Ältere Pädagogen "Lehrer müssen Snapchat und Instagram kennen"

Viele Lehrer in Deutschland sind älter als 50 Jahre. Ist das schlimm? Bildungsforscher Klaus Hurrelmann sagt: Nein - wenn sie bestimmte Dinge beachten.

Lehrer an einem Gymnasium
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Lehrer an einem Gymnasium

Ein Interview von


ZUR PERSON
  • imago/Reiner Zensen
    Klaus Hurrelmann, Jahrgang 1944, ist Professor of Public Health and Education an der Hertie School of Governance. Sein Forschungsinteresse gilt dem Bereich Gesundheits- und Bildungspolitik.

SPIEGEL: Herr Hurrelmann, schaden ältere Lehrer den Schülern?

Klaus Hurrelmann: Grundsätzlich spielt das Alter eines Lehrers keine Rolle. Aber wenn ältere Lehrer nicht in der Lage sind, sich auf modernste Techniken und die digitale Entwicklung einzustellen, ist das ungünstig.

SPIEGEL: Warum?

Hurrelmann: Gerade ist es ja so: Je älter eine Lehrkraft ist, desto weniger oft kennt sie sich mit modernsten, digitalen Systemen aus. Der Unterricht ist also verhältnismäßig unmodern. Das ist für die Schüler ein Dilemma. Denn als Angehörige der jungen Generation kennen sie sich mit digitalen Systemen hervorragend aus. Wenn sie aber merken, dass die Lehrer davor Angst haben, dann verlieren sie und die ganze Institution Schule an Autorität. Dann haben die Schüler den Eindruck: Unsere Welt kommt hier nicht vor.

SPIEGEL: Was schätzen Sie, wie viele Lehrer kennen sich nicht mit dem Internet aus?

Hurrelmann: Das wissen wir leider nicht, deswegen spreche ich mich sehr dafür aus, systematische Stichproben zu machen und einfach anonym abzufragen, wie stark Lehrer soziale Plattformen und das Internet nutzen, und wie sehr das in ihren Unterricht eingeht. Das gibt es leider bislang nicht. Wenn ich schätzen müsste, dann haben vielleicht 40 Prozent aller Lehrer über 50 keine ausreichenden Fähigkeiten in diesem Bereich. Und diese Quote ist zu hoch.

SPIEGEL: Müssen sich Lehrer auch mit Instagram, Facebook und Snapchat auskennen?

Hurrelmann: Zunächst müssen sie routiniert mit dem Internet umgehen können. Dann müssen sie diese Plattformen nicht selbst nutzen, aber sie müssen sie genau kennen, wissen, wie sie funktioniert, nur so kann sich ein Lehrer in die Lebens- und Lernwelt der Schüler hineinvertiefen, die so etwas täglich benutzen. Dieses Wissen muss eine Lehrkraft in ihre pädagogischen Strategien einbeziehen können. Das ist eine absolute Voraussetzung. Und das können auch alte Lehrer lernen - durch Weiterbildungen, oder sie können es sich auch mit den Schülern selbst im Unterricht erarbeiten.

SPIEGEL: Wer sollte für die Weiterbildung der Lehrer sorgen?

Hurrelmann: Das muss die Schule sein. Heute ist die Fort- und Weiterbildung freiwillig, das geht nicht, das muss verpflichtend sein. Jeder sollte an einer Weiterbildung teilnehmen müssen. Da weiß man auch gleich, wie die Kompetenzen im Kollegium verteilt sind.

SPIEGEL: Ältere Lehrer klagen ohnehin schon über zu viel Stress. Und jetzt noch eine Weiterbildungspflicht?

Hurrelmann: Dem Stress der Lehrer, den sie durch sehr lebendige, teilweise unaufmerksame und laute Kinder haben, muss anders begegnet werden, etwa indem man ältere Lehrer etwas herauszieht. Hier könnte man Teamteaching versuchen, wo ein älterer Lehrer und ein jüngerer Lehrer zusammen eine Klasse unterrichten

SPIEGEL: Was könnte man noch für ältere Lehrer tun?

Hurrelmann: Wichtig ist, dass der Unterricht nicht ausfällt. Man kann also überlegen, ob bei der Vorbereitung der Stunden für das ganze Team der Anteil der älteren größer sein kann und dafür der Unterrichtsanteil kleiner. Da muss ein Kollegium jetzt einfallsreich sein. Es kann auch Ausgleichsangebote für Lehrer geben, etwa damit sie ihren Körper und ihre Fitness trainieren können.

SPIEGEL: Aber ältere Lehrer haben doch auch Vorteile.

Hurrelmann: Sie sind mit allen Wassern gewaschen. Können angemessen reagieren, schnell einschätzen, ob es sich um ein großes oder ein kleines Disziplinproblem handelt. Sie können erkennen, wo es hakt, wenn Schüler nicht mitkommen. Also dieser Erfahrungsvorsprung, der ist unschätzbar. Deswegen sollten Kollegien gemischt sein. Da braucht man Kooperationen zwischen Schulen und zwischen den Lehrern.

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Seite 1
GoaSkin 13.09.2017
1.
Die jüngere Generation weiss, dass das Internet nicht nur aus Snapchat, Instagram und Facebook besteht und es noch viel mehr soziale Netzwerke jenseits des durchkommerzialisierten Unterschichten-Internets gibt. Warum sollen also Lehrer ausgerechnet die Dienste kennen, über die Schüler gerne lästern und schon deshalb nicht nutzen würden, weil sich dort ihre Eltern herumtreiben?
ogg00 13.09.2017
2. Wirklich?
Zu keiner Zeit war es Teil einer erfolgreichen Lehrerkarriere, Teil der jeweils herrschenden Jugendkultur zu sein sondern sie bestenfalls zu kennen. Auch zu meiner Zeit (80er) wussten die Lehrer nichts über Musik, Sprache oder neue Technologien. Das war für erfolgreichen Mathe/Physik/... Unterricht auch nicht relevant. Auch heute ändert ein Snapchat (vermutlich auch schon über den Hype Cycle Berg drüber) nicht wirklich die Pädagogik. Dass Lehrer vielleicht hier und da überlastet sind (kann ich für die Lehrer in meinem Umkreis definitiv ausschließen) kann ja im Einzelfall angegangen werden. Dass ältere Lehrer eigentlich in fast allen Fächern nicht wirklich noch was vorbereiten müssen (außer G8/G9 Gehampel), wird schlicht unterschlagen. Es drängt sich der Verdacht auf, dass der Experte selbst keine Ahnung von den aktuellen Technologien hat.
brunnersohn 13.09.2017
3. Schüler, die sich auskennen, könnten die älteren
Lehrer doch coachen und denen die neue Technik nahebringen. So wie meine Kinder es bei mir versuchen. Bildung in zwei Richtungen. Gerne auch mit Tests. Ein zu schöner Gedanke?
touri 13.09.2017
4.
Warum zum Teufel soll ein Lehrer wissen müssen, wie Facebook und Co funktionieren? Werden Hausaufgaben heutzutage über Facebook verschickt oder was? Digitale Lernmittel sollten tatsächlich mehr eingesetzt werden, aber dafür braucht es weder Instantgram noch Snapchat. Wer weis, vielleicht sollen Lehrer heutzutage auch Tinderprofile einrichten, ist ja auch modern ;-)
pauleschnueter 13.09.2017
5. Müssen sie nicht!
Natürlich ist es wichtig, dass auch ältere Kollegen sich mit den neuen Möglichkeiten der Kommunikation vertraut machen. Und, OK, die namen der größten Player bei den Dienstanbietern sollte man kennen, so wie man die wichtigsten Automarken einfach kennt. ABER wie weit muss das gehen? Muss der Lehrer sich also nun zwanghaft bei einem, oftmals, amerikanischen Dienstleister registrieren, damit bloß sein Wissen über die neuesten, absolut nebensächlichen, Änderungen der Nebenangebote des Dienstes stunden-aktuell bleibt? Youtube, google, twitter, facebook ... nichts dabei wo EU-Recht wirklich durchsetzbar wäre. Aber das mal zur Seite gestellt. Sollte eine Schule nicht einen Gegenpol zum der neurotischen, narzistischen, unreflektierten, unnuancierten, verstumpften, unfokussierent Konsumscheinwelt darstellen und die Schüler auf das echte Leben vorbereiten? Also gerade diese unfruchtbaren Trends ausbremsen, anstelle hier mitzuheulen?
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