Unterrichtsbeginn Gymnasium testet Gleitzeit für Schüler

Die Schüler eines Gymnasiums in Nordrhein-Westfalen können selbst entscheiden, ob sie um 8 Uhr oder lieber erst um kurz vor neun zum Unterricht kommen. Ist das verrückt oder genial?

Wie hilft man übermüdeten Schülern?
Corbis

Wie hilft man übermüdeten Schülern?

Ein Interview von


Zur Person
Wilfried Bock, 55, ist seit 2002 Leiter des Gymnasiums der Stadt Alsdorf in der Nähe von Aachen. Zwischen 2005 und 2008 hat er das Dalton-Konzept sukzessive eingeführt. 2013 wurde das Gymnasium als "Schule des Jahres" ausgezeichnet.
SPIEGEL ONLINE: Herr Bock, an Ihrer Schule gibt es Gleitzeit für die Schüler: Sie können selbst bestimmen, wann sie zwischen 8 und 8:50 Uhr mit dem Unterricht anfangen. Wie geht das?

Bock: Das funktioniert nur in der Oberstufe, dort ist die erste Stunde stets eine Dalton-Stunde, die die Schüler frei in eigener Verantwortung gestalten können. Wenn jemand in dieser Zeit lieber länger schlafen möchte, muss er den Stoff in einer der Freistunden nachholen, die es in allen gymnasialen Oberstufen gibt. Erst ab der zweiten Stunde gibt es Unterricht mit Anwesenheitspflicht.

SPIEGEL ONLINE: Was bitte schön ist eine Dalton-Stunde?

Bock: Alle Schüler unseres Gymnasiums lernen nach dem sogenannten Dalton-Plan der amerikanischen Pädagogin Helen Parkhurst. In diesem Konzept steht die Selbstständigkeit im Zentrum des Unterrichtens. So müssen unsere Schüler etwa ein Drittel der Unterrichtsinhalte selbst erarbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Was heißt das konkret?

Bock: Bei einem dreistündigen Unterrichtsfach gibt es zum Beispiel zwei Stunden klassischen Unterricht in der Lerngruppe und in der restlichen Zeit bearbeiten die Schüler in eigener Regie Lernaufträge. In der Dalton-Stunde können sich die Schüler die Arbeitsweise, das Fach und die Lernpartner komplett frei aussuchen. Sie lesen in Schulbüchern, recherchieren im Internet, beratschlagen sich mit Mitschülern oder fragen verschiedene Lehrer. So führen nicht die Lehrer durch ihre Fragen zu den Lerninhalten, sondern die Schüler erfragen sich den Stoff selbst.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt ein bisschen wie Hausaufgabenbetreuung.

Bock: Das ist etwas völlig anderes! Hausaufgaben sollen ja erlernten Stoff durch Übung festigen. Hier geht es um eine Kernkompetenz: Die Schüler erschließen sich Inhalte selbst. Und es ist eine Binsenweisheit, dass man das, was man sich selbst erarbeitet hat, länger behält. Die Schüler erfahren dabei, welche Lernstrategien für sie persönlich am besten funktionieren. Schließlich müssen sie am Ende in den Prüfungen das Wissen parat haben und anwenden können. Außerdem lernen sie, sich selbst und ihre Arbeitsweise effizient zu organisieren.

SPIEGEL ONLINE: In der Oberstufe kommen sie nun mit der Gleitzeit den Schülern entgegen, die sich die Zeit nicht so gut einteilen können.

Bock: Natürlich freuen sich Langschläfer darüber, aber mit Schwächen bei der Zeiteinteilung hat das nichts zu tun. Es ist Stand der Wissenschaft, dass sich während der Pubertät bei Jugendlichen hormonell bedingt die innere Uhr um bis zu zwei Stunden in Richtung des Morgens verschiebt. Das frühe Aufstehen hat zur Folge, dass die für das Behalten und das Verknüpfen von Inhalten so wichtige letzte REM-Schlafphase oft einfach ausfällt. So, wie Schule traditionell organisiert wird, kann man darauf praktisch keine Rücksicht nehmen. Dank des Dalton-Modells können wir in Alsdorf das nun aber doch.

SPIEGEL ONLINE: Wie wirkt sich die Gleitzeit aus?

Bock: Wir testen den flexiblen Tageseinstieg seit dem 1. Februar, und der Eindruck im Unterrichtsalltag ist sehr positiv. Der Münchner Chronobiologe Till Roenneberg hat unser Projekt in seine Forschung integriert. Die ersten Untersuchungen wurden nach einer zehnwöchigen Laufzeit abgeschlossen und werden nun evaluiert, dann wissen wir mehr.

SPIEGEL ONLINE: Steht auch das Dalton-Modell bei Ihnen auf dem Prüfstand?

Bock: Überhaupt nicht. Wir unterrichten seit zehn Jahren im Sinne der Dalton-Pädagogik. Und da sind wir sehr erfolgreich. Wir fragen die Eltern regelmäßig, ob ihre Kinder damit zurechtkommen und ob sie wieder unsere Schule wählen würden. Beide Fragen werden zu über 95 Prozent mit Ja beantwortet.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 161 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Max Super-Powers 18.03.2016
1.
Seit Jahrzehnten funktionierte das dreigliedrige deutsche Schulsystem perfekt, brachte Wissenschaftler und Geistegrößen von Weltrang hervor und gleichzeitig auch abertausende Handwerker, die dieses Land aufbauten. Seit ca 15 Jahren soll alles daran falsch gewesen sein. Erst wurde die Hauptschule de facto aufgegeben, dann kamen diese Experimente, nun jene. Gleitzeit für Schüler ist ein weiterer dieser - in meinen Augen - spinnerten Versuche, der nur in einer Verschlimmbesserung enden wird.
astsaft 18.03.2016
2. Ein Hoch auf diese Schule!
Endlich akzeptiert eine Schule die biologischen Bedürfnisse ihrer Schüler! Danke! Das Problem ist seit zig Jahren/Jahrzehnten bekannt und endlich wird es in ein brauchbares Konzept umgesetzt. Ein absolutes Vorbild für alle weiteren Schulen!
derderdermerkelnichtglaub 18.03.2016
3. Lehrermangel
Lehrermangel kann auch so kaschiert werden. Der Ansatz ist jedoch gut. Selbständiges Denken war zu meiner Schulzeit weder erwünscht noch (gefühlt) erlaubt.
Awesomeness 18.03.2016
4. Selbst 9 ist noch zu früh
Meine ganze Schulzeit über habe ich mit dem frühen Schlafabbrüchen zu kämpfen gehabt. Und immer kamen dieselben "Ratschläge", von denen wir heute sicher wissen, dass sie dumm ist. Nummer eins was früher ins Bett zu geben. Frühmenschen, zu denen Lehrer und Beamte generell ja oft zählen, meinten auch wissen zu können, dass wir ja alle gar nicht müde seien, nur weil es laut war. Tatsächlich ist der Schulbeginn um 8 ein Ergebnis des Problems der Eltern, die Kinder möglichst "aus dem Weg" zu haben, um sich selbst pünktlich zur Arbeit zu bringen. Für Eulen wie mich eine schlimme Quälerei. So als würde man die Frühmenschen bis um 2 gewaltsam wach halten, auch wenn sie nach der Lindenstraße müde werden. Und in dem Zustand soll man optimiert lernen?
kascnik 18.03.2016
5. Späterer Beginn
Es ist generell ein Unding, Kinder und Jugendliche zu so früher Stunde in die Schule zu hetzen. Aber ich weiß schon, später ist nicht möglich, da dann Vater und Mutter nicht mehr zuhause sind. Deswegen ein längst überfälliger Schritt: Arbeitszeiten generell mit Gleizeit (damit das Pausenbrot zumindest von einem Elternteil in Ruhe gescmiert werden kann), Schule nicht vor 9Uhr!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.