Als Lehrerin in China Individualität - Schüler verlieren Namen und bekommen Nummern

Sechs Jahre lang unterrichtete Katja Meuß, 61, an einem chinesischen Elite-Gymnasium. Bis zuletzt war sie befremdet: Teamarbeit ist verpönt, gewinnen gefordert und wer Fehler macht, wird ausgelacht. Ein Erfahrungsbericht.

Katja Meuß

Viele Lehrer riefen ihre Schüler mit den Nummern der offiziellen Namensliste auf. Manche Lehrer kannten ihre Schüler auch bis zum Ende des Schuljahres nicht mit Namen. Kein Wunder bei bis zu 60 Schülern pro Klasse und möglicherweise zehn und mehr Parallelklassen. Andersherum begrüßten auch die Schüler ihre Lehrer nur mit: "laoshi hao!". Also: "Guten Tag, Lehrer!", wörtlich: "Lehrer gut".

Meine Schüler als namenloses Stückgut anzusprechen, erschien mir seelenlos. Ich behalf mir mit einem Trick: Zu Schuljahresbeginn schrieb ich bis zu 500 deutsche und englische Namen auf Kärtchen, die die Schüler während des Unterrichts mit Clips an ihrer Kleidung befestigten. Die jüngeren Schüler liebten diese Namensschilder mit deutschen Vornamen und die Individualität, die damit verbunden war. Nur die Achtklässler steckten sich manchmal nur unwillig die Namensschilder an. Individualität hieß eben auch hervortreten aus der Masse, wovor man sich in der Pubertät scheut - egal ob in Europa oder in China.

Als Lehrerin in China: Mein Alltag in der Lernfabrik

Frontalunterricht: Wenn Schüler verstummen

Teamarbeit: Siegen, egal wie

Kreativität: Wer Fehler macht, wird ausgelacht

Individualität: Schüler verlieren Namen und bekommen Nummern

Inspektionen: Wenn Kontrolleure kommen, müssen Schüler gehen

Disziplin: Strafarbeiten und Moralpredigten, auch für Eltern

Gemeinschaft: Jeder ist sich selbst der nächste

Selbstmord einer Schülerin: Schweigen statt trauern

Aufgezeichnet von: Katja Meuß, bearbeitet von: Christian Bleher

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
antoooon 04.04.2012
1.
Zitat von sysopKatja MeußSechs Jahre lang unterrichtete Katja Meuß, 61, an einem chinesischen Elite-Gymnasium. Bis zuletzt war sie befremdet: Teamarbeit ist verpönt, gewinnen gefordert und wer Fehler macht, wird ausgelacht. Ein Erfahrungsbericht. http://www.spiegel.de/schulspiegel/ausland/0,1518,824355,00.html
Warum interessieren sich nicht mehr Menschen für China? Warum lassen wir geschehen, was geschieht? Interessieren wir uns nicht für unsere Zukunft, oder haben wir gar das Gefühl die Zukunft nicht beeinflussen zu können? Der Artikel gibt einen interessanten, aber nur limitierten Einblick in die Bildungssituation der kommenden Wirtschaftsmacht unseres Planeten. Ich kann die SPON-Redaktion an dieser Stelle nur dringlichst bitten, mehr kritische Artikel über China zu bringen, möglicherweise versteht dann auch der ein oder andere, in welche Richtung sich unser Planet derzeit verändert!
Ralf Opdenhövel 04.04.2012
2. Dass
aus China nichts Eigenständiges von echtem Wert kommt, hat schon seine Gründe. Woran das unter anderem liegt, beschreibt diese deutsche Lehrerin.
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