Leben mit dem Virus "Na super, ich habe auch HIV"

Seit zwei Jahren weiß Martin*, 29, dass er HIV positiv ist - seinen Eltern hat er noch nichts gesagt, auch die meisten Freunde wissen nichts davon. Der Schülerzeitung "Kurzschluss" erzählte er von seinem Alltag mit dem Virus, von schlechten und schönen Momenten.

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dapd

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Frage: Wie haben Sie erfahren, dass Sie mit HIV infiziert sind?

Martin*: Ich war beim Blutspenden, da wird immer auch ein HIV-Test gemacht. Als ich mit Freunden im Biergarten war, bekam ich einen Anruf von der Blutspendestelle. Am Telefon sagten sie zwar, es sei alles in Ordnung, aber sie baten mich vorbeizuschauen.

Frage: Wissen Sie, wie Sie sich infiziert haben?

Martin: Ich hatte mit einem Bekannten Sex, es kann nur von ihm gewesen sein. Ich bin regelmäßig zur Blutspende gegangen, nur einmal habe ich ausgesetzt, weil meine Eisenwerte sehr niedrig waren. Bei der nächsten Blutspende kam es dann heraus. In der Zeit hatte ich nur mit ihm Sex.

Frage: Wie hat die Diagnose ihr Leben verändert?

Martin: Erst mal bricht eine Welt zusammen. Verändert hat sich mein Leben zwar nicht, allerdings achtet man doch unbewusst ein bisschen mehr auf seine Gesundheit.

Frage: Wie reagierten Freunde und Familie auf die Nachricht?

Martin: Nur meine beste Freundin und deren Freund wissen es. Bis ich es meiner Familie sage, wird es noch ein bisschen dauern. Dieser besagte Bekannte weiß es auch. Ich habe es ihm noch am selben Tag gesagt, als ich es erfahren habe. Das war eine große Hürde.

Frage: Wie reagierte er?

Martin: Ich kontaktierte ihn sofort, wir trafen uns, und ich teilte ihm alles mit und sagte noch, dass er auch mal zum Test gehen sollte. Darauf antwortete er: "Na gut, dann können wir ja jetzt immer ohne Gummi vögeln." Er fand es nicht so dramatisch. Da war ich ein bisschen schockiert. Ich gab ihm noch einige Telefonnummern von Spezialärzten. Er wollte sie aber nicht, weil er da ja erkannt werden könnte.

Frage: Hatten Sie Probleme, einen Job zu finden?

Martin: Meine Ausbildung hatte ich schon beendet, und als ich das Ergebnis bekam, hatte ich auch eine Stelle. Als ich das Ergebnis bekommen habe, konnte ich zwar eigentlich nicht richtig arbeiten, aber ich habe trotzdem weiter gemacht. Das war eine gute Ablenkung, zu Hause hätte ich mir sowieso nur Gedanken gemacht. Zurzeit arbeite ich so zwölf Stunden täglich, das ist aber nicht gesund für mich. Eigentlich sollte ich auf den Schlaf achten. Der ganze Stress hat sich dann mit einer Gürtelrose bemerkbar gemacht, eine häufige Krankheit bei Menschen, die HIV-positiv sind.

Frage: Erinnern Sie sich an einen schönen Moment mit der HIV-Infektion?

Martin: Einen netten Moment gab es: In München gibt es eine Selbsthilfegruppe, bei der sich junge Leute zweimal im Monat treffen. An dem Tag, an dem ich von meiner Krankheit erfahren habe, bin ich direkt dorthin. Da saßen nur zwei Leute, sie fragten, seit wann ich weiß, dass ich HIV positiv bin. Als ich antwortete, erst seit ein paar Stunden, haben sie sich nur noch um mich gekümmert. Das fand ich ganz klasse. Wenn ich Leute kennenlerne, die auch betroffen sind, sind es oft sehr intensive Gespräche. Sie handeln nicht von Party und Disco, sondern von Altersvorsorge und Gesundheit.

Frage: Und die weniger schönen Momente?

Martin: Ich hatte beispielsweise Probleme, meine schon bestehende Berufsunfähigkeitsversicherung zu ändern. Dafür musste ich Gesundheitsfragen beantworten, bei denen auch nach HIV gefragt wird - deswegen konnte ich es nicht. Auch der Alltag ist nicht leicht. Als die ehemalige Sängerin von den No Angels als HIV-positiv zwangsgeoutet wurde, haben viele Medien darüber berichtet. Freunde, die Familie oder Arbeitskollegen gaben dazu dann ihre negativen Kommentare ab. Da denkt man sich: Na, super, danke, ich habe auch HIV. Gern würde man was sagen, kann es aber nicht, weil man sich nicht outen will.

*Name von der Redaktion geändert


Dies ist die gekürzte und redaktionell bearbeitete Fassung eines Interviews, das Christoph Vogl für die Schülerzeitung "Kurzschluss" geführt hat. Beim diesjährigen SPIEGEL-Schülerzeitungspreis belegte er damit den achten Platz.



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