Baden-Württemberg Schüler starten Petition gegen Englisch-Abi - und sammeln 28.000 Unterschriften

War das Englisch-Abitur in Baden-Württemberg zu schwer? Mit einer Petition wehren sich Schüler gegen die "unfaire Prüfung" - und finden Tausende Unterstützer.

Abi-Prüfung in Stuttgart (Archivbild)
DPA

Abi-Prüfung in Stuttgart (Archivbild)


Am Freitag schrieben Tausende Schüler in Baden-Württemberg ihr Abitur in Englisch. Sie mussten dabei unter anderem mit diesem inhaltlich hochsymbolischen Textabschnitt über die Freiheitsstatue in New York zurechtkommen:

"The spinning disk of the late afternoon sun slanted behind her, and to those on board who gazed, her features were charred with shadow, her depths exhausted, her masses ironed to one single plane. Against the luminous sky the rays of her halo were spikes of darkness roweling the air; shadow flattened the torch she bore to a black cross against flawless light-the blackened hilt of a broken sword. Liberty."

In einer Petition auf der Plattform Change.org beklagen die Abiturienten nun: "Das Abitur im Fach Englisch war unfair!" Bis Montag haben dieser Einschätzung 28.489 Unterzeichner zugestimmt. Sie richten sich direkt an die Kultusministerin des Landes, Susanne Eisenmann: "Wir fordern Sie auf, den Erwartungshorizont anzupassen und den hohen Schwierigkeitsgrad bei der Bewertung zu berücksichtigen."

Ist die Aktion nur ein Ventil für Prüfungsfrust oder ein sachlicher Einwand mit Aussicht auf Chancen? In dem Petitionstext argumentieren die Initiatoren, die unter dem Namen "Abiturienten 2018" auf Change.org auftreten, sehr ausführlich, wo sie die besonderen Schwierigkeiten ihrer Prüfung sehen - im Vergleich zu früheren Jahrgängen und auch zu typischen Aufgaben im Unterricht. Zudem seien Teile der Aufgabenstellung missverständlich.

Ministerium will die Prüfung prüfen

Eine Sprecherin des Kultusministeriums sagte der "Stuttgarter Zeitung" daraufhin, man wolle die Petition "gründlich prüfen und sich später dazu äußern". Auch der neue Vorsitzende des Landesschülerbeirats, Leandro Cerqueira-Karst, will sich mit dem Thema beschäftigen.

Klagen über schwere Abiturprüfungen sind keine Seltenheit. 2016 führte solch ein Protest in Niedersachsen sogar dazu, dass nachträglich der Notenschnitt angehoben wurde. Bei der fraglichen Matheprüfung wertete das Kultusministerium damals allerdings erst die Korrekturergebnisse aus. Als klar war, dass der Schnitt auffallend schlecht war, wurde der Bewertungsmaßstab angepasst.

mamk



insgesamt 140 Beiträge
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lobivia 23.04.2018
1. So!
Und jetzt bitte dann das übliche Gejammere nach dem Motto: "Mein Abitur war damals aber viel schwieriger, das war noch was wert... "
markrenton 23.04.2018
2. Nettes Gedicht über die Ungewissheit der Freiheit
Ein bisschen mehr Kontext wäre schön. Was sollte mit dem Gedicht gemacht werden? Wie sah der Lehrplan aus? Wurde Migration in die USA und amerikanische Lyrik behandelt? Mein Abitur (u.a. English LK) ist nun 10 Jahre her und habe es in der vermeintlichen Bildungs-Ödnis NRW abgelegt, aber der Text ist an sich gut zu verstehen und gut analysieren. Ansonsten kann man nicht sagen, ob die Aufregung angebracht ist oder nicht.
19flu60 23.04.2018
3. Zurecht...
...wird sich beschwert. Den Lehrern wurde seit Jahren auf Fortbildungen gesagt, literarische Primärtexte kämen im schriftlichen Abitur als Verständnistext nicht vor. Aber genau das ist passiert.
hiko.fairbanks 23.04.2018
4. Etwas übertrieben?
Ich wage die Behauptung, dass auch der Großteil der Englischlehrer mit einer korrekten Übersetzung hoffnungslos überfordert wären. Mein Englischlehrer war schon mit dem Unterschied von "hit" und "landing" überfordert.
murksdoc 23.04.2018
5. What a mist
Der Text ist auf Deutsch ein Werk, für das vermutlich die Bezeichnung "Geschwurbel" erfunden wurde: "Die sich drehende Scheibe der Spätnachmittagssonne (Anm: seit wann dreht die sich?) neigte sich hinter ihr (Anm: seit wann neigt sich die Sonne schon am Nachmittag und außerdem: neigte sie sich, oder drehte sie sich?), und für die an Bord, die glotzten (Annm: "To gaze" heisst: "starren", aber man starrt nicht in die Sonne), zerschmolzen ihre Details im Schatten (Anm: nicht die Details derer, die in die Sonne glotzten, sondern die Details der Freiheitsstatue, hinter der sich die sich neigende Sonne dreht beziehungsweise die drehende Sonne neigt), ihre Tiefen erschöpft, ihre Massen zu einer einzigen Ebene glattgebügelt (Anm: es handelt sich wohl um eine Prüfung für Hauswirtschaftsgymnasien). Gegen den leuchtenden Himmel waren die Strahlen ihrer Dornenkrone Spitzen der Dunkelheit, Sporen der Luft. Schatten planierte die Fackel, die sie trug, zu einem schwarzen Kreuz im makellosen Gegenlicht - der geschwärzte Griff eines zerbrochenen Schwertes". Ende. Vorhang. Applaus. Selbstmord.
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