Jungwähler in Mecklenburg-Vorpommern "Warum wurden AfD und NPD nicht eingeladen?"

Im September wird in Mecklenburg-Vorpommern gewählt - Parteien wollen nun Schüler für Politik begeistern. Doch die Veranstaltung an einem Gymnasium läuft anders als erwartet.

Schüler in der Aula des Friderico-Francisceum-Gymnasiums in Bad Doberan
Lisa Meinen

Schüler in der Aula des Friderico-Francisceum-Gymnasiums in Bad Doberan

Von , Bad Doberan


Die knapp hundert Schüler sollen anhand der Stärke des Applauses mitteilen, worüber sie diskutieren möchten. Denn, so Moderator Bernd Fiedler: "Wir wollen ja nicht über Themen reden, die euch total am Arsch vorbeigehen."

Es ist ungewöhnlich, wenn der Moderator und Organisator einer politischen Veranstaltung häufig ein "jo", "ganz geil" oder "voll gut" einwirft, die Parteienvertreter auf dem Podium einiges "scheiße" finden und ihre Wahlkonkurrenten als "Arschlöcher" bezeichnen.

In der Aula eines schmucken Gymnasiums im Zentrum von Bad Doberan, einer Kleinstadt bei Rostock, haben um 13.45 Uhr Schüler der 9. und 11. Klasse in den Sitzreihen Platz genommen. Die Teenager sind gekommen, um mit Politikern der Jugendorganisationen von SPD, CDU, Grünen und Linkspartei - also der Jusos, der Jungen Union, der Grünen Jugend und der Linksjugend - zu diskutieren.

Parteienvertreter (v. l. n. r.): Maximilian Hentschel (Linksjugend), Ronja Thiede (Grüne Jugend), Tom Brüggert (Junge Union), Martin Hackbarth (Jusos)
Lisa Meinen

Parteienvertreter (v. l. n. r.): Maximilian Hentschel (Linksjugend), Ronja Thiede (Grüne Jugend), Tom Brüggert (Junge Union), Martin Hackbarth (Jusos)

Sie wollten "mitnehmen, was die Jugendlichen beschäftigt", sagen die Jungpolitiker. Am lautesten geklatscht wird für die Themen "Gleichberechtigung und Homo-Ehe" sowie "Umgang mit AfD und NPD".

"Warum wurden AfD und NPD nicht eingeladen?", wollen die Schüler wissen.
Juso-Vertreter Martin Hackbarth: "Ich persönlich würde nicht mit der AfD reden, das sind Nazis in Anzügen."
Grüne-Jugend-Vertreterin Ronja Thiede: "Es gibt einen Parteibeschluss auf Bundesebene, dass wir nicht mit der AfD zu Podiumsdiskussionen an Schulen gehen."
Der Junge-Unions-Vertreter Tom Brüggert ist als einziger anderer Meinung: "Man muss die Wähler und die AfD ernst nehmen, und ich würde auch mit denen reden und sie dann im Gespräch argumentativ stellen."

Die Schüler klatschen für diese Antwort. Die Jugendlichen sind keine AfD-Fans, im Gegenteil: In den Gesprächen vor und nach der Veranstaltung nehmen viele eher gegenteilige Positionen ein. Und auch ein Sozialkundelehrer der Schule sagt: "Seit Monaten spreche ich mit den Klassen jede Woche über Flüchtlinge. Dass Schüler ernsthaft rechte Tendenzen hätten, habe ich an unserer Schule noch nie mitbekommen. Im Unterricht kommen zur AfD oder NPD eher kritische Fragen."

Wer das Schulgelände an diesem Dienstagmittag betritt, sieht Schüler im Kreis neben dem Sportplatz sitzen und reden, ein paar jüngere Mädchen üben auf einem Bein zu stehen. Aus den geöffneten Fenstern des gepflegten roten Klinkerbaus sind Klavier- und Saxophon-Töne zu hören. Auf dem Weg zur Aula stehen auf den Treppenabsätzen große Grünpflanzen, an den Wänden hängen selbstgemachte Fotocollagen.

Die 90-minütige Veranstaltung in der Aula ist Teil der "It's Your Choice"-Tour, sie hat das Ziel, die Wahlbeteiligung unter jungen Menschen zu erhöhen; am 4. September sind in Mecklenburg-Vorpommern Landtagswahlen. "Schüler sollen Multiplikatoren sein", sagt Moderator Bernd Fiedler. "In der Gruppe der unter 21-Jährigen gehen auf Landesebene bis zu 75 Prozent nicht wählen." In Hamburg, wo schon ab 16 gewählt werden darf, sei die Schultour erfolgreich gewesen, die Wahlbeteiligung gestiegen.

In Bad Doberan wird schnell klar: Es gilt nicht nur, die Kluft der Sprache zu überwinden. Sondern vor allem die Angst der Erwachsenen auf der einen und jugendliche Zwanglosigkeit auf der anderen Seite. Vielleicht kann man auch tatsächlich nur, wenn das Leben noch ohne Kalkül ist, so unverkrampft über den Umgang mit der Partei sprechen, die an diesem Dienstagnachmittag nicht eingeladen ist: die AfD. Und dabei nebenbei - und unbewusst - die Hilflosigkeit der etablierten Parteien entlarven.

Friderico-Francisceum-Gymnasium in Bad Doberan
Lisa Meinen

Friderico-Francisceum-Gymnasium in Bad Doberan

Aktuellen Wahlumfragen zufolge würde es die AfD aus dem Stand mit 19 Prozent in den Landtag von Mecklenburg-Vorpommern schaffen - sie wäre damit die drittstärkste Partei. Die SPD würde 13 Prozentpunkte verlieren und mit nur noch 22 Prozent hinter der CDU (25 Prozent) landen.

"Ihr sagt, ihr seid demokratisch, warum geht ihr der AfD dann aus dem Weg und redet nicht mit ihr?", fragt ein Schüler.
Martin Hackbarth (Jusos): "Ich bin kein Politikwissenschaftler."
Ronja Thiede (Grüne Jugend) weicht aus und erklärt nur, warum sie nicht mit der NPD reden will.
Maximilian Hentschel (Linksjugend) stellt eine Gegenfrage: "Würden die denn mit uns reden?"
"Wenn wir die NDP mal außen vor lassen, da sind wir uns ja alle einig - aber was ist mit der AfD, warum diskutiert ihr nicht mit denen?", hakt eine Schülerin nach.
"Genau", pflichtet ein Mitschüler bei. "Ihr sagt, die rechten Parteien würden an Schulen versuchen, junge Leute zu fischen. Aber macht ihr das nicht gerade genauso?"
"In der AfD-Spitze sitzen stark rechte Arschlöcher. Erst wenn sie ins Parlament kommen, müssen wir weitergucken", sagt Hackbarth.
Thiede: "Es gibt in der AfD einige Rattenfänger, mit denen wollen wir nicht an Schulen gehen."
Schülerin: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass es in der AfD keinen gibt, der bereit ist, offen zu reden. Denkt ihr das wirklich?"
"Das ist ein Problem, das wir innerparteilich lösen müssen", lautet die Antwort vom Podium.

Der Moderator erklärt, dass generell nur Parteien eingeladen würden, die in den Landtag gewählt wurden. Die NPD wollten sie dennoch nicht an die Schulen holen. Mecklenburg-Vorpommern ist das letzte Parlament, in dem die rechte Partei noch sitzt; den meisten Zuspruch hatte die NPD bei Jungwählern: 14 Prozent der 18- bis 24-Jährigen wählten sie bei der letzten Landtagswahl.

Moderator Bernd Fiedler
Lisa Meinen

Moderator Bernd Fiedler

Das macht Jugendliche in dem Land verdächtig. Kürzlich luden Neuntklässler eines Rostocker Gymnasiums den NPD-Landtagsabgeordneten David Petereit und den AfD-Kandidaten Holger Arppe zu einer Diskussion ein und sorgten damit für einen Aufschrei. Der Direktor der Schule sagte danach laut "Süddeutscher Zeitung", unter den Schülern sei die Enttäuschung groß, dass Politiker, Journalisten sowie das Kultusministerium kein Vertrauen in sie hätten. Dass ihnen unterstellt würde, sie könnten sich nicht kritisch mit Rechtspopulismus und Rechtsextremismus auseinandersetzen.

Es ist heiß und stickig geworden in der Aula in Bad Doberan. Einigen Jugendlichen fallen die Augen zu, andere tippen auf ihren Smartphones herum, eine Schülerin liest ein Buch. Meggy, 17, nimmt ihre Sachen und geht, während die Veranstaltung noch läuft. Sie hatte sich mehr erhofft: "Die wollen alle nur wiedergewählt werden", ärgert sie sich. "Deshalb habe ich auch keine Lust, mich politisch zu engagieren."

Schüler in der Aula des Friderico-Francisceum-Gymnasiums in Bad Doberan
Lisa Meinen

Schüler in der Aula des Friderico-Francisceum-Gymnasiums in Bad Doberan

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Seite 1
betaknight 01.08.2016
1. Guter Artikel
Vielen dank für den Artikel. Ich finde es sehr gut wie er im Prinzip alle Probleme mit den Politikern widerspiegelt. Zudem freut es mich dass die Jugend zu dem Thema doch weitaus kritischer ist als ich es bisher dachte.
Olaf 01.08.2016
2.
Ja, das ist eine gute Frage. War es nicht ein Kind, dass gerufen hat "Aber der Kaiser ist ja ganz nackt!" Man wird niemanden dadurch überzeugen, dass man nicht mit ihm redet oder ihn ausgrenzt.
_Mitspieler 01.08.2016
3. Hochmut kommt vor dem Fall
Die Schülerinnen und Schüler zeigen ein hohes Maß von Demokratieverständnis im Allgemeinen und von der Meinungsfreiheit im Besonderen. Frei nach dem Zitat: Ich lehne ab, was Sie sagen, aber ich werde bis auf den Tod Ihr Recht verteidigen, es zu sagen. Die Ignoranz der Mainstreamer mündet in Arroganz und von dort unmittelbar zum Ventil AfD. Die müssen selbst überhaupt nicht aktiv werden.
canUCme 01.08.2016
4. In den Jugendorganisationen ...
... der sog. etablierten Parteien sitzen also Leute, die unseren Jugendlichen vorschreiben wollen, mit welchen politischen Strömungen in Deutschland sie überhaupt Kontakt haben dürfen. Mit dieser Art von Demokratieverständnis kommt man bei der heutigen Jugendgeneration nicht weit. Das ist eine Respektlosigkeit jungen Bürgern gegenüber und natürlich auch gegenüber dem ach so verhassten politischen Gegner. Stand heute sind NPD und AfD keine verbotenen Parteien in Deutschland. Ich würde den Jugendlichen schon zutrauen, dass sie sich selbst anhand der politischen Aussagen ein persönliches Bild machen können. Practice what you preach!
istvanfred 01.08.2016
5.
Zitat von OlafJa, das ist eine gute Frage. War es nicht ein Kind, dass gerufen hat "Aber der Kaiser ist ja ganz nackt!" Man wird niemanden dadurch überzeugen, dass man nicht mit ihm redet oder ihn ausgrenzt.
Aber dieses "Augegrenzt-Werden" erfährt die LINKE im Bundestag teilweise auch. Sehr "demokratisch".......
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