Späte Abi-Einsicht Was habe ich da nur verzapft?

Sind Abi-Klausuren so etwas wie ein Staatsgeheimnis? Steve Przybilla wollte seine Ergüsse aus der Kollegstufe einsehen und stieß auf Halbwissen und bürokratische Hürden.

Steve Przybilla

Was waren wir neugierig, damals, im Sommer 2004. Das Abi in der Tasche, die Welt zu unseren Füßen. Und nie wieder Prüfungen, zumindest fühlte es sich so an.

Nur die letzten, bis dato wichtigsten Klausuren in unserem Leben hätten wir gerne noch einmal gesehen. Doch daraus wurde nichts. "Ihr dürft erst in zehn Jahren auftauchen", warnten uns die Lehrer. Warum? So sei das eben in NRW.

Inzwischen sind zehn Jahre vergangen, meine Neugier ist geblieben. Also schreibe ich eine E-Mail an meine alte Schule. "Selbstverständlich können Sie gerne Ihre Abiturklausuren einsehen", antwortet die Sekretärin und bittet mich, einen Terminwunsch zu nennen.

Zwei Wochen später halte ich drei zehn Jahre alte Bögen Recyclingpapier in der Hand. Ich sitze im Vorzimmer der Schulleiterin, nebenan summt der Kopierer. Beim Anblick der Geschichtsklausur muss ich schmunzeln: Hitlerrede, Anschluss Österreichs 1938. Meine spätpubertäre Analyse gipfelt in einem gewagten Vergleich mit den USA, die gerade in den Irakkrieg gezogen waren. Kommentar meines Lehrers auf einem computergedruckten Blatt: Nachdem der Schüler Przybilla einen Bezug zum Jahr 2004 hergestellt hatte, "kann er aus der Rede politische Folgerungen ziehen".

"The result of Earl Grey" und "greifbahr" mit h

Es sind Kleinigkeiten, die mich freuen. Neben einen Teefleck auf der Englischklausur hatte ich geschrieben: "The result of Earl Grey". In der Deutschklausur stach aus meinen hochtrabenden Sätzen das Wort "greifbahr" (mit h) heraus. Gerne hätte ich diese Erinnerungen mit nach Hause genommen, doch die Sekretärin schreitet ein: "Das geht leider nicht." Eine Kopie vielleicht? Auch nicht.

Wieder die Frage: Wieso eigentlich? Die Einspruchsfristen sind längst abgelaufen. Müsste es nicht möglich sein, die eigene Arbeit mit nach Hause zu nehmen?

Anruf beim NRW-Bildungsministerium: Der Pressesprecher ist überrascht. Natürlich dürfe man Klausuren kopieren. Und zehn Jahre warten müsse man auch nicht. Oder doch? Er will sich lieber noch einmal rückversichern.

Trügt mich meine Erinnerung? Könnten sich die Lehrer getäuscht haben? Oder verändern sich die Regeln so oft, dass niemand mehr weiß, wie der aktuelle Stand ist? Für Letzteres spricht, dass mein früherer Deutschlehrer Frank Patting die Sache genau so sieht: "Im Bewusstsein der Kollegen ist nach wie vor gespeichert, dass man Abiklausuren erst nach zehn Jahren hervorholen darf", sagt Patting, noch heute unterrichtet er in NRW. "Ich wüsste nicht, dass sich da etwas geändert hat."

Schul-Föderalismus: Mal so, mal so

Heutige Abiturienten, so sagen es mehrere zuständige Ministerien, müssen nicht mehr ein Jahrzehnt warten. Zehn Jahre beträgt oft lediglich die Frist, die die Unterlagen gelagert werden müssen. Die Sperrfristen handhabt jedes Land, ganz föderal, etwas anders.

Im Saarland wird der Bann nach Abschluss des Prüfungsverfahrens gelüftet. Laut Bildungsministerium darf man die Dokumente aber nicht einstecken, denn sie "werden ggf. noch zu Beweiszwecken gebraucht". Kopien sind dagegen erlaubt - "auf Kosten des Schülers", schreibt die Pressestelle.

In Baden-Württemberg dürfen Neugierige ihre Arbeiten schon drei Jahre nach dem Abi mit nach Hause nehmen, Einsichtnahme und Kopien sind bereits nach Abschluss der Prüfungsphase möglich. In Bayern dürfen Schüler ihre Werke ebenfalls kurz nach den Abi-Tests einsehen, übers Kopieren entscheidet aber die Schule, die Blätter mitzunehmen ist ausgeschlossen.

In Berlin sind Arbeiten ein Jahr nach der Prüfung einsehbar, kopiert werden dürfe nur bei "begründetem Bedarf" und "gegen Gebühr". Auch Niedersachsens Abiturienten dürfen nach einem Jahr Einsicht nehmen und nach zehn Jahren den grauen Papierstapel sogar mit nach Hause nehmen. Rheinland-Pfalz macht es ebenso.

In Thüringen dürfen die Schüler nur binnen sechs Monaten nach den Abi-Klausuren einen Blick in die Arbeit werfen, danach kann die Schule auf Wunsch und gegen Geld Kopien anfertigen. Auch hier ist die Mitnahme nach zehn Jahren gestattet. Andere Bundesländer antworteten kryptisch oder gar nicht.

Heinz-Peter Meidinger, Bundesvorsitzender des Philologenverbands, stört das Durcheinander: "Das Recht auf Einsichtnahme wird immer öfter in Anspruch genommen, wobei 90 Prozent der Schüler nur interessehalber noch einmal reinschauen wollen." Aber: "Was erlaubt ist und was nicht, variiert selbst innerhalb eines Bundeslandes. Es wäre wünschenswert, wenn die Kultusministerkonferenz eine einheitliche Regelung schaffen würde."

Nach einer Woche ruft das NRW-Bildungsministerium noch einmal an. "Abiturklausuren darf man direkt nach den Prüfungen einsehen", erklärt der freundliche Sprecher. Warum das früher anders war, wisse er nicht - und auch nicht, ob es überhaupt je anders war. Der Mann wirkt etwas hilflos. "Ich kann Ihnen die aktuelle Gesetzeslage sagen, aber nichts aus der Vergangenheit. Wir sind ja kein Archiv."

Keine alten Gesetzestexte im Archiv? Vielleicht mangelt es am Platz. Denn in den Archiven stapelt sich ja eine Menge altes Abitur-Papier.

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Seite 1
Newspeak 25.07.2014
1. ...
Das ist halt typisch Deutschland. Keiner kennt so richtig die Regel, aber man geht natürlich davon aus, daß es eine geben muß, wie sollte es auch anders sein, dann fühlt man sich noch ein klein wenig wichtig, da kann man auch schon mal so einem kleinen Abiturienten die Einsicht verwehren, weil man muß ja immer vom Schlimmsten ausgehen, daß der einen verklagen will. An harmlose Sentimentalitäten denkt da niemand und sinnvoll begründen lässt sich das Alles nicht. Normalerweise müsste es so sein, daß das Eigentum an Klausuren immer bei dem liegt, der sie schreibt. Für die Akten kann man Kopien machen, von mir aus beglaubigt. Denn irgendwann ist es doch so: Das was vorher so wichtig war und besser gehütet wird wie das durchschnittliche Staatsgeheimnis wird von einem zum anderen Tag Altpapier und entsorgt. Ohne davon die zugehörige Person zu informieren. Dasselbe Bohei gibt es dann übrigens auch ein paar Stufen höher, bei der Promotion. Da sagte dann die Dekanatssekretärin, daß man lieber kein schön gebundenes Exemplar für die Akte abgibt, weil die Arbeiten eh nach einer Weile ins Altpapier wandern. Weil einfach die Lagermöglichkeiten nicht da sind. Bezahlt hat man den Druck aber selber. Aufgehoben wird dann nur die Prüfungsakte ohne Arbeit. Und die Gutachten wurden auch unter Verschluß gehalten. Zum Glück gibt es Tricks, wie man trotzdem drankommt, wenn man sich nicht einfach so abspeisen lässt.
hektor2 25.07.2014
2. Frommer Wunsch
Zitat von sysopSteve PrzybillaSind Abi-Klausuren so etwas wie ein Staatsgeheimnis? Steve Przybilla wollte seine Ergüsse aus der Kollegstufe einsehen und stieß auf Halbwissen und bürokratische Hürden. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/abitur-klausuren-einsehen-ist-wegen-sperrfristen-schwerer-als-gedacht-a-978301.html
Das ist aber sehr frommes Wunschdenken: Hätte die KMK es zu entscheiden, dann gäbe es wahrscheinlich nicht einmal ein einheitliches Papierformat.
Hippopotamus49 25.07.2014
3. Überhaupt nicht kompliziert....
.... war es bei mir (allerdings sind wir auch erst 40 Jahre nach dem Abitur auf die Idee gekommen, nach den Abiturarbeiten zu fragen). Jetzt habe ich meine Originalarbeiten, das Gutachten des Klassenlehrers über unsere Klasse (in Kopie), das Gutachten des Klassenlehrers über mich und meinen Antrag auf Zulassung zum Abi - der war damals noch erforderlich (Original). Wir reden übrigens über eine Schule in NRW.
Hesekiel 25.07.2014
4.
Ich habe aehnliche Erfahrungen gemacht (Abi 2005 NDS), vermute aber, dass sich von Schulseite auch deshalb derart gestraeubt wird, weil die Archivierung dort eher ein schlechter Scherz zu sein scheint - gleich einem Orkus auf dem Dachboden meiner alten Bildungseinrichtung, bewacht von jenen, die den Orkus seit Jahr und Tag erhalten, gleichzeitig aber seine Existenz so gut es geht verschleiern möchten. In aehnlichen Worten hat es zumindest ein ehemaliger Lehrer von mir mal inoffiziell beschrieben. Jetzt warte ich also auf 2015, um mein Recht auf Mitnahme der Abiklausuren auf die Probe zu stellen - nicht, dass man Lehrer mit der Existenz solcher Rechte aus der Ruhe bringen koennte, aber allein der Versuch sollte schon Anekdoten satt liefern!
schlawa 25.07.2014
5.
Ich hatte letztens 10 jähriges Abi-treffen und dort hatte ein Lehrer die ganzen Abiturarbeiten irgendwie aus dem Archiv gesucht und ausgelegt. Mein Geschichts-Abitur zu Wehlers Sonderwegsthese war immernoch gut lesbar und nicht peinlich, aber meine Ergüsse zu Faust bleiben wohl besser unveröffentlicht :)
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