Umfassende G8-Studien Turbo-Abiturienten sind ebenbürtig

Bundesweit üben Gymnasial-Eltern massiv Kritik am Turbo-Abitur - doch neue Erkenntnisse einer Forschergruppe zeigen: Der schnelle Weg zum Abi ist genauso gut wie der langsamere. Stress haben die Schüler zwar, am G8 liegt das aber nicht.

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Schüler gegen G8 in NRW: Eine neue Studie attestiert, das schnelle Abiturienten gut an die Uni kommen
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Schüler gegen G8 in NRW: Eine neue Studie attestiert, das schnelle Abiturienten gut an die Uni kommen


Die Nachmittage mit Schule vollgestopft, kaum mehr Freizeit und dann auch noch Unterricht minderer Qualität - so klagen viele Eltern und auch Schüler, die sich bundesweit gegen die verkürzte Gymnasialzeit engagieren.

Doch empirisch belegt ist der größere Stress der Turbo-Abi-Schüler nicht, auch eine mangelhafte Ausbildung in nur acht Jahren am Gymnasium lässt sich bislang nicht nachweisen. Verglichen haben das schnelle und das langsame Abi nun Bildungsforscher der Universität Duisburg-Essen - und deren Ergebnisse stützen jene, die es beim G8-Gymnasium belassen wollen.

Svenja Mareike Kühn und Lehrstuhlinhaberin Isabell van Ackeren zeigen in ihrer Studie "Generation 2 in 1", dass Schülern der verkürzte Weg zum Abitur nicht schadet. Die Forscherinnen befragten Erstsemesterstudenten ihrer Uni, die entweder G8- oder G9-Gymnasien besucht hatten. Ihr Augenmerk galt der Frage, ob sich die Studenten von der Schule gut für ein Studium gerüstet fühlten.

Nicht besser, nicht schlechter, nicht gestresster

Ergebnis: Bei der Vorbereitung auf ein Studium unterscheiden sich G8- und G9-Gymnasien nicht nennenswert. "Die Annahme, Abiturienten seien nach zwölf Schuljahren schlechter vorbereitet, kann empirisch nicht bestätigt werden." Weder seien die Leistungen schlechter, noch seien die Gymnasiasten des Schnell-Abiturs gestresster, sagt Forscherin Kühn, die sich zum Thema Turbo-Abi habilitiert. Anzeichen für Stress bei Gymnasiasten fanden die Forscher allerdings schon. "Die Schüler sind gestresst, aber in G8 und G9 gleichermaßen. Der Stress ist da, aber G8 ist dafür offenbar nicht der Auslöser." (Lesen Sie hier das ganze Interview mit Svenja Kühn.)

  • Universität Duisburg-Essen
    Sie weiß mehr über das Turbo-Abi als die meisten: Bildungsforscherin Svenja Kühn hat Kritikpunkte am verkürzten Gymnasium untersucht, wissenschaftlich bestätigen konnte sie die nicht. G9 ist demnach so anstrengend wie G8, erklärt sie im Interview. mehr...
Die Forscherinnen wollten unter anderem wissen, ob den Studenten der von ihrer Schule vorgesehene Zeitrahmen zur Studien- und Berufsorientierung ausreichte. Darauf antworten etwas mehr Turbo-Abiturienten mit Ja, als es G9-Absolventen taten. Die Erfolgswahrscheinlichkeit schätzten G9-Abiturienten geringfügig besser ein als G8-Abiturienten. Erstsemester aus einem G9-Gang gaben sie auf einer Skala von 1 (schlecht) bis 5 (gut) mit 3,98 an. G8-Studienanfänger waren mit 3,9 nur wenig pessimistischer. Egal ob bei eigenen Lernstrategien oder beim persönlichen Zeitmanagement - in der Befragung ließen sich keine relevanten Unterschiede zwischen G8 und G9 feststellen.

Niedersächsische Kehrtwende

Die Ergebnisse dürften Niedersachsens Schulministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) ungelegen kommen. Erst am Mittwoch hatte die Ministerin erneut ihre Entscheidung verteidigt, das G8-Abitur in ihrem Bundesland komplett abzuschaffen. "Was wir anstreben, ist ein moderner, leistungsfähiger, den Schülerinnen und Schülern aber auch Zeit zum Lernen gewährleistender gymnasialer Bildungsgang", sagte Heiligenstadt im Landtag. Angesichts erstarkender elterlicher G8-Proteste blicken viele Landesminister besonders neugierig auf die rot-grüne Kehrtwende in Niedersachsen.

Forscherin Kühn ist überzeugt, dass es sich nicht lohnt, den schnelleren Weg zum Abitur ganz abzuschaffen. Eine flächendeckende Rückkehr sei "sehr aufwendig und übergeht Schulen, die das G8 erfolgreich umgesetzt haben", sagte Kühn. Außerdem ist sie skeptisch, dass der Unterricht bei einer Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium besser wird. Sie habe untersucht, wie der Unterricht an Schulen läuft, die im Rahmen eines Modellversuchs zu G9 zurückgekehrt waren - mit ernüchternden Ergebnissen: "Die lehrerzentrierte Unterrichtsgestaltung überwiegt gegenüber einer individuellen." Die Mehrheit der Lehrkräfte habe "ihre Unterrichtspraxis durch die Einführung von G9-neu nicht verändert".

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Stand: Juni 2016

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Die treibende Kraft hinter der Abkehr vom schnellen Gymnasium sind die Eltern - und auch um sie haben sich die Duisburger Bildungsforscher gesondert bemüht: In einem noch unveröffentlichten Aufsatz legt Kühn dar, von welchen Faktoren Eltern sich bei der Schulwahl leiten lassen.

Ehrgeizige Migranten bevorzugen G8

G9-Eltern aus Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein gaben an: Wichtiger als die Dauer der Gymnasialzeit war ihnen bei der Schulwahl, dass ihr Kind überhaupt auf ein Gymnasium kommt und nicht etwa auf eine Gemeinschaftsschule. So gaben 75 Prozent der Eltern an, sie hätten sich auch dann für das gewählte Gymnasium entschieden, wenn es dort nur die Turbo-Variante des Abiturs gegeben hätte.

Die Vergleichsstudie aus den drei Bundesländern brachte außerdem eine überraschende Erkenntnis, was Migrantenkinder am Gymnasium angeht: Deren Anteil ist an G8-Gymnasien in Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein viel größer als an G9-Schulen. Im Südwesten liegt er bei 27 Prozent beim G8, im Vergleich zu 22 Prozent bei G9-Schulen. In Schleswig-Holstein ist jeder dritte im G8 Migrant, im G9 sind es nur 14 Prozent. Kühn sieht den Grund hierfür in der "generell höheren Bildungsaspiration", eine "spezifische, sozial-privilegierte Migrantenschaft" sage sich: "Wenn aufs Gymnasium, dann aufs schnelle."

In der Erstsemesterbefragung zur Studierfähigkeit, die Kühn und van Ackeren erarbeitet haben, zeigte sich zwischen G8- und G9-Abiturienten nur ein gravierender Unterschied: Turbo-Abiturienten waren beim Abitur 18,3 Jahre alt, die G9er mehr als ein Jahr älter. Damit hat die Verkürzung des Abiturs ihren intendierten Zweck erfüllt: Sie spart Geld, und jüngere Abiturienten verlassen die Schulen. Mehr war ja auch nie gewollt.


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because 27.03.2014
1. G8-Stress, gestohlene Kindheit, Ehrenamt
Diese "Bildungsforscherin" lebt nicht mit jungen Menschen. Wer behauptet, der Stress liege nicht an G8, hat leider keine Ahnung: In unserer Familie gibt es Kinder, die noch mit G9 Abi gemacht haben, die jüngeren dann mit G8. Der Unterschied ist riesig. Man stiehlt den Kindern die Kindheit! Viel früher meinen sie, sich auf's Abi vorbereiten zu müssen. Die älteren sind auch später viel gelassener als die G8-Opfer. Zugleich bin ich in der nicht-schulischen Jugendarbeit tätig. Seit der Einführung von G8 sind die Jugendlichen nach der 10. Klasse weg. Was machen Feuerwehr, Sportverein, Kirche, Jugendrotkreuz? Wer in der Jugend nicht ehrenamtliches Engagement ausgeübt hat, wird später auch nicht ehrenamtlich tätig. Bravo Niedersachsen!
Jan2607 27.03.2014
2. Viel zu einfach
Zitat von sysopDPABundesweit üben Gymnasial-Eltern massiv Kritik am Turbo-Abitur - doch neue Erkenntnisse einer Forschergruppe zeigen: Der schnelle Weg zum Abi ist genauso gut wie der langsamere. Stress haben die Schüler zwar, am G8 liegt das aber nicht. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/abitur-nach-acht-jahren-g8-gegner-haben-unrecht-sagen-forscher-a-960879.html
Da macht es sich die Studie eindeutig zu einfach. Ich war in NRW im letzten G9-Jahrgang und habe viele Freunde im G8-Jahrgang, die mit uns zeitgleich Abi gemacht haben. Ich weiß: Mehr Stress ist es nicht, was aber mein Hauptkritikpunkt an G8 ist, ist dass dann schon 17 und 18 jährige auf die Uni losgelassen werden, die total verunsichert sind, weil sie noch so jung sind und überhaupt nicht vorbereitet sind. Selbst bei uns im G9-Jahrgang wusste kaum jemand bis zum Abi, wie es danach weitergehen soll. Im G8-Jahrgang war es noch extremer und viele von denen, die jetzt studieren haben das Gefühl, sie würden irgendwie unter die Räder kommen (besonders diejenigen, die weit weg von zu Hause studieren). Es ist einfach ein extremer Unterschied, ob man schon mit 17/18 in einer fremden Stadt studiert, oder erst mit 19. Das gilt natürlich nicht für alle, war aber in vielen Fällen meine Beobachtung. Fazit: Nicht der Lernstress etc. sind bei G8 das Problem, sondern die fehlende Reife der Schüler, nach dem Abi aus der sicheren Umgebung der Schule raus zu müssen.
freak73 27.03.2014
3. .
Ahja, die Frage, ob sich die Schüler von G8 oder G9 sich von der Schule gut gerüstet FÜHLEN soll also empirischen Aufschluss darüber egeben, ob die G8 Schüler genauso gut ausgebildet sind für ein Studium...wie lächerlich und tendenziös ist das denn bitteschön? Selten so einen Quatsch gehört. Das unkommentiert so stehen zu lassen ist Kampagnenjournalismus! Hauptsache man kann irgendwie seine Meinung untermauern. Egal wie. Lächerlich!
xusamx 27.03.2014
4. Frischfleisch
Genau!.... Weiter so, noch schneller auf den Arbeitsmarkt und rein ins Hamsterrad der "sozialen" Marktwirtschaft ...
spiegelklammer 27.03.2014
5. Das eigentliche Problem:
60-70% der Schüler an Gymnasien sind dort eigentlich vollkommen falsch am Platz. Und außerdem, die Entscheidung für einen Besuch erfolgt alleinig durch die Schule bzw. auf Basis des Notendurchschnittes.
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