Mythos und Wahrheit Das Abitur wird immer leichter - stimmt's?

Immer mehr Abiturienten, immer bessere Noten - da kann doch was nicht stimmen: Wird der höchste Schulabschluss verwässert? Der Faktencheck.

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Schüler bei Prüfung: Können sie mehr oder können sie weniger als früher?
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Schüler bei Prüfung: Können sie mehr oder können sie weniger als früher?


Mehr Schüler denn je machen das Abitur, und sie schneiden besser ab. 2006 schafften noch 19,7 Prozent aller Abiturienten in Deutschland einen Schnitt mit einer Eins vor dem Komma. 2013 waren es laut Kultusministerkonferenz schon 23,3 Prozent.

Manch einer zieht aus den Zahlen den Schluss, dass der höchste deutsche Schulabschluss verramscht. Konservative hatten schon immer ein ungutes Gefühl bei den vielen Abiturienten - alles Indizien, dass die Anforderungen sinken, die Reifeprüfung einfacher wird, zu einem anstrengungslosen Abschluss verkommt.

Es könnte aber auch ganz anders sein: Die Schüler werden mit jeder Generation intelligenter, klüger, kompetenter, schaffen es deshalb auf anspruchsvollere Schulen und schneiden besser ab. Was stimmt nun?

Forschung aus dem Bauchgefühl

Vor eineinhalb Jahren meinte eine Wissenschaftlergruppe um den Potsdamer Mathematikdidaktiker Thomas Jahnke, den Beleg dafür gefunden zu haben, dass der Anspruch an den Gymnasien sinke. Die Autoren sahen sich die Mathematikaufgaben für Hamburger Abiturienten in der Zeit von 2005 bis 2013 an. Der SPIEGEL schrieb über die Studie: "Abiturklausuren werden vielerorts immer leichter - für die richtige Lösung reicht es, den Aufgabentext aufmerksam zu lesen."

Unter Experten sind die Ergebnisse jedoch sehr umstritten, um es vorsichtig auszudrücken. Manche sehen in dem Aufsatz eher eine Polemik als solide Forschung. "Es bleibt vollständig offen, inwiefern die getroffene Auswahl repräsentativ für die zeitliche Entwicklung der Aufgabenqualität ist und nach welchen Kriterien diese Auswahl getroffen wurde", schrieben zwei Hamburger Wissenschaftler in einem Kommentar.

Anders ausgedrückt: An willkürlich herausgegriffenen Aufgaben lässt sich so ziemlich alles demonstrieren - dass die Ansprüche steigen, sinken, konstant bleiben, wie es beliebt. Ganz abgesehen von der Frage: Was ist eigentliche eine schwere, was eine leichte Abituraufgabe? Die Autoren der Hamburger Mathe-Studie haben da wohl eher auf ihr Bauchgefühl vertraut.

  • SPIEGEL ONLINE
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Was Abiturienten am Ende ihrer Schulzeit können sollten, das haben die Bildungspolitiker immerhin einigermaßen objektiv festgelegt: 2012 verabschiedeten die Kultusminister sogenannte Bildungsstandards für die Allgemeine Hochschulreife. Ab 2017 sollen möglichst alle Abiturienten in Deutschland Prüfungen bearbeiten, die sich an diesen Standards orientieren.

Für die Grundschule und den mittleren Schulabschluss gibt es einheitliche Bildungsstandards bereits seit einiger Zeit. Sie werden regelmäßig überprüft. In ein paar Jahren wird man also vergleichen können: Haben sich die Grundschüler verbessert? Können Jugendliche nach der Mittelstufe mehr als ihre Vorgängergenerationen?

Studien wie Pisa lassen bisher keinen Niveauverlust befürchten: Die Schüler in Deutschland schneiden von Testrunde zu Testrunde besser ab - übrigens auch, weil immer mehr von ihnen das Gymnasium besuchen, wie drei Bildungswissenschaftler aus Lüneburg, Frankfurt und Berlin in einer Analyse schreiben.

Abiturienten sollen nicht erforscht werden

Jüngere Schüler werden also regelmäßig getestet. Theoretisch könnte man auch bei Abiturienten regelmäßig messen, ob sie die Bildungsstandards erfüllen. Genau das soll allerdings vorerst nicht passieren. Im Prüfungsmarathon wolle man Abiturienten nicht noch mit der Teilnahme an einer großen Bildungsstudie behelligen, heißt es bei der Kultusministerkonferenz.

Bisher gibt es allenfalls vereinzelte Untersuchungen über die Kompetenzen der Schüler am Ende der Oberstufe. Die These eines Niveauverfalls beim höchsten deutschen Schulabschluss bestätigen sie nicht. Eine recht kleine Erhebung für Sachsen zeigt beispielsweise: In der kurzen Zeit zwischen 2009 und 2010 haben sich die Kompetenzen der Abiturienten in Mathematik, Englisch und den Naturwissenschaften nicht verbessert - aber auch nicht verschlechtert. Die einzige nennenswerte Änderung, die den Forscher auffiel: In Mathematik bekamen die Schüler bei gleichem Können im Jahr 2010 bessere Noten als zuvor.

Viele Fragezeichen

Zuvor hatten die Forscher eine ähnliche, aber umfassendere Untersuchung in Baden-Württemberg durchgeführt. Die Landesregierung in Stuttgart wollte von den Wissenschaftlern wissen, wie sich die Oberstufenreform von 2001 ausgewirkt hat. Alle Schüler auf dem Weg zum Abitur müssen seit der Neuregelung Deutsch, eine Fremdsprache und Mathematik mit vier Unterrichtsstunden pro Woche belegen. Zuvor konnten sie in der Oberstufe zwischen dreistündigen Grund- und fünfstündigen Leistungskursen wählen.

Das Ergebnis: Bei den Englischkenntnissen konnten die Wissenschaftler kaum Unterschiede feststellen zwischen den Abiturienten im Jahr 2006 und den Schülern, die vor der Reform getestet wurden. Deutlich besser geworden sind dagegen die Mathematikfähigkeiten - was vor allem daran lag, dass die Oberstufenschüler durch die Reform im Schnitt auch mehr Mathematikunterricht haben.

Vieles lässt die Studie aber offen. Zum Beispiel, wie sich die Fähigkeiten der Abiturienten in anderen Fächern entwickelt haben. Kennen sich die Schüler schlechter in Sozialwissenschaften aus, weil sie dieses Fach nun nicht mehr als Leistungskurs wählen können? Und inwieweit lassen sich die Befunde überhaupt auf andere Bundesländer übertragen?

Fazit: Echte Belege für die Geschichte vom Verfall des Abiturs gibt es nicht. Wie gut Abiturienten wirklich sind, wie sich die Kompetenzen entwickeln - all das bleibt weiter verborgen, weil die Daten fehlen, um das festzustellen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 168 Beiträge
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Seite 1
RocknRolli 29.10.2015
1. klüger werden?
Wenn prozentual immer mehr Schüler ein Abitur ablegen mit tendenziell besser werdenden Noten, dann muss man doch nur 1+1 zusammen zählen statt so viele Worte zu verlieren.
drhek 29.10.2015
2.
Was für ein schwacher Artikel! Vor 30 Jahren haben in Deutschland etwa 20% eines Jahrgangs die Hochschulreife erlangt. Heute sind es über 40%. Gleichzeitig ist die Durchschnittsnote um etwa 0.5 Noten (bezogen auf die Schulnotenskala 1 (beste) bis 6 (schlechteste) Note) gesunken, d.h. besser geworden. Das ist die Entwicklung über die letzten 30 Jahre bezogen auf ganz Deutschland. Genug Daten, genug Fakten?
Baikal 29.10.2015
3. Wird verwässert?
Ist schon lange inflationiert worden, über 50 Prozent eines Jahrgangs können das Abitur nur erlangen wenn die Anforderungen auch für über 50 Prozent zugeschnitten worden sind. Und das ist nach der Gausschen Verteilungskurve nun einmal nicht mit der Verteilung der Intelligenz in Einklang zu bringen.
mr.andersson 29.10.2015
4.
Zitat von drhekWas für ein schwacher Artikel! Vor 30 Jahren haben in Deutschland etwa 20% eines Jahrgangs die Hochschulreife erlangt. Heute sind es über 40%. Gleichzeitig ist die Durchschnittsnote um etwa 0.5 Noten (bezogen auf die Schulnotenskala 1 (beste) bis 6 (schlechteste) Note) gesunken, d.h. besser geworden. Das ist die Entwicklung über die letzten 30 Jahre bezogen auf ganz Deutschland. Genug Daten, genug Fakten?
Was sollen diese "Daten und Fakten" denn nun belegen? Das die Schüler in der Zeit besser geworden sind, oder dass das Abitur leichter geworden ist? Und der Zugang zur Uni war vor 30 Jahren geradezu inflationär im Vergleich zum Mittelalter. Haben wir also einen Wissensverfall im Vergleich zum Mittelalter zu verzeichnen, wenn wir der Logik folgen:"Mehr Leute an der Uni, also muss der Stoff leichter geworden sein"?
darkace82 29.10.2015
5. Lächerlich...
Die selben Leute die hier glauben, dass mehr Abiturienten und bessere Noten auf ein schlechteres Niveau schliessen lassen, glauben auch dass das aussortieren der Schüler nach 4 Jahren sinnvoll ist. Wenn es so gottgegeben und automatisch wäre, das jeder genau den Abschluss macht/erreicht den er "kann", wäre ja jede schulreform sinnlos. Fakt ist, wie gut und wie viel Schüler lernen, hängt zu grossen Teilen von Qualität von Lehrern, Lehrplänen, Schulen sowie von Motivation und Förderung ab. Und da hat Deutschland gigantischen Nachholbedarf. Es stimmt mMn dass das Abitur fordernder sein sollte. Aber bitte auch die Schulen besser. Dann geht beides, mehr Abiturienten UND bessere Bildung.
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