Abitur in NRW Staatssekretär verbannt Merkel-Aufgabe

Taktisches Bremsmanöver oder gutes Fingerspitzengefühl? In Nordrhein-Westfalens Zentralabitur sollten Schüler eine Rede der Kanzlerin kritisch analysieren. Doch ein CDU-Staatssekretär schritt ein. Die Opposition wittert "parteipolitische Einflussnahme", das Schulministerium dementiert.

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Manchmal dauert es etwas länger, bis eine Rede ihre Wirkung entfaltet. Und manchmal entfaltet sie eine ganz andere als vom Redner beabsichtigt. Angela Merkels Stimme zitterte ein wenig, als sie das Podium betrat und mit den Worten begann: "Herr Präsident, meine Damen und Herren!" Das wird die normale Aufregung gewesen sein. Die Kanzlerin konnte nicht ahnen, dass ihre Worte vor der Uno-Generalversammlung im Herbst 2007 für großen Ärger in Nordrhein-Westfalen sorgen sollten - anderthalb Jahre später.

Nichts fürs Abi: Merkels Uno-Rede darf kein Prüfungsthema sein
REUTERS

Nichts fürs Abi: Merkels Uno-Rede darf kein Prüfungsthema sein

Merkel mischte damals diplomatische Floskeln und politische Forderungen, streifte die großen Themen, Klimawandel, Iran, Darfur, wie es Politikprofis eben so machen. Der Wunsch nach einem ständigen Sitz Deutschlands im Sicherheitsrat schaffte es hinterher in die Schlagzeilen. Am Ende stand der unspektakuläre Satz: "Wir freuen uns auf die fruchtbare Zusammenarbeit mit allen Partnern der Vereinten Nationen."

Die Ansprache der letzte Rednerin nach einem langen Tag vor fast leeren Sitzreihen war jetzt vorgesehen als Teil einer Aufgabe im nordrhein-westfälischen Zentralabitur. Im Fach Sozialwissenschaften sollten die Schüler einige Passagen analysieren. Das aber passte einem Staatssekretär im Schulministerium nicht: Vor wenigen Tagen ließ er die Aufgabe austauschen. CDU-Politiker Günter Winands verhinderte dadurch, dass sich die Schüler mit der Rede der CDU-Vorsitzenden Angela Merkel kritisch auseinandersetzten.

Besseres Abi-Thema vom Altkanzler?

Zwar wurde in aller Eile Ersatz beschafft, eine ältere Rede von Helmut Schmidt (SPD), so dass die Prüfung am geplanten Tag stattfinden konnte. Doch der Ärger ist jetzt groß in dem Bundesland, in dem es schon mehrfach Streit ums Zentralabitur gab. Die Opposition wittert "parteipolitisch motivierten Einfluss" durch den Staatssekretär, so die SPD-Schulpolitikerin Ute Schäfer. Die Grünen forderten gar den Rücktritt des CDU-Politikers.

Dabei sollte diesmal alles besser werden beim Zentralabitur. Die Pannen der letzten Jahre wollte das Schulministerium unbedingt vermeiden, es sollte nicht wieder unlösbare Aufgaben geben wie den "Oktaeder des Grauens" beim Zentralabitur 2008, kein Nachschreibe-Chaos und keine Beschwerden.

Daher hatte Schulministerin Barbara Sommer (CDU) rund 1150 mögliche Abi-Aufgaben, die in der Regel von erfahrenen Lehrern eingereicht werden, nicht nur von Fachreferenten in der Verwaltung kontrollieren lassen. Sie hatte diesmal eine eigene Kommission engagiert und dafür eine halbe Million Euro ausgegeben: 105 Bildungsforscher, Fachwissenschaftler und Lehrer untersuchten noch einmal Richtigkeit, Verständlichkeit und Einsatzreife der Aufgaben - eine Art "Abi-TÜV", bundesweit einmalig.

Diese Tests überstand auch die Aufgabe zur Merkel-Rede aus dem "Inhaltsfeld VI: Globale politische Strukturen und Prozesse", wie es im Lehrplan für Sozialwissenschaften heißt.

Sonst nur Einzelpannen: Aufgaben samt Lösung verteilt

Alles schien glatt zu laufen beim dritten Zentralabitur in Nordrhein-Westfalen. Kleinere Einzelpannen blieben dennoch nicht aus: So verteilte ein Lehrer eines Wittener Gymnasiums zusammen mit den Mathe-Klausuren auch gleich die Lösungen. Die Schüler freuten sich darüber nur kurz, die Klausuren müssen nachgeschrieben werden. Einige Schulen luden zudem die falschen Aufgaben vom Bildungsserver herunter, und die Landesschülervertretung kritisierte, dass bei Abi-Prüfungen im Fach Deutsch einigen Kursen erlaubt wurde, die Lektüre zu benutzen, anderen nicht.

Doch dann die Turbulenzen im Fach Sozialwissenschaften - wenige Tage, bevor die Schüler die Merkel-Rede analysieren sollten, entschied Staatssekretär Winands: Stopp! Obwohl die Aufgabe mehrfach von Fachleuten geprüft worden war, sollte sie nicht verteilt werden.

Handelte hier ein CDU-Parteisoldat in vorauseilendem Gehorsam gegenüber der großen Vorsitzenden? Aber wieso sollte er verhindern wollen, dass Schüler sich mit einer Merkel-Rede beschäftigen?

Das Schulministerium beteuert, man habe sich schlicht nicht dem Vorwurf aussetzen wollen, kurz vor der Europa- und der Bundestagswahl CDU-Botschaften zu transportieren. "Sonst hätte die Opposition eine Steinmeier-Rede verlangt", sagte der Sprecher des Schulministeriums, Thomas Breuer, SPIEGEL ONLINE. Dem Vorwurf parteipolitischer Einflussnahme widerspricht er vehement. "Warum sollten wir etwas dagegen haben?", fragte Breuer. Der Inhalt der Rede habe überhaupt keine Rolle gespielt bei der Entscheidung.

"Wir wollten die Aufgabe nicht wegschmeißen"

Man habe sich auch nicht über das Votum der Fachleute vom Abi-Tüv hinweggesetzt, sondern sich mit dem Bildungsforscher Wilfried Bos abgestimmt, der die Prüfkommission leitet. Für SPIEGEL ONLINE war Bos für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

"Wir wollten die Aufgabe nicht in den Mülleimer schmeißen", sagte Thomas Breuer. Sie solle lediglich in ein Nicht-Wahljahr geschoben werden. Das gehe jetzt aber nicht mehr, weil der Fall öffentlich geworden sei.

Dürfen demnach in Wahlkampfjahren gar keine Äußerungen von Regierungsmitgliedern mehr in der Schule besprochen werden?

In dem Inhaltsfeld, aus dem die Aufgabe stammte, sollen Schüler unter anderem lernen, "die Rezeptionsmuster zu untersuchen, in denen der nur mit beschränkten Informationen und Eindrücken konfrontierte Bürger in Beurteilungen hineingezogen wird". Auf dieser Grundlage sei es "eine besondere Aufgabe des Unterrichts, Einseitigkeiten in politischen Diskussionen und Problemdarstellungen aufzudecken", heißt es im Lehrplan.

So gesehen hat Günter Winands womöglich eine gute Vorlage fürs Abitur 2010 geliefert: Die Abiturienten könnten sich dann kritisch mit den Vorgängen in diesem Jahr auseinandersetzen.

insgesamt 392 Beiträge
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Seite 1
anin, 14.04.2008
1.
Zitat von sysopFünf Bundesländer wollen einheitliche Abiturprüfungen in Deutsch und Mathe einführen: Fortschritt oder Rückschritt für die Schulbildung?
Das Zentralabitur ist der erste Schritt hin zu einem einfachen "multiple choice test". Eine bundeseinheitliche Prüfung bei zugleich hohem Niveau läßt sich gar nicht durchhalten. Damit ist das Ende der "abgangsbezogenen" Prüfungen in Deutschland eingeleutet. Zukünfig wird nur noch "eingangsseitig" z.B. in den Universitäten geprüft werden. Nach Bachelor und Master wieder ein konsequenter Schritt zur "Demontage" unserer Gymnasialausbildung und der Entmündigung der dort Lehrenden.
Severine1985, 14.04.2008
2. Kein Fortschritt
Zitat von sysopFünf Bundesländer wollen einheitliche Abiturprüfungen in Deutsch und Mathe einführen: Fortschritt oder Rückschritt für die Schulbildung?
Ich denke nicht, daß es sich da um einen Fortschritt handelt. Außerdem dürften die Lehrpläne der einzelnen Bundesländer noch immer ziemlich voneinander abweichen. Vermutlich wird man sich da also auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigen, und wie soll damit ein hohes Niveau gehalten oder erreicht werden?
Peter-Freimann 14.04.2008
3.
Zitat von sysopFünf Bundesländer wollen einheitliche Abiturprüfungen in Deutsch und Mathe einführen: Fortschritt oder Rückschritt für die Schulbildung?
Zentralabitur ja, aber man sollte den Maßstab schon so anlegen, dass die Bildungspolitik fortschrittlicher Bundesländer wie Bremen, Hamburg, NRW oder Berlin zugrundegelegt wird. A: Deutschabitur: wie war die Zeit von 33-45 für Deutschland a) irgendwie nicht so prickelnd b) teils-teils, immerhin wurden Autobahnen gebaut Erörtere das Thema! B) Mathematik: ein/e MaurerIn arbeitetet acht Stunden und fügt in einer Stunde zwanzig Steine aufeinander. Wieviele MaurerInnen sind an der Baustelle beschäftigt? Gebe die Lösungsmenge an, suche Dir ein/e Schüler/in aus einer anderen Ethnie und diskutiere mit ihr/ihm das Ergebnis.
freeopinion 14.04.2008
4. Wenigstens ein Anfang!
Nachdem ich meine eigene und die Schulzeit meines Sohnes nicht wegen, sondern trotz der jeweiligen KultusministerInnen überstanden habe, kann ich es eigentlich kaum fassen, dass in diesem Bereich die Vernunft greifen könnte. Dass tatsächlich fünf Bundesländer einheitliche Abiprüfungen in zwei Fächern einführen wollen, führt allerdings auch zu der Frage: Geht es nur in Mathe und Deutsch und wenn ja, warum? Aber auch dieser zaghafte Schritt in die richtige Richtung sollte nicht davon ablenken, dass mindestens genauso dringend der generelle Systemfehler im Bildungswesen behoben werden muss. Und der liegt darin, dass sich bei uns Lehrer wie Hochschullehrer im geschützten Biotop statt im Wettbewerb befinden. Solange deren Engagement, Wissensvermittlungs- und soziale Kompetenz ihren Arbeitgebern egal sind, wenn nur der Stellenschlüssel stimmt (oder auch nicht), werden wir hier weiterhin Professoren haben, die 20 Jahre alte Skripte austeilen, und Gymnasiallehrer, die sich für die Gartenarbeit besser anziehen als für den Unterricht...
Emmi 14.04.2008
5.
Zitat von sysopFünf Bundesländer wollen einheitliche Abiturprüfungen in Deutsch und Mathe einführen: Fortschritt oder Rückschritt für die Schulbildung?
Einheitliche Prüfungen machen nur Sinn bei einem einheitlichen Lehrplan und gleichen Voraussetzungen. Das soll kein Plädoyer gegen das Zentralabitur sondern gegen die Kleinstaaterei im Bildungswesen sein. Emmi
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