Alleinerziehende in den Sommerferien "Das wird der erste Urlaub mit meinen Söhnen"

Die Kinder haben wochenlang frei, doch die Eltern müssen arbeiten oder können sich keinen Urlaub leisten: Hier berichten Alleinerziehende, wie sie das Betreuungsproblem in den Sommerferien lösen.

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Wer sich vorwiegend oder gar ganz allein um seine Kinder kümmert, schafft meist keine 40-Stunden-Woche - und verdient entsprechend weniger. Das bekommen viele vor allem in den Sommermonaten besonders zu spüren: Fast ein Drittel aller Alleinerziehenden konnte sich im vergangenen Jahr nicht mal eine einwöchige Urlaubsreise leisten.

Auch wer genug Geld für den Urlaub gespart hat, ärgert sich häufig über vergleichsweise höhere Preise für Pauschalreisen oder Unterkünfte - die Kosten variieren nämlich meist kaum, egal, ob ein oder zwei Erwachsene buchen.

Ein Kraftakt ist für viele auch die Organisation: Die Schließzeiten und Ferien von Kita, Hort und Schule müssen aufgefangen werden und die eigenen Urlaubstage reichen dafür meist nicht aus.

Hier berichten Alleinerziehende, was sie in den Ferien mit ihren Kindern machen, wie sie die Zeit mit ihren Ex-Partner aufteilen - und wie sie den Sommer trotz all der Anstrengungen genießen werden.

Stefanie, 41 Jahre, Hartz-IV-Empfängerin, zwei Söhne (drei und vier Jahre): "Ich schiebe das Thema Urlaub einfach von mir"

Getty Images/Blend Images

"Meine beiden Söhne und ich fahren in diesem Sommer für drei Tage an einen Badesee bei uns in der Nähe in ein Ferienlager der Caritas. Die Reise kostet nichts, Unterkunft und Verpflegung werden über die Familienhilfe des Jugendamtes finanziert. Es ist unser erster gemeinsamer Urlaub.

Ich arbeite auf 450-Euro-Basis im Einzelhandel und stocke das Einkommen mit Hartz IV auf. Wir haben im Monat 903 Euro für Lebensmittel, Klamotten, Strom und Versicherung zur Verfügung. Für Urlaub bleibt da leider nichts übrig. Gerade ging meine Waschmaschine kaputt, damit ist das Gesparte auch noch aufgebraucht.

Mir ist es wichtig, dass meine Kinder hochwertige Lebensmittel bekommen. Außerdem möchte ich, dass sie auch im Alltag etwas erleben, mal in den Zoo oder ins Schwimmbad können. Deshalb spare ich auch gar nicht erst für eine Woche Urlaub in den Sommerferien. Ich selbst würde mich zwar ein halbes Jahr vorher darauf freuen, aber meine Kinder sind noch zu klein. Sie freuen sich über das, was sie in dem Moment erleben. Und ich selbst schiebe das Thema Urlaub einfach von mir, dann muss ich gar nicht erst traurig sein, dass wir nicht wegfahren können.

Wenn meine Jungs älter sind, werde ich ihnen erklären, dass wir kein Geld für eine größere Reise haben. Das mache ich auch jetzt schon. Wenn sie nach Spielzeug oder Bonbons fragen, dann sage ich: 'Kleiner Schatz, das geht nicht. Unser Geld für diesen Monat ist aufgebraucht.' Das tut mir schon manchmal weh, aber so ist es eben."

Elisa, 41 Jahre, Senior Consultant in einem Marktforschungsinstitut, eine Tochter (sechs Jahre): "Ich schicke meine Tochter allein zu meinen Eltern nach Italien"

Getty Images/EyeEm

"Meine Tochter wird dieses Jahr eingeschult, das heißt, der Kindergarten endet am 30.7. und die Schule fängt am 30.8. an. Da ich, wie alle Arbeitnehmer, nicht genug Urlaubstage im Jahr habe, um die Schulferien meiner Tochter voll abzudecken, schicke ich sie in diesem Jahr allein in meine Heimat, zu meinen Eltern nach Italien.

Ende Juli fliege ich mit ihr nach Italien, fliege dann direkt wieder zurück und hole sie kurz vor der Einschulung wieder ab. Ich bin etwas traurig, dass ich nicht mit ihr dortbleiben kann, aber ich weiß, dass sie mit meinen Eltern eine tolle Zeit haben wird.

Der Vater meiner Tochter kümmert sich leider nicht um sie. Auch finanziell unterstützt er uns nicht. Wir leben in Düsseldorf. Für mich ist eine Kinderbetreuung in dem Umfang, den ich benötige, hier leider nicht bezahlbar.

Ich wüsste daher nicht, was ich ohne die Unterstützung meiner Eltern machen sollte. Allerdings habe ich Angst vor der Zukunft, denn meine Eltern sind beide krank. Mein Vater leidet an Parkinson und meine Mutter bekam vor acht Jahren ein künstliches Herz. Meine größte Sorge ist, dass sie bald nicht mehr in der Lage sein werden, mich zu unterstützen - ganz im Gegenteil, sie werden pflegebedürftig werden und sie wohnen 1000 km entfernt - auch ein Drama, da ich Einzelkind bin.

Finanziell wird es auch in Zukunft hart werden: Sobald meine Tochter zur Schule geht, kann ich nicht mehr die günstigen Flüge buchen, sondern muss die teuren Tickets am Wochenende und in der Hauptsaison kaufen. So sind schnell 400 Euro mehr weg.

Ich habe gehört, dass Eltern mit teuren Bußgeldern bestraft werden, wenn ein Kind an den letzten Tagen des Schuljahres nicht am Unterricht teilnimmt. Ich empfinde das als eine Ohrfeige gegen Menschen wie mich, die von allen Seiten benachteiligt werden. Zum Beispiel trage ich die Betreuungskosten allein, und die sind in meiner Stadt hoch.

Und durch die Steuerklasse 2 werden Alleinerziehende mit Kindern steuerrechtlich nicht als Familien gesehen, anders als Ehepaare ohne Kinder. Das ärgert mich sehr."

Nina, 38 Jahre, Bereichsleiterin psychosoziale Ambulanz, eine Tochter (zehn Jahre): "Ich muss nicht auf jeden Pfennig schauen"

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"Bei uns gibt es in den Ferien keine Betreuungsengpässe, sondern eher Zeitmanagementprobleme. Mit wem ist Emilie wo, wann und wie lange? Ich koordiniere das, und es ist manchmal gar nicht so einfach. Für Entspannung sorgt dabei allerdings, dass Emilies Vater und ich mittlerweile gut befreundet sind. Und dass wir nicht in lange Diskussionen verfallen, liegt wohl auch daran, dass wir Emilie entscheiden lassen, wann sie bei wem sein möchte.

Mit meinen Eltern fährt sie zum Beispiel in den Campingurlaub. Ihre eigentlichen großen Urlaube verbringt sie aber mit mir. Ich verdiene recht gut und muss nicht auf jeden Pfennig schauen. So waren wir die letzten Jahre ziemliche Weltenbummler. Wir haben Fernreisen unternommen, zum Beispiel nach Thailand.

Allein als Frau mit Kind wird man bei solchen Trips schon mit großen Augen angeguckt. Zum Beispiel, als wir Frankreich mit dem Auto umrundet haben. Das war ein echtes Abenteuer. Wir haben versucht, die Touristenhochburgen zu umgehen und wussten nie, was uns in der nächsten Gegend erwartet. Die Unterkünfte waren gemischt: Mal waren wir im Hotel, dann in einer Pension oder in einem Gästehaus.

Dieses Jahr geht es nach Korsika, wieder mit dem Auto. Die Insel wollen wir komplett abgrasen: Ausflüge in den Norden, Süden, Osten und Westen sind geplant, mit Wanderungen und Canyoning. Für das Mobilheim vor Ort bezahle ich genauso viel wie eine vierköpfige Familie. Spezielle Angebote gibt es für alleinreisende Erwachsene mit einem Kind nicht. Das finde ich sehr unfair.

Auf dem Rückweg halten wir vielleicht noch im Europa-Park, letztes Jahr waren wir in Disneyland. Als Emilie noch jünger war, haben wir die typischen All-Inclusive-Pauschalreisen gemacht. Für sie war es damals angenehmer und für mich finanziell übersichtlicher. Das individuelle Reisen passt aber momentan sehr gut zu uns. Für Herbst ist dann eventuell ein Wanderurlaub in Deutschland geplant oder eine kleine Sahara-Tour in Tunesien.

Auch wenn ich es mir nicht ausgesucht habe, alleinerziehend zu sein: In den Momenten, in denen ich mit Emilie allein unterwegs bin, liebe ich es, mich frei bewegen zu können und nur auf die Wünsche von uns beiden achten zu müssen."

Janine, 39 Jahre, Tagesmutter, zwei Söhne (acht und vier Jahre): "Alleinerziehende werden vor allem bei Angeboten für Pauschalreisen benachteiligt"

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"Ich arbeite als Tagesmutter und habe im Jahr 26 Tage Urlaub. In den Sommerferien nehme ich davon zwei Wochen frei. Eine Woche Urlaub schaffen meine Söhne und ich eigentlich immer. Dafür machen wir Flohmarkt, verkaufen Sachen im Internet oder sparen zum Beispiel die Rückzahlung vom Wasser.

Dieses Jahr fahren wir an die Ostsee. Die Arbeiterwohlfahrt ermöglicht vergünstigten Urlaub für Alleinerziehende, das läuft über die Stadt. Ich würde sehr gern mal mit meinen Jungs wegfliegen. Aber das kann ich mir einfach nicht leisten.

Alleinerziehende werden vor allem bei Angeboten für Pauschalreisen benachteiligt. Denn da ist oft das Kind umsonst, wenn zwei Erwachsene mitfliegen. Wenn ich aber allein mit zwei Kindern fliege, muss ich für alle drei Personen bezahlen. Das finde ich sehr unfair."

Mutter, 38 Jahre, ein Sohn (zwei Jahre): "Ich fühle mich diskriminiert gegenüber Familien mit zwei Erwachsenen"

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"Ich war Mitte dreißig, meine Beziehung gerade gescheitert. Schon in der Partnerschaft hatte ich einen starken Kinderwunsch, den meine damalige Freundin jedoch nicht teilte. Ich habe dann nach privaten Samenspendern gegoogelt.

Über ein Forum lernte ich einen Mann kennen. Wir schrieben uns ein halbes Jahr lang Nachrichten, und nachdem wir uns schließlich getroffen hatten, entschied ich, dass er der Vater meines Kindes werden soll.

Jetzt ist mein Sohn zwei Jahre alt. Seinen biologischen Vater sieht er sehr selten, das war vor der Geburt so abgesprochen. Für seine Betreuung und auch finanziell bin ich allein für ihn verantwortlich. Meine Eltern wohnen zum Glück in der Nähe und unterstützen mich sehr. Wenn die Kita zu hat und ich arbeiten muss, springt meine Mutter ein.

Ich bin sehr dankbar für das Netzwerk, das ich habe. Bei meiner Cousine kann ich mich zum Beispiel ab und zu entspannen, während sie sich um meinen Sohn kümmert. Das hilft mir schon sehr.

Das Geld reicht aber nicht aus, ohne staatliche Unterstützung kämen wir nicht über die Runden. Richtigen Urlaub kann ich mir schon gar nicht leisten. Das hatte ich nicht erwartet, und da fühle mich gegenüber Familien mit zwei Erwachsenen fremd und diskriminiert."

Vater, 52 Jahre, ein Sohn (8 Jahre): "Froh, dass unsere Trennung so harmonisch verlaufen ist"

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"Seit unser Sohn zwei Jahre alt ist, leben meine Ex-Frau und ich getrennt. Sie hat mittlerweile einen neuen Partner. Wir verstehen uns aber alle sehr gut und können uns gut absprechen.

Die Ferien haben wir in diesem Jahr so aufgeteilt, dass mein Sohn gar nicht in die Schulbetreuung muss, die bei uns die gesamten Sommerferien über angeboten wird. Er wird drei Wochen mit seiner Mutter in den Urlaub fahren, die anderen drei Wochen verbringt er bei mir.

Ich bin sehr froh, dass unsere Trennung so harmonisch verlaufen ist. Eine Freundin von mir streitet sehr viel mit ihrem Ex, er kümmert sich kaum um die gemeinsame Tochter. Das tut mir sowohl für die Mutter als auch fürs Kind leid.

Ich habe viel Rücksicht genommen und versucht, Streit mit meiner Ex-Frau zu vermeiden. Unserem Sohn zuliebe. Das hat bei uns glücklicherweise geklappt."

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Seite 1
pitchmaster 01.08.2018
1. Genau deswegen
Habe ich keine Kinder, ohne ist es einfach wunderbar entspannt und da ist auch mal der dritte Thai Urlaub drin.
kantirandavivorhodan 01.08.2018
2. Klar...
...aber Eltern dann kriminalisieren, wenn diese 2 bsi 3 Tage früher in die Ferien wollen, DAMIT diese ihren Kindern überhaupt mal Ferein ermöglichen können. Aber ich warte nur auf die ersten "Regeln sind Regeln"-Schreiber...die sicherlich jeden Tag sämtliche Regeln befolgen...
passiflore 01.08.2018
3. Seltsame Erfahrung
"Allein als Frau mit Kind wird man bei solchen Trips schon mit großen Augen angeguckt. Zum Beispiel, als wir Frankreich mit dem Auto umrundet haben. Das war ein echtes Abenteuer." Also, ich weiß nicht, was diese Dame erlebt hat, aber das Land, in dem man als Frau allein mit Kind mit Sicherheit NICHT mit großen Augen angeguckt wird, ist definitiv Frankreich. Weder auf dem Land, noch in der Stadt. Hier sind Mütter allein mit Kind in den Ferien ein völlig normaler Anblick. In Italien übrigens auch, denn da arbeiten die Männer, während traditionell die Ehefrau alleine mit Kind Sonne und Meer genießt und Papa höchstens ein paar Tage vorbeikommt.
m.m.s. 01.08.2018
4. Alleinerziehende, und ein Vater
Ganz bewusst wird nicht angegeben, ob der Vater am Ende nun Alleinerziehender ist, oder nicht. Wahrscheinlich ist, dass er das Kind während des Urlaubs sehen darf, aber ansonsten das Kind bei der Mutter ist, und sie Unterhalt vom Vater bekommt sowie das Kindergeld. Der Artikel ist auch deshalb unzureichend, weil nicht angegeben wird weshalb soviele Alleinerziehende sind. Zumeist geht die Trennung von der Frau aus, die die Kinder alleine bekommt, die dann ob der finanziellen Konsequenzen aus allen Wolken fällt.
baladin 01.08.2018
5. Zwei Söhne (3 und 4) ...
... und wenn sie älter sind, werde ich erläutern, dass wir dafür kein Geld haben. Ja, wollen Sie auf Jahre hin nichts versuchen, um Ihre Situation zu verbessern?
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