Abitur Es geht los - mit denselben Aufgaben für alle

In Deutsch, Mathe, Englisch und Französisch sollen sich die Abiturniveaus nun annähern: Die Bundesländer können sich aus einem gemeinsamen Aufgabenpool bedienen. Doch das Konzept hat viele Kritiker.

Abiturprüfung (Archivbild)
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Abiturprüfung (Archivbild)


An diesem Donnerstag gehen die Abiturienten in Hessen mit Herzklopfen in die Schule: Es ist der erste Tag der schriftlichen Abiturklausuren. Im April sind die Schüler in zehn anderen Bundesländern dran, und die Bayern sogar erst im Mai, während Rheinland-Pfalz schon so gut wie durch ist.

Allein diese Terminübersicht der Kultusministerkonferenz (KMK) zum "Abi 2017" zeigt: Es ist kompliziert, die Sache mit dem vergleichbaren Abitur. Seit Langem gibt es Kritik - die Prüfungen seien von Bundesland zu Bundesland zu unterschiedlich, in manchen Ländern viel zu lasch, in anderen viel zu schwierig, und alles in allem ziemlich ungerecht.

Nun soll ein gemeinsamer Aufgabenpool die Anforderungen in vier Fächern auf einen gemeinsamen Level bringen. Dieselben Prüfungsfragen für Deutsch, Mathematik, Englisch und Französisch sollen nun immerhin sicherstellen, dass sich die Abi-Niveaus etwas annähern. Mindestens zwei, maximal 20 bundesweit abrufbare Aufgaben stehen je nach Fach und Teilbereich zur Auswahl. Grundlage sind die 2012 verabschiedeten "Bildungsstandards für die Allgemeine Hochschulreife".

"Mit dem Abitur 2017 gehen wir einen weiteren Schritt in Richtung einer besseren Vergleichbarkeit", sagt KMK-Präsidentin Susanne Eisenmann (CDU). "Dafür haben alle Länder Aufgaben für einen Pool entwickelt, und daraus, ergänzt durch länderspezifische Aufgaben, ergibt sich die einheitliche Basis für das Abitur 2017." Ob die von Land zu Land hinzugefügten Abi-Aufgaben die gewünschte "bessere Vergleichbarkeit" der Prüfungen und Noten sogleich wieder verwässern, das dürfte eine der spannenden Fragen dieser vorsichtigen Bildungsreform sein.

Abitur: Das raten Lehrer zur Prüfungsvorbereitung

Während Kritiker noch befürchten, dass das Abitur jetzt überall einfacher wird, möchte KMK-Präsidentin Eisenmann das Abi 2017 möglichst schnell auswerten lassen. Denn es laufen bereits Vorbereitungen für die Aufgabenpools 2018 und 2019, einheitliche Standards für Biologie, Physik und Chemie könnten folgen.

Experten wie der Chef des Deutschen Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger, kritisieren die Zurückhaltung der Kultusminister bei ihrer Abi-Reform. "Wenn man sich die rechnerische Bedeutung dieses gemeinsamen Prüfungsteils anschaut, dann ist die nur minimal. Es geht hier am Ende vielleicht um fünf Prozent Anteil am Abi, die davon berührt werden. Das muss ausgebaut werden."

Zentrale Abiturprüfungen an gemeinsamen Terminen und mit gleichen Aufgaben für alle Schüler wird es aber wohl auch künftig nicht geben - ein Zentralabitur wollen die Länder nämlich auf gar keinen Fall. Die Bildungsressortchefs nehmen daher auch in Kauf, dass es Jahr für Jahr weit verbreitetes Kopfschütteln über das Länder-Ranking nach Notenschnitt und Einserprüfungen gibt.

Demnach bleibt die Abi-Ungleichheit von Bundesland zu Bundesland wohl insgesamt bestehen: Während in Thüringen vier von zehn Abiturienten am Ende eine Eins vor dem Komma haben - mit entsprechend besseren Chancen im Wettbewerb um begehrte NC-Studienplätze -, sind es in Niedersachsen kaum 20 Prozent. IQB-Direktorin Petra Stanat kritisiert: "Es ist nicht gerecht, wenn Schüler mit ähnlichen Leistungen je nach Bundesland sehr unterschiedliche Abiturnoten erhalten."

lgr/dpa

insgesamt 55 Beiträge
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bert1966 16.03.2017
1. Gerechtigkeit? Illusion!
G8 in einem Bundesland, G9 in einem anderen, meistens sogar beides im gleichen Bundesland: Gesamtschüler dürfen sich ein Jahr länger auf ihr Abitur vorbereiten als ihre Konkurrenten am Gymnasium. Trotzdem wehrt sich aktuell ein NRW die "Landeselternschaft der integrierten Schulen" gegen die sinnvolle Wiedereinführung von neun Schuljahren an Gymnasien, wie sie eine Bürgerinitiative anstrebt und schiebt dafür politisch induziert allerlei Scheinargumente vor (so behauptet man einfach, bei Wiedereinführung von G9 an Gymnasien fielen Stunden an Gesamtschulen weg, eine Behauptung, die so nicht stimmt). Man ist in Wirklichkeit wohl besorgt, daß die schlechten Ergebnisse von Gesamtschülern all zu offensichtlich würden, schon gleich falls gleiche Ausbildungszeit UND zentrales Abitur wieder Realität würden. Das ist nur eine Ungerechtigkeit, eine andere: die unterschiedliche Mittelzuweisung an Schulen überhaupt. Auch hier macht NRW keine gute Figur. Die ständig klamme Landesregierung versucht ständig, Unzulänglichkeiten in der Bildungspolitik zu kaschieren und was käme ihr da mehr ungelegen, als ein bundesweit zentrales Abitur? Gerechtigkeit durch Zentralabitur also: schon vom Ansatz ein Ding der Unmöglichkeit, man müsste viel mehr an der Verbesserung der Lehr- und Ausbildungsqualität ansetzen (dazu z. B. den Landesschulministerien viel mehr auf die Finger klopfen) und nicht an der Ergebnisqualität.
docrentner 16.03.2017
2. Endlich Hoffnung
Wahrscheinlich müssen erst die Bildungspolitiker abdanken, dann können sich die Pädagogen der beteiligten Länder einigen.
ackergold 16.03.2017
3.
Der grundsätzliche Irrglaube in vielen Köpfen ist, dass die Abiturnote etwas über die Fähigkeiten des Abiturienten aussagt. Tatsächlich ist das nur ein einziger Parameter unter vielen. Eine weitere Groteske ist die Annahme, dass die Schwierigkeit der Abiturprüfung ein Qualitätsmerkmal der Ausbildung sei. In einer Prüfung lernt der Schüler überhaupt nichts mehr und geprüft wird auch nicht der Bildungsgrad, sondern eine momentane Leistung. Auch hier ist der Aussagewert faktisch nahe Null.
frank_w._abagnale 16.03.2017
4. Niveau sinkt ohnehin immer weiter.
Eines vorab. Ich führe ein deutsches Familien-Unternehmen und bekomme viele Bewerbungen auf den Tisch. Daher weiß ich wovon ich spreche Das Abitur ist doch schon derart verwässert und vereinfacht, dass es quasi nichts mehr aussagt. Mittlerweile dürfen sich Schüler Abiturienten nennen, die noch vor zwei oder drei Jahrzehnten gerade mal die Mittlere Reife geschafft hätten. Viel weiter kann man das Leistungsniveau beim Abitur nicht mehr absenken. Die Fähigkeiten und das Wissen der heutigen Abiturienten ist teilweise grauenhaft schlecht. Nicht verwertbar. Trotzdem haben sie Abitur. Und warum das alles?: Damit Deutschland im internationalen Vergleich besser dasteht.
unzensierbar 16.03.2017
5.
2 Probleme: 1. Alle Abschlüsse sollte für alle Bundesländer einheitlich sein, damit sie vergleichbar sind. 2. Es ist doch gut wenn das Abitur allgemein einfacher wird. Es verlangen ja auch vergleichsweise mehr Arbeitgeber ein Abitur heutzutage.
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