Achtjähriges Wunderkind Klüger ohne Schule

Arran Fernandez bricht alle Rekorde in Großbritanniens Schulsystem: Das achtjährige Mathegenie hat jetzt schon den Abschluss der Mittelstufe geschafft. Der Schule bleibt der Einserschüler allerdings fern - Papa unterrichtet ihn, Mama kontrolliert die Hausaufgaben. Ob seine Eltern Arran damit einen Gefallen tun, ist fraglich.


London - Auf dem Foto war Arran Fernandez einfach nur ein niedliches Kind. Ein kleiner Junge, gerade erst sechs Jahre alt geworden, der über beide Backen strahlt und fröhlich in die Luft hüpft. In der rechten Hand hielt er einen großen Teddybär, den er Pudsey nennt.

Kleiner Mann ganz groß: Arran Fernandez mit seinen Prüfungsergebnissen
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Kleiner Mann ganz groß: Arran Fernandez mit seinen Prüfungsergebnissen

Das Bild kam aber nicht ins Familienalbum - die Nachrichtenagentur AFP schickte es um die Welt. Arran hatte kurz vor seinem sechsten Geburtstag, früher als jeder andere Schüler in Großbritannien zuvor, eine Prüfung des so genannten General Certificate of Secondary Education (GCSE) bestanden, das vergleichbar ist mit dem deutschen Realschulabschluss. Britische Schüler schreiben ihr GSCE normalerweise erst mit 16 Jahren.

Damals hatte der Vater eine Wette mit dem Talent seines Sohnes gewonnen: Er setzte 50 Pfund darauf, dass Arran die GSCE-Prüfung schafft - und gewann bei einer 20:1-Quote immerhin 1000 Pfund.

Jetzt, zwei Jahre später, ist Arran wieder in den Zeitungen. Wieder strahlt er über das ganze Gesicht, wieder hat ihm ein Fotograf gesagt, dass er fürs Foto in die Luft hüpfen soll - der Freudensprung gilt seinem neuesten Rekord.

Diesmal hat Arran als jüngster Schüler überhaupt ein A*, die höchste Note in einer GSCE-Prüfung bekommen, und die Mittelstufe abgeschlossen. "Wir waren alle zuversichtlich, dass ich eine Eins plus bekommen würde", sagte der Junge vor Journalisten. Mit "Wir" meint Arran vor allem seine Eltern. Vater Neil, ein Doktor für Politische Ökonomie, und Mutter Hilde trimmen Arran seit Jahren auf schulische Höchstleistungen.

Privatunterricht für Wunderkinder

Arrans Schullaufbahn begann so, wie diese gewöhnlich enden: Er ging von der Schule ab. Sein Vater wollte es so. "Eltern, nicht die Schule, sind die besten Lehrer für ihre Kinder", sagte Neil Fernandez der Zeitung "The Daily Telegraph". Schüler langweilten sich oft in der Klasse und hörten dann auf zu lernen. Diese negative Erfahrung werde den Kindern zuhause, bei gezielter Förderung, erspart.

"Warum werden Kinder in ihren frühen Jahren zurück gehalten? Und warum werden die Eltern, ihre besten Lehrer, davon abgehalten, ihren Kindern etwas beizubringen?", sagte Fernandez, der seinen Sohn im eigenen Haus in Surrey unterrichtet.

Hochbegabte Erstklässler einer Braunschweiger Grundschule: Fördern oder spielen lassen?
DPA

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Die Schul-Rekorde seines Sohnes findet der Vater nicht sehr außergewöhnlich. Er glaubt, "dass jedes Kind diese Leistung erbringen könnte, wenn es die richtige Unterstützung bekommt". Im herkömmlichen Unterricht seien die Schüler mit Gleichaltrigen zusammen, was sie in ihrer Entwicklung bremse.

Unterstützung bekommt Arrans Vater indirekt von dem 12-jährigen Wunderkind Jonathan Prior, der letzte Woche als jüngster Brite bis dato seine Hochschulreife erhalten hat, das so genannte A-level. Genau wie Arran geht auch Jonathan nicht zur Schule, sondern wird privat unterrichtet.

"Mein Vater findet nicht, dass ich zur Schule gehen sollte. Wir haben Themen besprochen, die nicht im Lehrplan stehen, zum Beispiel komplexe Zahlen und Gruppen", erzählte Jonathan der britischen Presse.

Arrans Zukunft ist schon fest verplant

"Kinder haben großen Spaß an manchen Bereichen der Mathematik, die nicht auf dem Lehrplan stehen", sagte auch Neil Fernandez. Darum glaube er nicht, dass er Arran jemals wieder zur Schule schicken werde.

Für diese Aussage wurde der Vater schon früher heftig kritisiert. Die Zeitung "The Guardian" führte Arran und seine Familie ausdrücklich als negatives Beispiel für zu ehrgeizige Eltern an. Die Zeitung zitierte einen Psychiater, der überzeugt ist, "manche der so genannten Wunderkinder sind nichts anderes als das Produkt ihrer höchst ehrgeizigen Eltern". Wenn man einen Siebenjährigen in einem Fach so viel lernen lasse wie einen 19-Jährigen, dann könne es gut sein, dass das Kind in diesem Gebiet auch die Leistung eines 19-Jährigen erbringe.

Unter Wissenschaftlern ist umstritten, wie sinnvoll eine derart frühe Förderung von Kindern mit Sonderbegabungen ist. Die Professorin Joan Freeman zum Beispiel hat ein Buch über die Lebenswege hoch begabter Kinder veröffentlicht. Ihre These: Wer früh zu Prüfungserfolgen gedrängt wird, tut sich als Erwachsener häufig schwer im Leben. Diese Kinder könnten zwar viel früher ihre Schulprüfungen schaffen, aber ihre sozialen und emotionalen Bedürfnisse müssten dann oft hinten anstehen. "Im Leben gibt es viel wichtigere Dinge, als GCSE-Prüfungen früh zu bestehen", sagte die renommierte Psychologin von der Universität Middlesex gegenüber der BBC.

Die Familie Fernandez indes glaubt sich auf dem richtigen Weg. Und die Zukunft ist schon fest verplant. Erstmal soll Arran nun seinen ersten Roman abschließen. Darin geht es um "einen Jungen namens John, der aufwächst und Ritter wird", wie der junge Autor erläutert. "Ich glaube, er könnte veröffentlicht werden", sagte der Vater, der als Kind mehrere Schulklassen übersprungen und frühzeitig seinen Abschluss gemacht hatte. Wann sein Sohn das Abitur machen und ob er noch als Kind ein Studium beginnen werde, könne er aber noch nicht sagen, so Neil Fernandez.

Von Marc Baumann



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