Masterarbeit über Abituraufgaben Mathe-Abi ist in Berlin leichter als in Bayern

Sind die Abituraufgaben in Bayern besonders schwer? Ein Mathematikstudent bezweifelte das - und rechnete für sein Fach nach. Er kam zu einem überraschend klaren Ergebnis.

Severin Wenzeck
Mike Wolff / Der Tagesspiegel

Severin Wenzeck

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Die "bayerische Großkotzigkeit" in Bildungsfragen war es, die Severin Wenzeck beschäftigte und auch ein bisschen ärgerte. Schließlich schneiden bayerische Schüler bei Leistungsvergleichen zwischen den Bundesländern meistens ziemlich gut ab, was die Landesregierung dann jedes Mal für stolzes Eigenlob nutzt. Aber ist das überhaupt berechtigt?

Wenzeck, der gerade an der Berliner Humboldt-Universität sein Mathematikstudium abschließt, hat selbst 2011 in Bayern Abitur gemacht. "Damals noch in einem Mathe-Grundkurs", berichtet der 26-Jährige. Er gehörte zum letzten Jahrgang, der bis zum Abitur 13 Jahre lang die Schule besuchte. Danach kam G8 und zeitgleich die Abschaffung der Grund- und Leistungskurse - seither ist Mathematik Pflichtfach für alle Abiturienten im Freistaat. Dass es in Bayern keine Leistungskurse in seinem Lieblingsfach mehr gibt, bedauert Severin Wenzeck.

Berliner Abiturienten, die nach wie vor auch einen Mathe-Leistungskurs mit höherer Stundenzahl wählen können, müssten seither doch eigentlich die anspruchsvolleren Abituraufgaben bekommen, dachte sich der Student - und untersuchte für seine Masterarbeit insgesamt 28 Mathematikaufgaben, die zwischen 2011 und 2017 in Bayern und Berlin im Abitur drankamen. Das Resultat überraschte ihn: Berliner Matheabiturienten müssen trotz höherer Stundenzahl weniger wissen - der bayerische Stolz ist also zu großen Teilen berechtigt.

"Man kann sich durchmogeln"

"In Berlin kann man sich auch mit größeren Wissenslücken ganz gut durch die Prüfungen mogeln", sagt Severin Wenzeck. Leistungskursschüler in der Hauptstadt erhielten "weniger absolut zu bearbeitende Aufgaben, weniger auftretende Funktionstypen, weniger abgeprüfte Themeninhalte, teilweise keinerlei Begründungsaufgaben oder Aufgaben in fremden Sachkontexten".

In Bayern sei das völlig anders: "Da kamen nahezu alle Teilbereiche der Mathematik dran, die Schüler müssen wirklich den Stoff von zwei Jahren präsent haben." Dass der Weg zum Matheabitur in Berlin leichter sei, liege auch daran, dass die Schüler aus zwei vorgegebenen Aufgaben selbst auswählen können, welche sie bearbeiten - in Bayern trifft diese Entscheidung der Lehrer.

Was folgt daraus für die Schulpolitik? "Die Abschaffung der Grund- und Leistungskurse wäre der falsche Weg", sagt Wenzeck. Gerade diese Aufteilung mache homogenere Lerngruppen und damit einen gezielteren Unterricht möglich. Und in Bayern, auch das hat er durch vergleichendes Nachrechnen belegen können, sei das Niveau nach der Abschaffung der Leistungskurse zwar immer noch hoch, aber eben doch niedriger als früher.

Wenzeck plädiert stattdessen für stärkere Absprachen zwischen den Bundesländern, wie es sie unter anderem in Mathematik bereits ansatzweise gibt: In einem gemeinsamen Pool werden mögliche Abituraufgaben gesammelt - auch wenn es den Ländern bisher noch freigestellt ist, ob sie diese Aufgaben überhaupt nutzen und ob sie sie vielleicht verändern. Trotzdem sagt Severin Wenzeck: "Das ist ein Schritt in die richtige Richtung." Letztlich aber, gibt der 26-Jährige zu bedenken, sei das Abitur auch nur eine Abschlussprüfung: "Wirklich entscheidend ist die Qualität des Lehrers und des gesamten Unterrichts."

Nach dem Studium ins Referendariat - aber nicht in Bayern

Wenzecks Ergebnisse bestätigen, was sich auch bei anderen Untersuchungen zeigte: Erst kürzlich hatte das Berliner Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) festgestellt, dass es für Schüler manchmal schlicht Glück ist, ob sie im Abitur schwerere oder leichtere Aufgaben bearbeiten müssen - obwohl die Kultusminister mit der Einrichtung von zentralen Aufgabenpools eigentlich für eine stärkere Vergleichbarkeit des Abiturs sorgen wollten.

Die IQB-Studie, die im Auftrag der Länder durchgeführt wurde, sparte allerdings den vergleichenden Blick auf einzelne Bundesländer bewusst aus. Severin Wenzecks Untersuchung liefert jetzt genau diese Perspektive beispielhaft für zwei Länder und ein Fach. Weitere Ländervergleiche hält der 26-Jährige zwar für spannend, selber würde er sie wegen des großen Zeitaufwands aber nicht durchführen wollen. Denn nach dem Mathematik- und Informatikstudium steht für den angehenden Lehrer jetzt das Referendariat an - und das will er in Berlin absolvieren.



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deppjones 22.08.2018
1. Ist wohl so
Ist wohl so absolut gesehen. Als ich damals bei der Marine als Wehrpflichtiger mit bayrischen ehemaligen Abiturienten drüber diskutierte, war der aha-Effekt bei den Bayern allerdings groß, als ich erzählte, dass ich nur ein Semester aus vieren ausschließen konnte, welches nicht in der Prüfung vorkommen sollte. Mir hat man damals erzählt, dass sich die Abiturienten exakt zur Prüfung auf ein Thema vorbereiten mussten, welches dann allerdings auch schwerer sein konnte als jene Themen, die ich in Niedersachsen bewältigen musste.
olivervöl 22.08.2018
2. Toller Experte
Die Abi-Aufgaben mögen je nach Bundesland einfacher oder schwieriger sein, für sich allein sagt das noch nichts aus. Entscheidend ist, wie kritisch die Lösungen bewertet werden. Theoretisch kann auch eine schwierigere Aufgabe großzügiger benotet werden, oder es könnten andere Faktoren in die Bewertung einfließen. Ein realistischer Vergleich zwischen Bundesländern ist schwierig.
danubius 22.08.2018
3. Ursache und Lösung
Weg mit dem unsäglich föderalen Kultus aus den Bundesländern, der unseren Kindern eine Ungleichheit in den Berufschancen gibt. Ich plädiere für ein zentrales Kultusministerium, das bundeseinheitlich Lehrpläne und -inhalte sowie Prüfungsaufgaben und Notenschlüssel für Grund- und weiterführende Schulen sowie Hochschulen und Universitäten vorgibt. Die Ferienzeiten könnten dabei in Abstimmung weiterhin von den Bundesländern festgelegt werden. Die für z.B. die Harmonisierung von Lehrplänen / Prüfungsaufgaben eigentlich seit 1948 zuständige Kultusministerkonferenz (KMK) hat in ihren ganzen Jahren nichts Nennenswertes zustande gebracht ausser einem - schwäbisch gesagt: "Rechtschreibreförmle" und einer inhaltlichen Zentralisierung von drei Abitur-Prüfungshauptfächern - hat aber dafür jede Menge Spesen und damit Geld des Steuerzahlers ausgegeben.
brux 22.08.2018
4. Föderaler Unfug
In diesem Bereich ist Föderalismus einfach Quatsch. Ich musste nach dem Wechsel des Bundeslands ein Jahr länger bis zum Abitur warten. Mir fehlten 2 Sportarten während der letzten 2 Klassen. Das musste nachgeholt werden, obwohl Sport im Abitur gar nicht vorkam.
ernestobecker 22.08.2018
5. Das war schon früher so
Als ich Abitur machte, bekam ich als erstes Abituraufgaben (Physik-LK + Mathe-LK) aus Bayern in Hände und war schockiert, dass ich nicht den Hauch einer Chance hatte, diese zu lösen. Im Abitur erzielte ich dann in meinen Leistungskursen in Baden-Württemberg 15 und 13 Punkte. Später bekam ich dann noch Aufgaben aus Hessen in die Hände. Ich möchte den Niveau-Unterschied (minimal überspitzt) so ausdrücken: Hessen war wie Mittlere Reife, Baden-Württemberg wie Abitur und Bayern ein Niveau fast wie im Studium (ich habe Physik-Diplom incl. Mathematik-Grundstudium).
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