Spätfolgen eines Amoklaufs "Ihr Leben kam völlig ins Wanken"

Der Amoklauf an einem Ansbacher Gymnasium war vor drei Jahren. Es gab Verletzte, aber niemand kam ums Leben, Sarah selbst wurde nicht einmal bedroht. Und trotzdem ist die 14-Jährige traumatisiert - wie viele Zeugen von Gewaltverbrechen: Immer wieder quälen sie abgrundtiefe Ängste.

Von Frauke König


Immer im September, wenn die Sommerferien zu Ende sind, ist in Sarahs Kopf alles wieder da: das Schrillen des Feueralarms gegen Ende der ersten Stunde, Schüler und Lehrer, die schreiend aus dem Schulgebäude flüchten, das Rattern der Hubschrauber, die über ihrer Ansbacher Schule kreisen.

Am 17. September vor drei Jahren betrat der damals 18-jährige Georg R. mit Messern, Molotow-Cocktails und einem Beil bewaffnet seine Schule, das Ansbacher Gymnasium Carolinum. Bei seinem Amoklauf trieb er zwei Schulklassen mit Brandsätzen aus ihren Zimmern und fiel im Flur mit der Axt über sie her. R. verletzte mehrere Menschen schwer, ehe ihn drei Schüsse aus einer Polizeiwaffe stoppten. Er überlebte und wurde im April 2010 wegen 47-fachen versuchten Mordes zu neun Jahren Jugendstrafe verurteilt und auf richterliche Anordnung in einer psychiatrischen Klinik untergebracht.

Sarah, heute 14, besuchte damals die sechste Klasse. Sie wurde nicht angegriffen, ihre Freunde wurden nicht verletzt, der Täter hat Sarah nicht bedroht, sie hat ihn nicht einmal gesehen. Und doch sagt Sarah: "Seit dem Tag hat sich alles verändert."

Sie spricht ernst, ihre Stimme klingt schwer. Ihre Gesichtszüge sind angespannt, was sie älter aussehen lässt, als sie ist. Sarah ist, was man ein unsichtbares Opfer nennen könnte. Ihre Familie verstand nur langsam, wie sehr sie sich durch den Amoklauf verändert hat. Wie bei anderen Gewalttaten in Schulen, interessierte die Öffentlichkeit in den Tagen danach vor allem der Täter: Wer ist Georg R., warum hat er das gemacht? Die Opfer sind meist zweitrangig und Kinder wie Sarah, die nicht mal in der Nähe des Amokläufers waren, interessieren überhaupt nicht. Nach ein paar Tagen verschwand das Thema ganz aus der Öffentlichkeit.

Drei Monate nach der Tat kamen die Alpträume

Am Carolinum machten sich Schüler, Eltern und Lehrer an die Aufarbeitung. "Alle waren schwer erschüttert", erinnert sich die Schulpsychologin Petra Lehmann. Sie wurde noch am Tag der Tat ans Carolinum gerufen und kümmerte sich mit einem Team ein knappes halbes Jahr lang um die psychologische Betreuung. Lehmann und ihre Kollegen halfen Lehrern, Eltern und Schülern in Einzelgesprächen, vermittelten Traumatherapeuten und Therapieplätze. "Vor allem in den ersten Monaten nach der Tat wurde unser Angebot stark genutzt", sagt sie.

Die Probleme der Betroffenen waren vor allem "akute Belastungsreaktionen" - Schlafstörungen, Alpträume und Konzentrationsschwierigkeiten. Auch wenn insgesamt nur zwei Schulklassen direkt vom Täter attackiert wurden, begaben sich in den vergangenen drei Jahren 102 Schüler in psychologische Betreuung, ermittelte die Kommunale Unfallversicherung Bayern. Ab Februar 2010 bekam das Carolinum einen eigenen Schulpsychologen, "als Ansprechpartner für Nachzügler", erklärt Lehmann. Der Grund: Bei einigen Schülern und Lehrern machten sich die Folgen des Amoklaufs erst viel später bemerkbar. So wie bei Sarah.

Als ein Freund ihrer Schwester wenige Tage nach der Tat von einem "Babyamoklauf" sprach, weil ja keiner gestorben war, fehlten Sarah die Worte, erinnert sie sich. Aber: "Am Anfang hat es mich gar nicht so bedrückt." Im Dezember dann, drei Monate nach der Tat, plagten sie auf einmal Alpträume. Sarah schwitzte und weinte im Schlaf. Fast jede Nacht hatte sie Angst, dass ein Amokläufer sie oder ihre Freunde attackieren könnte. Um den Träumen zu entgehen, hielt sie sich wach - sie malte, sie las, sie räumte auf. Irgendwann schlief sie nachts nur noch zwei Stunden. Tagsüber nickte sie vor Erschöpfung im Unterricht ein, ihre Noten wurden zum Halbjahreszeugnis hin immer schlechter.

Hilfe muss sein, auch wenn es zuerst nicht so aussieht

"Durch den Amoklauf kam ihr Leben völlig ins Wanken", sagt Sarahs Mutter. Früher habe sie stundenlang für sich gespielt, sei auch allein ins Schwimmbad oder Kino gegangen. Nach dem Amoklauf habe sie sich im Dunkeln nur noch mit Begleitung aus dem Haus getraut, sie habe nicht mehr bei Freunden übernachten wollen und darauf geachtet, immer Leute um sich zu haben. "In den ersten Monaten dachte ich, dass sich das alles wieder von selbst normalisiert", erzählt die Mutter. Stattdessen wurden die Probleme größer.

Wie Menschen auf ein traumatisches Erlebnis reagieren, sei ganz unterschiedlich, sagt Psychologin Lehmann. Einigen Betroffenen helfe es, sich körperlich zu verausgaben, andere verarbeiten ihre Erlebnisse in Bildern oder Gedichten. Gefährlich seien Fälle, in denen weder Eltern noch Psychologen erkennen, dass jemand Hilfe braucht. Wenn diese im Stillen Traumatisierten keine Unterstützung erfahren und nicht selbst eine Strategie entwickeln sich zu helfen, können lange nach einem Amoklauf psychische Probleme auftreten. Manchmal würden sich die Folgen erst im Erwachsenenalter bemerkbar machen. Wichtig sei ein Umfeld, das auch in der Folgezeit aufmerksam ist, wichtig sei auch, dass sich die Betroffenen professionelle Hilfe holen.

Sarah ging zum Psychologen, als ihre Alpträume im Frühjahr 2010 schlimmer wurden und ihre Angst, Freunde und Familie zu verlieren, zunahm. Die Termine hätten ihr gut getan, sagt sie heute. Trotzdem brach sie die Therapie nach ein paar Monaten wieder ab. "Ich hatte Angst, dass ich mir wieder nur Gedanken darüber mache und alles aufgeweckt wird", sagt sie, während sie auf ihre Hände schaut und den Nagellack von den Nägeln knibbelt.

Jede Amok-Nachricht weckt die Angst wieder auf

Im Sommer schien es Schritt für Schritt besser zu werden: Sarah fuhr mit ihrer Mutter ans Meer, sie ging das erste Mal allein ins Schwimmbad, und weil sie die sechste Klasse wiederholte, ließ der schulische Druck etwas nach. Sie verliebte sich und ging gerne und regelmäßig in den Schauspiel-, Gesang- und Tanzunterricht.

2011 wechselte sie an eine Realschule, die Noten wurden besser, die Nächte ruhiger. Doch auch wenn sich ihre Tochter heute im Dunkeln wieder allein auf die Straße traut und bei Freunden übernachtet, ist Sarahs Mutter nicht davon überzeugt, dass es Sarah dauerhaft gut geht. "Es gibt Phasen, in denen man denkt: Jetzt klappt es. Aber dann passiert etwas und alles fällt wieder in sich zusammen."

So wie vor ein paar Monaten, als in den Nachrichten über einen um sich schießenden Schüler in Memmingen berichtet wurde. "Da kommt alles noch mal hoch", sagt Sarah. In solchen Situationen möchte sie nicht allein sein und muss wissen, wann ihre Eltern wieder zu Hause sind, um sicher zu sein, dass alles in Ordnung ist.

Und dann ist da der Monat September, in dem sich die Tat an ihrem ehemaligen Gymnasium jährt: Sarah werde dann immer unruhig und traurig und schleiche nervös durch die Wohnung, sagt ihre Mutter. Hat Sarah also nur gelernt, mit der Amok-Angst zu leben? Oder hat sie die Tat nach drei Jahren wirklich verarbeitet? Sie überlegt und antwortet dann: "Ich lebe damit. Bei dem anderen bin ich mir nicht so sicher."

insgesamt 16 Beiträge
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fatherted98 20.09.2012
1. Leider...
...wird viel zu selten über die Opfer berichtet....nur der Täter interessiert die Justiz/Medien/Bevölkerung...die Opfer bleiben meist, nur kurz beachtet, in Isolation und tragen ihr Leben lang an den Folgen. Das deutsche Strafgesetz sollte den Opferschutz und die den Opferausgleich viel mehr berücksichtigen...aber daran ist wohl nicht zu denken, kann man den armen Tätern ja nicht zumuten.
Wunderläufer 20.09.2012
2. Verkehrte Welt
In Deutschland wird viel Aufhebens über Täter gemacht: kaputte Kindheit, kaputte Familie, resozialisierung und blabla, Und die Opfer? Die müssen selbst klar kommen. Ob nach einem Amoklauf, oder einem bewaffneten Überfall etc. davor verschließen dann die die Öffentlichkeit suchenden Gutmenschen konsequent die Augen
mocalypse 20.09.2012
3. optional
Den Opfern wird auch teilweise gleich nachdem der Amokläufer gefasst wurde eine Fernsehkamera ins Gesicht gehalten. Das Verständnis für sie ist nicht vorhanden, solange man eine Schlagzeile wittert.
karen-hardy 20.09.2012
4. es dauert lange
Ich hoffe Sarah kriegt die Unterstuetzung die sie braucht. Es ist ein langer Prozess und man lernt nur damit umzugehen, aber verarbeiten kann man es nicht. Einfach weil man es nicht verstehen kann. Ich war 2007 in Virginia als ein Amoklaeufer 33 Menschen toetete, darunter auch Freunde von mir. Bis heute kaempfe ich damit. Bei jedem anderen Amoklauf, kommen die alten Bilder wieder. Es ist nicht leicht damit umzugehen. Ich habe zum Glueck verstaendnisvolle Freunde, die mir helfen und zuhoeren, wenn ich es brauche. Das ist oft nicht mal ein langes Gespraech. Aber die Worte muessen raus. Ich hoffe Sarah hat so ein Umfeld.
MadameY 20.09.2012
5. Immer das gleiche
Stimme meinen beiden Vorrednern vollkommen zu. Ich stamme selbst aus Ansbach und erinnere mich noch gut an den Tag, als meine Mutter weinend in mein Zimmer kam, da man zunächst noch nicht wusste, um welches Gymnasium es sich handelte- meine Schwester ging auf auf einem der Gymnasien zur Schule. Aber wie heißt es so schön? Wenn du in Deutschland deine Frau umbringst, jemanden in der U-Bahn krankenhausreif schlägst, im Kaufhaus klaust etc. reicht eine "schwierige Kindheit" mit verkorksten Eltern, ein paar Drogenproblemchen und Co. und man kommt oft noch mit einer Bewährungsstrafe davon! Wenn du aber nicht pünktlich deine Steuern zahlst und falsch parkst, ist von Gnade und lockerer Hand nicht mehr viel zu spüren!
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