Alkoholaufklärung am Strand Die Zwei vom Anti-Sauf-Kommando

Thomas und Anja haben einen sonderbaren Job: Auf Festivals oder Partymeilen versuchen sie, anderen Jugendlichen das Saufen auszureden. Mission impossible? Jonas Nonnenmann begleitete die beiden am Strand von St. Peter-Ording, wo Tausende bei der Kitesurf-WM feiern.

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Thomas, 21, wird langsamer, zeigt nach vorn und dreht sich um. "Die da drüben?" fragt er zögernd - "ja, versuchen wir's!", sagt Anja. Wie ein Strandverkäufer sieht er aus, mit seiner schwarz-glänzenden Umhängetasche und gewinnendem Lächeln. Thomas, Baggypants und Silberkettchen, hat eine Mission.

"Dürfen wir uns zu euch setzen?", fragt er die Gruppe von Abiturienten, die es sich am Strand auf einer Holzbank bequem gemacht hat. Skeptische Blicke, Achselzucken, schließlich ein Nicken.

Thomas und Anja sind Botschafter für einen vernünftigen Umgang mit Alkohol. Thomas hat gerade sein Abitur gemacht und will soziale Arbeit studieren, Anja ist 25 und schreibt an ihrer Diplomarbeit im selben Fach. Bezahlt werden die beiden von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). Acht bis zehn Euro bekommen sie pro Stunde.

Da aber BZgA nicht besonders sexy klingt und Alkoholbotschafter oder Alkoholberater noch weniger, hat die Behörde mit Hilfe einer Werbeagentur die Kampagne "Kenn dein Limit" gestartet. Die grüßt den Besucher auf der eigenen Web-Seite mit Elektrosounds und Sprüchen wie "Er will Party ohne Ende... und wacht in seiner Kotze auf." Oder: "Sie feiert heute hemmungslos... er stellt sie morgen nackt ins Netz." Die Botschaft dahinter: "Alkohol macht mehr kaputt, als du denkst."

Kein Bier für die Peers

Die Kampagne stützt sich vor allem auf zweierlei - auf möglichst ansprechend verpackte, zugleich seriöse Informationen auf der Homepage, außerdem auf den Einsatz junger Leute, die anderen das hemmungslose Saufen ausreden sollen. Thomas und Anja heißen in dieser Sprache Peers, Gleichaltrige. Für die Aktion "Kenn dein Limit" sind deutschlandweit 29 Peers unterwegs, die jüngsten 18, die ältesten 25. In Zweierteams schwärmen sie aus und sprechen Jugendliche an: auf Festivals, Kneipenmeilen von Innenstädten, bei Sportveranstaltungen, in Ferienregionen.

Auch am Nordseestrand. Diesmal sind Thomas (Lieblingsgetränk Bananennektar) und Anja (Eiskaffee, Fruchtschorlen) in St. Peter-Ording unterwegs, eigentlich eher der Ort, an dem Rentner in die Abenddämmerung blinzeln und beim Italiener Pizza bestellen. Aber heute ist alles anders, heute findet die Eröffnungsparty des Kitesurf World Cup statt - heute besiedeln Tausende von Jugendlichen den Strand.

"Und was trinkt ihr heute so?" fragt Thomas die Abiturienten und lässt sich auf sein Handtuch fallen. "Och, ne Flasche Prosecco geht schon - eine für jeden", sagt eins der Mädels. "Zum Vorglühen", ergänzt Julia, 20, und lacht. Melf, der Hahn im Korb, senkt den Kopf, "ich sag jetzt mal nichts".

Peer-Quiz auf dem iPod

Anja grinst und zieht einen iPod aus ihrer Tasche, den Eisbrecher, wie sie ihn nennt. "Habt ihr Lust auf ein Quiz?" In der Mitte des Bildschirms erscheint eine Flasche, die sich mit dem Zeigefinger drehen lässt. "Flaschendrehen? Ja - da steh ich totaal drauf", sagt Julia, breites Lächeln, Netzstrümpfe, während eine Elektroband im Hintergrund add-ic-tion düdelt.

Erste Frage: Wird man schneller nüchtern, wenn man sich übergibt? "Also mir geht's danach besser", sagt Melf, "ich tippe auf ja." Falsche Antwort, sagt Anja und streicht sich ein paar Locken aus dem Gesicht. "Nächste Runde", fordert Julia, und sie raten um die Wette.

Nur auf eine Frage gibt keiner eine ernsthafte Antwort: die, warum sie trinken.

"Vielleicht braucht es noch krassere Anti-Werbung", schlägt Sascha aus Kiel vor, "Fotos von kaputten Lebern oder etwas in der Art." Sascha, 21, sitzt vor einer provisorisch aufgebauten Bar, an der es 78 alkoholische Getränke gibt, davon neun Wodkamischungen. Sascha, Skater und ein südländischer Typ, sagt ernst, er habe noch nie in seinem Leben Alkohol getrunken.

Langsam kommt er in Fahrt: "Wenn mal einer nicht trinkt, kommt gleich die Frage, ob man noch fahren muss. Für viele ist das die einzige Erklärung", ruft er und fasst sich an den Kopf. Manchmal, klagt Sascha, machten sich Frauen bei Partys aus dem Staub wenn sie merken, dass er nicht trinkt - "wahrscheinlich, weil es denen peinlich ist, dass sie betrunken sind".

"Wir sind einfach eine Trinkergesellschaft"

Der Alkoholverweigerer scharrt mit den Füßen im Sand, Thomas nickt verständnisvoll. "Wir sind einfach eine Trinkergesellschaft", sagt Thomas, der schon während der Schulzeit eine städtische Jugendgruppe geleitet hat mit Kindern aus sozial schwachen Familien. Obwohl er ab und zu ein Bier trinkt, fand Thomas das Gerede über das Saufen schockierend: "Die haben damit angegeben, eine Flasche Wodka zu trinken."

Schlimm, diese Jugend, finden auch drei Flensburger Studentinnen, die am Strand zuschauen, wie die Kitesurfer übers Wasser flitzen. Natürlich habe man selbst kein Alkoholproblem, sagt Lehramtsstudentin Nicole, 22, höchstens mal zusammen eine Flasche Wodka - aber bei Jugendlichen werde es immer schlimmer. "Die saufen heute in einem Alter, in dem ich noch mit Barbies gespielt hab", sagt Nicole und fasst sich an die lila Sonnenbrille. "Manchmal bitten mich Kids darum, für sie Alkohol im Supermarkt zu kaufen - vergiss es, sag ich denen."

Wenn Gesundheitsaufklärer der Jugend ins Gewissen reden, kann das leicht nach hinten losgehen. Wirkt eine Kampagne im Ton nur eine Spur zu anbiedernd, zu aufdringlich oder moralinsauer, finden junge Leute sie peinlich. "Keine Macht den Drogen" aus den neunziger Jahren war so ein Fall: Ein Verein trommelte gegen legale wie illegale Drogen - aber Aushängeschilder wie Lothar Matthäus oder Andy Brehme galten als eher uncool. Prompt wurde die Kampagne vielfach verballhornt, von "Keine Macht den Drögen" bis zu "Keine Mark den Doofen".

"Ich fand das hammergut"

Die Wirkung kann dann umschlagen, wie US-Forscher vor einigen Jahren am Beispiel von Unis untersuchten, die unter ihren Studenten eine "Kultur des Trinkens" bekämpfen wollten. Die Programme mit Appellen an die Vernunft, mit Plakaten und Flugblättern fruchteten kaum. Mitunter schienen sie sogar das Gegenteil zu bewirken, denn ausgerechnet an Colleges mit Anti-Alkohol-Programmen entdeckten Forscher aus Harvard eine Zunahme des Konsums - eine ziemlich ernüchternde Erkenntnis.

Die Zweierteams bei "Kenn dein Limit" haben keinen leichten Job, sie müssen immer damit rechnen, von Jugendlichen angepöbelt oder verspottet zu werden. Dagegen hilft nur Charme, Überzeugungskraft, Schlagfertigkeit. Das gelingt Thomas und Anja an diesem Abend am Strand von St. Peter-Ording gut. Sie gehen allerdings gegen 22 Uhr, also bevor die Party richtig losgeht: "Mit Betrunkenen diskutieren, das ergibt keinen Sinn", sagt Thomas.

Studentin Nicole erzählt von ihrem ersten Absturz mit 16: Nach ein paar Gläsern der Wodka-Sekt-Mischung Grüne Wiese machte ihr Magen schlapp, sie übergab sich im Garten. Was hält sie vom Auftritt der Peers? "Ich fand das hammergut, was die machen, ist echt wichtig", so Nicole. Und auch die Abiturienten zollen Respekt. "Ich werde mir jetzt schon meine Gedanken machen", sagt eine.

Nur Saschas Kumpel Justus sagt etwas, das die BZgA beunruhigen dürfte: Zuerst habe er die Anti-Alkohol-Plakate nur von weitem gesehen, erzählt er - junge, lachende Menschen beim Trinken, das mit der Kotze habe er nicht gelesen. "Nachdem ich die Plakate sah", sagt Justus, "hatte ich echt Lust auf ein Bier."



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 49 Beiträge
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Seite 1
loncaros 23.07.2010
1.
---Zitat--- Nur Saschas Kumpel Justus sagt etwas, das die BZgA beunruhigen dürfte: Zuerst habe er die Anti-Alkohol-Plakate nur von weitem gesehen, erzählt er - junge, lachende Menschen beim Trinken, das mit der Kotze habe er nicht gelesen. "Nachdem ich die Plakate sah", sagt Justus, "hatte ich echt Lust auf ein Bier." ---Zitatende--- Das ist mir auch aufgefallen. Da sind schöne Menschen die viel Spaß haben. Das habe ich nicht jeden Tag. Da kann die Aussage komplett verdreht werden. ---Zitat--- Da aber BZgA nicht besonders sexy klingt und Alkoholbotschafter oder Alkoholberater noch weniger ---Zitatende--- Also ich finde das sind doch tolle Titel. Sehr zweideutig :)
shi 23.07.2010
2. Riskanter Konsum?
http://www.kenn-dein-limit.info/index.php?id=46 Also das Testergebnis ist echt überzogen. Ich habe die Fragen ehrlich beantwortet und ich habe einen "riskanten Konsum". Weil ich weniger als ein mal pro Monat 5-6 Bier bei einer Gelegenheit trinke? Oder weil ich mich vor 12 Jahren mal unter Alkoholeinfluß verletzt habe? Bei den meisten Fragen konnte ich übrigens mit "nie" antworten. Wein ist (in Maßen) übrigens gut für das Herz...
Cienne 23.07.2010
3. ....
Wenn Die Politik wirklich was dagegen hat, dass so viele Leute soo viel trinken (Jugendliche allein sind es keinesfalls!), dann sollte der Kram einfach verboten werden. Ich weiß, dass die Frage die nun folgt sich auf viele Bereiche beziehen kann, aber warum nicht einfach klein anfangen? "Wer braucht den Quark überhaupt..." Es ist doch so, dass man a) gezielt besoffen werden will (Hemmungen überwinden usw.) oder b) bzgl. des Geschmacks trinkt a ist für mich ganz klar gleichzusetzen mit Drogenkonsum und b könnte man durch Aromen sicherlich auch hinbekommen - ohne den netten "schwummrigen" Anteil. ;) Da ich aber weiß, dass sowohl die Lobby, als auch der gaststättenverband usw. da was gegen haben, ist es ein Wunschdenken - ich weiß. Ps: Ja, ich trinke auch - verrückte Welt ist das.
kyon 23.07.2010
4. Einsatz für das Heil
Zitat von sysopThomas und Anja haben einen sonderbaren Job: Auf Festivals oder Partymeilen versuchen sie, anderen Jugendlichen das Saufen auszureden. Mission impossible? Jonas Nonnenmann begleitete die beiden am Strand von St. Peter-Ording, wo Tausende bei der Kitesurf-WM feiern. http://www.spiegel.de/schulspiegel/leben/0,1518,707666,00.html
Die Beiden kommen mir vor wie zwei Zeugen Jehovas, die die Menschen zum Heil führen wollen und angepöbelt werden. Allerdings muß ich gestehen, dass mir Thomas und Anja tausendmal sympathischer sind, da sie im Gegensatz zu den Zeugen Recht haben!
ttx 23.07.2010
5. "Krieg gegen Drogen" gescheitert
Zitat von sysopThomas und Anja haben einen sonderbaren Job: Auf Festivals oder Partymeilen versuchen sie, anderen Jugendlichen das Saufen auszureden. Mission impossible? Jonas Nonnenmann begleitete die beiden am Strand von St. Peter-Ording, wo Tausende bei der Kitesurf-WM feiern. http://www.spiegel.de/schulspiegel/leben/0,1518,707666,00.html
Schön, dass man es bei Alkohol mit Regulierung und Aufklärung versucht, leider ist aber vor allem der erste Aspekt nicht deutlich genug vertreten. Diese Strategie sollte man bei allen Substanzen fahren - der "Krieg gegen Drogen" ist spektakulär gescheitert: http://www.bmj.com/cgi/content/full/341/jul13_1/c3360
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