Ahnungslose Schüler DDR - ein Sozialparadies, keine Diktatur

2. Teil: Streit der Gelehrten: "Die Studie weiß immer schon, was richtig ist"


Den Auftrag bekam der Hamburger Geschichtsprofessor Bodo von Borries. "Diese Studie weiß immer schon vorher, was richtig ist", sagt er SPIEGEL ONLINE; sie habe einen "Hang zur Eindeutigkeit" und tue so, als müsse man nur "das Richtige unterrichten", und dann würden die Schüler danach die richtige Meinung haben. Das sei "wahnsinnig selbstsicher".

Klaus Schroeder lässt das nicht gelten: "Wir hatten vorher keine Haltung dazu - gerade deswegen haben uns die Ergebnisse ja so überrascht", sagte er SPIEGEL ONLINE.

In den Fragebögen sollten die Schüler Aussagen über die DDR zustimmen oder ablehnen, etwa: "Die Stasi war ein Geheimdienst, wie ihn jeder Staat hat." Und im zweiten Teil sollten sie zeigen, was sie über die DDR wissen: "Wann wurde die Berliner Mauer gebaut?" Oder: "Die Todesstrafe gab es bis 1987 in der ..."

Der mangelhafte Wissensstand der Schüler sei zwar völlig richtig beschrieben, so Borries - es sei aber ein alter Hut, dass Schüler zu wenig über alle möglichen geschichtlichen Themen wüssten. Aus seiner Sicht gehört die Geschichte der DDR auch nicht zu den drei wichtigsten Themen für den Geschichtsunterricht, "eher zu den 15 bis 20 wichtigsten".

Nach Auffassung von Borries kommen die Schulen auch bei mehr und anderem Unterricht nur sehr bedingt gegen das Geschichtsbild an, das ostdeutschen Schülern im Alltag durch Familie und Freunde vermittelt werde. "Die Möglichkeiten der Schule sind da begrenzt", so Borries, man müsse sich hüten vor "pädagogischem Allmachtswahn".

"Keine Konflikte in die Familien treiben"

Der Berliner Bildungssenat lud Klaus Schroeder und Bodo von Borries am 3. Juli zu einer Sitzung des Bildungsausschusses - die CDU hatte den Antrag gestellt, die DDR-Geschichte stärker in die Rahmenrichtlinien für den Unterricht zu integrieren. Dagegen wandte sich Borries: Denn so würde man Schüler eventuell in "Konflikte mit ihren Familien treiben".

Gerade darum, konterte Schroeder, müssten die Schüler aber zentrale Dinge über die DDR lernen und wissen. Nur so erhielten sie die Kompetenz zu beurteilen, was ihnen jene erzählen, die selbst die DDR erlebt haben. Dass der Berliner Bildungssenat überhaupt einen Gutachter bestellt hat, um seine Studie zu bewerten, hat Klaus Schroeder sehr geärgert: "Die versuchen, das Thema jetzt wegzudrücken", sagt er. Von der Berliner Senatsverwaltung war am Freitag dazu keine Stellungnahme zu bekommen.

Am Donnerstag schlug Rolf Hilke, Generalsekretär der brandenburgischen CDU, vor, dass alle Mittelstufenschüler mindestens einmal in ihrer Schulzeit eine Gedenkstätte zur SED-Diktatur besuchen sollen. Das ehemalige Stasi-Gefängnis in Berlin-Hohenschönhausen etwa verbucht zwar mit 60.000 Schülern und Studenten seit Januar einen Rekord junger Besucher - 85 Prozent kommen aber aus den alten Bundesländern. Der Anteil der jungen Gäste aus den neuen Bundesländern stagniert dagegen; 2008 waren es nach Angaben der Gedenkstätte bisher rund 5700.

Hier würden "Illusionen über die DDR schmelzen wie Eis in der Sommersonne", sagte Siegfried Reiprich aus der Leitung der Gedenkstätte. Wie kaum ein anderer Ort in Deutschland habe man hier "die repressive Atmosphäre der SED-Diktatur bewahrt", die Führungen machen in der Regel ehemalige Häftlinge. Die Schüler könnten sich so "von den Opfern der SED-Diktatur ihr Schicksal und die Auswirkungen auf ihr späteres Leben schildern lassen", so Reiprich.

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