Studie des Bildungsministeriums Ein Drittel der Abiturienten braucht erst mal eine Pause

Sofort ein Studium? Oder erst einmal durchatmen und sich orientieren? Immer öfter wissen Abiturienten nicht genau, was sie nach der Schule machen sollen, zeigt eine neue Studie.

Schülerinnen gehen zur Abiturprüfung
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Schülerinnen gehen zur Abiturprüfung

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Verunsichert, aber grundsätzlich positiv - so blicken Deutschlands Abiturienten in ihre Zukunft. 73 Prozent prognostizieren für sich selbst gute oder sogar sehr gute Berufsaussichten. Das zeigt eine bisher unveröffentlichte Studie im Auftrag des Bundesbildungsministeriums, die dem SPIEGEL vorliegt.

Beim Blick auf ihre beruflichen Perspektiven sind die Abiturienten zwar mehrheitlich zuversichtlich, äußerten jedoch auch deutliche Unsicherheiten. 43 Prozent finden die Zahl der Wahlmöglichkeiten "schwer überschaubar", 42 Prozent haben Sorge wegen der Zulassungsbeschränkungen im Studium. Und immerhin 38 Prozent nennen "Unklarheit über die eigenen Interessen" als ein Problem.

Befragt wurden Schüler, die 2015 Abitur gemacht haben. Ein halbes Jahr vor dem Schulabschluss und ein halbes Jahr danach äußerten sie sich zu ihren beruflichen Wünschen, Plänen und Hoffnungen. An der ersten Befragung nahmen bundesweit knapp 30.000 Schüler teil, rund 9000 standen den Forschern auch bei der zweiten Runde zur Verfügung. Durchgeführt wird die Studie alle drei Jahre vom Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) Hannover.

Aus anderen Studien sei bekannt, "dass jeder Dritte derzeit das begonnene Studium wieder abbricht und dann häufig eine Berufsausbildung beginnt", sagt Bundesbildungsministerin Johanna Wanka. "Um Studienabbrüche zu vermeiden, müssen wir die Beratung über die beruflichen Möglichkeiten noch in der Schule weiter verbessern." Studium und Berufsausbildung seien dabei für Abiturienten "gleichwertige Wege", so Wanka.

Unschlüssigkeit über den Werdegang

Das sehen die Abiturienten mehrheitlich ein bisschen anders. 88 Prozent sagen zwar, die Vielzahl der Optionen sei für sie der Grund für den Weg zum Abitur gewesen - doch für 80 Prozent zählt dabei in erster Linie der Hochschulzugang, um ein Studium zu beginnen.

Die Ergebnisse im Einzelnen:

  • Drei von vier Abiturienten (74 Prozent) wollen studieren, ein halbes Jahr nach dem Abi haben bereits 50 Prozent diese Pläne umgesetzt und sind eingeschrieben.

  • Nicht geändert hat sich dabei seit 2012 die Reihenfolge der beliebtesten Studienfächer: 13 Prozent der Studienanfänger entscheiden sich für Wirtschaftswissenschaften, acht Prozent für Maschinenbau und sieben Prozent für ein Lehramtsstudium.

  • Dabei steigt die Attraktivität eines dualen Studiums: 2008 hatten nur fünf Prozent der Abiturienten ein solches Studium aufgenommen, 2015 waren es bereits neun Prozent. "Die starke Praxisorientierung und die frühe finanzielle Unabhängigkeit vom Elternhaus" nennt Monika Jungbauer-Gans, wissenschaftliche Geschäftsführerin des DZHW, als Gründe.

  • Sechs Monate nach dem Abitur haben 16 Prozent eine Berufsausbildung begonnen - die Zahl ist damit gegenüber dem Abiturientenjahrgang 2012 um drei Prozentpunkte gesunken. Dabei neigen Kinder aus Nichtakademikerhaushalten eher zur Ausbildung als Abiturienten, deren Eltern selbst studiert haben. Und: "Frauen tendieren im Vergleich zu Männern häufiger dazu, eine Ausbildung zu beginnen oder sich nach Schulabschluss zunächst eine Übergangstätigkeit zu suchen", schreiben die Forscher.

  • Überraschend ist, dass Studienberechtigte mit Migrationshintergrund häufiger ein Studium anpeilen als Abiturienten ohne Migrationshintergrund - sie scheinen im Hinblick auf ihre Bildungsziele motivierter zu sein als ihre Altersgenossen.

Gleichzeitig aber steigt die Unsicherheit der Studienberechtigten. Im 2015er-Jahrgang legten 30 Prozent nach dem Abi erst einmal eine Pause ein: Sie gingen ins Ausland, entschieden sich für einen Freiwilligendienst oder jobbten. Ihre Zahl lag damit um fünf Prozentpunkte höher als noch bei der Befragung der Abiturienten von 2012.

"Dafür werden immer häufiger als Gründe genannt, nach der Schule erst einmal eine Pause machen oder längere Zeit ins Ausland zu wollen, aber auch Unschlüssigkeit über den Werdegang ist ein Motiv", heißt es in dem Bericht. Dabei steigt mit dem Bildungsabschluss die Bereitschaft zum Wohnortwechsel: "Personen, die eine allgemeine Hochschulreife erwerben, haben eine höhere Bereitschaft zur Mobilität als Personen, die eine Fachhochschulreife erhalten", schreiben die Forscher.

Abgenommen hat bei den Abiturienten dagegen die Sorge ums Geld: Die Finanzierung von Studium oder Ausbildung sehen noch 24 Prozent als Problem, zeigt die Studie. Das ist der bisher niedrigste Wert im Vergleich zu vorherigen Befragungen.



insgesamt 36 Beiträge
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großwolke 14.09.2017
1. Quatsch "gleichwertige Wege"
Ich habe beruflich immer wieder selbst mit der Betreuung von Auszubildenden zu tun, und dass es sich bei einer Berufsausbildung um einen "gleichwertigen Weg" handeln soll, kann ich so nicht bestätigen. Selbst schlechte Abiturienten haben einen ganz anderen geistigen Reifegrad, sind von den Lerninhalten schnell unterfordert und erreichen die volle Arbeitsgeschwindigkeit so schnell, dass eine drei- bis dreieinhalbjährige Ausbildung für sie ziemlich nach Ausbeutung aussehen muss. Ausgehend von dieser Erfahrung entscheiden sich dann entsprechend viele auch dafür, anschließend doch noch ein Studium zu machen - was für den ausbildenden Betrieb, der sich einen gut eingearbeiteten Mitarbeiter erhofft, häufig ein großes Problem ist. Auf der anderen Seite stellt man dann viele mittelprächtige Bachelor-Absolventen auf Facharbeiter-Stellen ein, die zwar gerne etwas besseres geworden wären, aber viele nötige Basisfähigkeiten, wie Gründlichkeit, händisches Geschick oder Aufmerksamkeit für "langweilige" Details erst noch beigebracht bekommen müssen, oftmals gegen erheblichen Widerstand, weil man ja "Akademiker" ist und sich nix sagen lassen muss. Aus meiner Sicht führt der Akademisierungswahn nur zu immer neuen Problemen, die man sich sparen könnte, wenn man in der Politik weniger auf die Sirenengesänge der OECD von der Akademikerquote hören würde.
eigene_meinung 14.09.2017
2.
Kann es sein, dass einfach zu viele Leute aufs Gymnasium gehen und dass zu viele studieren? Insbesondere auch diejenigen, für die eine andere Schulbildung (Hauptschule oder Realschule) mit anschließender Berufsausbildung sinnvoller wäre?
jogola 14.09.2017
3. Mein Abi ist aus der Mitte der 70er
es mag also manches inzwischen romatisch verklärt sein. Nach der 10ten war Mint gebucht - obwohl es "I" eigentlich noch nicht gab (wir hatten noch Rechenschieber statt graphischer Taschenrechner). Zwischenzeitlich waren es Geschichte und Volkswirtschaft, geworden ist es dann was ganz anderes. Warum sollte das nach 12 Jahren besser sein?
marty_gi 14.09.2017
4. Schema F
Talent- und Interessensfoerderung und -forderung wird in Deutschlands Schulsystem immer kleiner geschrieben. Es sollen nur noch funktionierende Arbeitstierchen fuer die Wirtschaft produziert werden, und das so schnell wie moeglich. Kein Wunder, dass mit diesem Druck und der damit einhergehenden Unpersoenlichkeit sehr viele erstmal 'ne Pause brauchen, um ein bisschen nach sich selbst und den eigenen Wuenschen zu schauen. Von "Beruf" kann ja heute kaum mehr die Rede sein, die wenigsten fuehlen sich da wirklich zu irgendwas berufen. Auch merkt man das dem Land als Ganzem an, dass es doch recht inhaltsfrei gehalten wird und werden soll, nur flutschen muss es. Das wir uns dabei gegenueber anderen nach und nach abhaengen (lassen), ist ebenso kaum verwunderlich (schaue IT- und Netzwerktechnologien).
mol1969 14.09.2017
5. Oh Mann ...
Ich habe 1988 mein Abi gemacht, ging direkt danach für 15 Monate (Wehrpflicht) zur Bundeswehr und daran anschließend habe ich direkt mit meiner beruflichen Ausbildung begonnen. Da gab es sogar noch 2 Wochen Überschneidung, ich musste mir bei der Bundeswehr einen Großteil meines Urlaubsanspruchs aufsparen. Nach der 2 Jahren Ausbildung ging es dann nahtlos ins Berufsleben, mit entsprechenden Weiterbildungsmaßnahmen nebenher. Und einen Nebenjob für den Samstag hatte ich die ersten 10 Jahre meines Berufslebens auch noch, sonst hätte mein Gehalt für die Immobilienfinanzierung nicht gereicht. Pause nach dem Abi? Orientierungslosigkeit? Ich bin zwar erst 48 Jahre alt, aber manchmal verstehe ich die heutige Welt nicht mehr.
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