Einschulungsalter September-Kinder erhalten häufiger ADHS-Diagnose

Je jünger Kinder zum Zeitpunkt ihrer Einschulung sind, desto wahrscheinlicher wird bei ihnen ADHS diagnostiziert: Zu diesem Ergebnis kommt eine bundesweite Studie. Dabei sind viele Schüler offenbar gar nicht krank, sondern einfach noch impulsiver.

Einschulung in Bayern (Archivbild): Ein Jahr jüngere Kinder sind häufig noch impulsiver und hyperaktiver - aber nicht psychisch krank
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Einschulung in Bayern (Archivbild): Ein Jahr jüngere Kinder sind häufig noch impulsiver und hyperaktiver - aber nicht psychisch krank


In dieser Woche beginnt in Nordrhein-Westfalen die Schule, und bis spätestens Mitte September gehen auch in den anderen Bundesländern nach und nach die Sommerferien zu Ende. Besonders spannend sind diese Wochen für Erstklässler, die zum ersten Mal ein Klassenzimmer betreten.

Einige von ihnen sind bei der Einschulung noch fünf Jahre alt; sie feiern erst nach dem ersten Schultag - aber vor dem 30. September - ihren sechsten Geburtstag. Eltern von sogenannten "Kann-Kindern" fragen sich häufig: Ist mein Kind schon reif genug für die Grundschule? Wird es von den meist älteren Mitschülern profitieren? Oder sollte es lieber noch ein Jahr länger spielen? Nicht wenige entscheiden sich für eine frühe Einschulung - oder haben laut Schulgesetz gar keine andere Wahl. Doch offenbar profitieren viele Kinder nicht davon.

Eine aktuelle Studie zeigt: Kinder, die im Monat vor dem Stichtag geboren wurden und daher bei der Einschulung sehr jung sind, erhalten häufiger eine Diagnose für eine Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) und eine medikamentöse Therapie als ältere Klassenkameraden. Zu diesem Ergebnis kommen Wissenschaftler der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) und des Versorgungsatlas, einer Einrichtung des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung.

Für die Untersuchung haben die Forscher bundesweite und kassenübergreifende ärztliche Abrechnungs- und Arzneiverordnungsdaten von rund sieben Millionen Kindern und Jugendlichen zwischen 4 und 14 Jahren in Deutschland aus den Jahren 2008 bis 2011 analysiert. Das Resultat: Von den jüngeren Kindern, die kurz vor dem Stichtag zur Einschulung sechs Jahre als wurden, erhielten im Laufe der nächsten Jahre 5,3 Prozent eine ADHS-Diagnose. Bei den Kindern, die im Monat nach diesem Stichtag - in mehreren Bundesländern ist es der 30. September - geboren wurden und daher im Regelfall bei der Einschulung beinahe ein Jahr älter waren als die jüngsten, waren es nur 4,3 Prozent. Generell stellten Ärzte die Diagnose bei Jungen häufiger als bei Mädchen.

Ältere und jüngere Kinder werden miteinander verglichen

Ähnliche Befunde wurden bereits für andere Länder nachgewiesen. So haben kanadische Forscher 2012 in einer Studie mit fast einer Million Grundschulkindern herausgefunden, dass ADHS besonders häufig bei früh eingeschulten Kindern diagnostiziert und behandelt wird.

Eine Studie aus den USA zeigte ebenfalls, dass die jüngsten Schüler in den Eingangsklassen der Grundschulen eine um 60 Prozent erhöhte Wahrscheinlichkeit haben, dass Ärzte ihnen das sogenannte Zappelphilipp-Syndrom ADHS bescheinigen.

Im Verhältnis zu älteren Klassenkameraden werde das unreifere Verhalten der Jüngeren häufig irrtümlich als krankhaft interpretiert, so die kanadischen Wissenschaftler. Besonders hoch sei das Risiko für Fehldiagnose und falsche Behandlung bei Kindern, die kurz vor dem Stichtag für das Einschulungsalter Geburtstag hatten.

Auch die Forscher der LMU vermuten als Begründung für die vermehrten ADHS-Diagnosen bei jüngeren Kindern, dass ihr Verhalten häufig falsch gedeutet werde. Bei ein Jahr jüngeren Kindern sind Impulsivität, Hyperaktivität und Unaufmerksamkeit häufig noch ausgeprägter. Diese altersgemäße Unreife werde - im Vergleich zu den älteren Kindern im Klassenverband - möglicherweise als ADHS interpretiert.

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Die Ergebnisse geben zudem Hinweise darauf, dass bei größeren Klassen und einem höheren Anteil ausländischer Schüler - was die Unterrichtsbedingungen wahrscheinlich erschwert - der Zusammenhang zwischen relativem Alter und ADHS-Diagnose stärker ist. "Möglicherweise fällt bei schwierigeren Unterrichtsbedingungen die relative Unreife jüngerer Kinder in der Klasse stärker auf", sagt Dr. med. Jörg Bätzing-Feigenbaum, Seniorautor und verantwortlich für den Versorgungsatlas.

Auch ein höherer Bildungshintergrund der Eltern verstärkt den Zusammenhang. Hier vermuten die Wissenschaftler, dass Eltern mit einem höheren Bildungsgrad mehr auf die Förderung ihrer Kinder achten und daher weniger bereit sind, Nachteile in Kauf zu nehmen, die durch die vergleichsweise Unreife ihrer Kinder entstehen könnten.

Da eine solche Diagnose stigmatisierend sein und die medikamentöse Therapie von ADHS starke Nebenwirkungen haben kann, empfehlen die Forscher rund um Studienleiterin Amelie Wuppermann über Änderungen in der Einschulungspolitik nachzudenken, etwa über eine Flexibilisierung der Schuleingangsphase.

"Unsere Studie zeigt, dass die traditionelle Einschulungspolitik, bei der die Schulpflicht an gegebene Stichtage geknüpft wird, die Diagnosehäufigkeit psychischer Erkrankungen bei Kindern beeinflussen kann", schreiben die Autoren der Studie.

Kinder mit so genanntem Zappelphilipp-Syndrom zeigen weniger Ausdauer, sind leicht ablenkbar und haben einen ausgeprägten Bewegungsdrang. Sie neigen zudem zu impulsivem und unüberlegtem Verhalten und sind emotional instabil. Die genauen Ursachen für die Störung sind noch weitgehend unbekannt. Wissenschaftler gehen davon aus, dass neben genetischen Faktoren zum Beispiel auch Umwelteinflüsse eine Rolle spielen.

ADHS ist die häufigste psychische Störung bei Kindern und Jugendlichen und kann bis ins Erwachsenenalter fortbestehen. Studien zufolge hat in Deutschland eines von 20 Kindern eine ADHS-Diagnose erhalten, wobei Jungen drei- bis viermal häufiger betroffen sind als Mädchen.

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lgr/AFP

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