mal Zoff, aber niemals so schlimm, dass man mehr als ein paar Minuten gebraucht hätte, um wieder vernünftig miteinander zu kommunizieren. Bin ich die große Ausnahme?
Sibylle1969 16.07.2018
2.
Immerhin kommt der Sohn noch in die Pötte. Ganz viele Abiturienten haben keine Ahnung, was sie danach machen wollen.
Fricklerzzz 16.07.2018
3. Ihrem Sohn gehts zu gut
Zuhause chillen reicht ihm, er hat kein echtes Interesse, kein Ziel. Hoffentlich findet er das noch. Sonst chillt er am Studienort weiter, wo kein Vater das überwacht. Ohne Ziel, keine Motivation. Ein par Jahre chillen, dann gibt er das Studium auf - ohne Ziel, er braucht ein Ziel und das ist sicher nichts von dem was Sie vorschlagen würden.
glasen 16.07.2018
4. Psychologie oder Jura. Vielleicht auch Geschichte, Philosophie ...
Zu gut deutsch: Der Sohn hat keine Idee was er studieren will. Papa will es halt so und deshalb wird sich einfach mal beworben. In der Liste fehlt eigentlich nur noch BWL.
mol1969 16.07.2018
5.
Ist es eigentlich nicht üblich, sich schon längere Zeit VOR dem Abitur darüber Gedanken zu machen, was man nach dem Abi machen will? Ich hatte meine Ausbildungsstelle rechtzeitig vor dem Abi sicher, und ob ich überhaupt eine Ausbildung oder ein Studium angehen will, hatte ich mir logischerweise noch vor der Bewerbung überlegt. Ich hatte meine Wahl etwa 1 1/2 Jahre vor dem Abi getroffen und auf 2 verschiedene Ausbildungsberufe eingeschränkt.
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