Analphabetismus in Deutschland "Es ist keine individuelle Schuld oder Dummheit"

Sie hat noch nie ein Buch oder einen Brief gelesen, die theoretische Führerscheinprüfung will sie mündlich machen: Jennifer Rischer, 20, kann nur sehr schlecht lesen und schreiben. Sie ist eine von Millionen Analphabeten in Deutschland, für sie alle ist der Alltag ein ständiger Kampf.  

Jennifer Rischer: "Leute, die nicht damit klarkommen, sollen halt wieder gehen"
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Jennifer Rischer: "Leute, die nicht damit klarkommen, sollen halt wieder gehen"

Von Carolin Jenkner


Wenn Jennifer Rischer mit dem Zug fahren will, lernt sie Uhrzeit und Gleis auswendig. Und sollte sie die Daten vergessen, guckt sie nicht auf den Fahrplan. Sie fragt auch niemanden nach dem Gleis. Lieber ruft sie zu Hause an.

Jennifer ist 20 Jahre alt, hat den Hauptschulabschluss und eine abgeschlossene Berufsausbildung als Einzelhandelskauffrau in der Tasche. All das hat sie geschafft, doch Lesen und Schreiben fällt ihr so schwer, dass das alltägliche Leben für sie manchmal nur schwer zu bewältigen ist.

Vor Fremden ist ihr die Schwäche unangenehm, dabei ist sie als Analphabetin nicht Teil einer kleinen Minderheit: Auf vier Millionen schätzte man bis vor kurzem noch die Zahl der sogenannten funktionalen Analphabeten. Gemeint sind Personen, die zwar Sätze lesen und auch schreiben können, aber keine zusammenhängenden Texte verstehen.

"Das Bildungsniveau der Eltern ist ausschlaggebend"

Die Universität Hamburg hat vor kurzem das Ergebnis der ersten empirischen Studie zum Thema vorgestellt: Von allen in Deutschland lebenden Personen zwischen 18 und 64 Jahren sind rund 7,5 Millionen funktionale Analphabeten.

Die Zahl ist erschütternd. Monika Tröster forscht am Deutschen Institut für Erwachsenenbildung im Bereich Alphabetisierung. Sie stellt als erstes klar: "Es ist keine individuelle Schuld oder Dummheit." Zum einen können die Ursachen in der Familie liegen: "Wenn in der Familie nicht vorgelesen, kaum geschrieben und nur wenig kommuniziert wird, fehlt den Kindern die Vorbilderfahrung." Auch soziale Probleme innerhalb der Familie und mangelnde Unterstützung beim Lesen- und Schreibenlernen könnten eine Ursache sein.

Die Kinder entwickelten dadurch oft ein negatives Selbstbild und hätten kein Zutrauen in ihre Fähigkeiten, was sich wiederum in Entmutigung und Resignation niederschlagen könne. Manchmal liegen aber auch gesundheitliche Schwierigkeiten vor, zum Beispiel Seh- oder Hörprobleme, die nicht rechtzeitig erkannt werden.

Der Bundesverband Alphabetisierung macht das deutsche Bildungssystem für die hohe Zahl an Analphabeten verantwortlich: "Das Bildungsniveau der Eltern ist in Deutschland immer noch ausschlaggebend für den Lernerfolg der Kinder", sagt Peter Hubertus, Geschäftsführer des Verbandes. Aber er räumt auch ein: "Es gab schon immer Menschen mit sehr geringen Lese- und Schreibkenntnissen. Nur war das früher weniger problematisch: Es gab auch für diese Leute immer eine Arbeit." Doch in der Dienstleistungsgesellschaft werden die Nischen rarer, in denen man ohne gute Lese- und Schreibfähigkeiten einen Platz finden könnte.

Die Angst in der Schule, vorlesen zu müssen

Das hat auch Jennifer schon erfahren müssen. Sie sitzt in einem Café im westfälischen Rheda-Wiedenbrück und nippt an einer heißen Schokolade. Ihre blondgefärbten, kinnlangen Haare trägt sie offen, ihre Augen unter der lilafarbenen Brille sehen müde aus. Sie hat eine anstrengende Arbeitswoche hinter sich: Schichtdienst bei einem Delikatessenhersteller. Sie packt getrocknete Tomaten und Oliven in Gläser. Eine Fließbandarbeit, die hart ist, aber Jennifer Spaß macht.

"Ich wollte immer arbeiten, so wie meine älteren Geschwister es mir vorgelebt haben", sagt sie. Sie versteht es, sich gut und präzise auszudrücken. Das eigene Geld ist ihr wichtig. Es ist nicht viel, aber weil sie im Haus der Mutter eine eigene Wohnung hat, reicht es zum Leben, manchmal sogar dazu, ihre Nichten und Neffen zu unterstützen.

Jennifers Augen sind mit Stolz erfüllt, wenn sie das erzählt. Sie hat sich etwas erarbeitet, auch wenn es anstrengend war. "Schon in der Grundschule habe ich gemerkt, dass mir Lesen und Schreiben total schwer fällt", erzählt sie. Es sei anders gewesen als bei ihren Geschwistern und Mitschülern. Den Grund kann sie nicht genau benennen. In der Grundschule hatte sie ständig Angst, dass sie beim Vorlesen drankommen würde.

In der vierten Klasse wechselte sie auf eine Förderschule. Hier fühlte sie sich viel wohler. Ihre ehemalige Lehrerin Beate Hattermann erinnert sich an eine fleißige Schülerin: "Jennifer hat sich immer sehr bemüht, sie war engagiert und motiviert." In Jennifers Akte finden sich Begriffe wie "schwacher Wortschatz" und "Dysgrammatismus", eine Ursachenforschung für die Probleme hat es aber nie gegeben.

"Wenn bei einer mangelnden Sprachbegabung die Frühförderung fehlt, dann kommt man später über ein bestimmtes Niveau nicht mehr hinaus", sagt Beate Hattermann.

Trotzdem war für Jennifer immer klar, dass sie ihren Abschluss und eine Ausbildung machen will. Und auch bei Beate Hattermann ist haften geblieben: Jennifer ist ehrgeizig. Für Prüfungen lernte sie oft den ganzen Stoff auswendig. Wenn sie in Mathe eine Textaufgabe nicht verstand, fragte sie nach. Sie schaffte ihren Hauptschulabschluss, was umso bemerkenswerter ist, wenn man weiß, dass drei Viertel der Jugendlichen die Förderschule ohne Abschluss verlassen. Jennifer startete eine zweijährige Ausbildung als Einzelhandelskauffrau in einer Zoohandlung.

Ihr Ausbildungsbetrieb wusste von den Schwierigkeiten und nahm Rücksicht. Und wie so oft lernte Jennifer - typisch für funktionale Analphabeten - auch hier viel auswendig: Wenn gerade kein Kunde in der Nähe war, las sie sich die Inhaltsstoffe der unterschiedlichen Tierfuttermittel durch und prägte sie sich ein, um die Kunden beraten zu können.

Dass sie eines Tages richtig gut lesen und schreiben kann, glaubt Jennifer nicht

Nach der Ausbildung jobbte sie zunächst als Packerin in einem Supermarkt. Aber schon bald flatterte die Kündigung ins Haus, "weil die nicht damit klar gekommen sind, dass ich länger brauche, um zu lesen, was auf den Packungen steht", erzählt Jennifer. Ein frustrierendes Erlebnis, aber Jennifer gab nicht auf. Über eine Zeitarbeitsfirma bekam sie den Job in der Delikatessenfabrik und hat nun die Chance auf eine Festanstellung.

Erst aber muss sie noch eine große Hürde nehmen: Ihr Arbeitgeber verlangt den Führerschein, und auch Jennifers großer Wunsch ist es, endlich Autofahren zu dürfen. Seit zwei Jahren büffelt sie für die Theorieprüfung. Alle Fragebögen lernt sie auswendig, stundenlang liest sie die Fragen durch und versucht, sie sich einzuprägen. Manchmal liest ihr auch jemand vor. Die Prüfung wird Jennifer mündlich machen. "Schreiben würde ich nicht hinkriegen", sagt sie.

Mittlerweile hat sie sich von 30 auf 14 Fehlerpunkte verbessert. Und dieses Jahr will sie die Prüfung schaffen. Die ersten drei Fahrstunden hat sie hinter sich: Die Praxis fällt ihr leichter als die Theorie.

Jennifer ist glücklich. Sie hat einen Job und eine Familie, die sie unterstützt. Wenn sie eine SMS nicht versteht, fragt sie ihre Schwester. Ihre Freunde akzeptieren ihr Problem, und das macht sie selbstbewusst: "Leute, die nicht damit klarkommen, sollen halt wieder gehen", sagt sie. Trotzdem: Dass sie eines Tages richtig gut lesen und schreiben kann, daran glaubt Jennifer nicht. Sie weiß, dass sie an einer Volkshochschule Lese- und Schreibkurse besuchen könnte - mit guter Aussicht auf Erfolg. Aber bei einer 60-Stunden-Arbeitswoche, Fahrstunden und Freunden bleibt ihr im Moment einfach keine Zeit dafür.

Zukunftspläne schmiedet sie dennoch: Einen Mann und Kinder will sie haben und unbedingt weiter arbeiten. Aber in ihre Träume mischen sich auch Ängste: "Später wird es blöd sein, wenn ich meinen Kindern was beibringen will und denen sagen muss, dass ich selbst nicht gut lesen und schreiben kann." Eines wird sie ihren Kindern aber auf jeden Fall vorleben können: Es lohnt sich zu kämpfen.



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Seite 1
eternalorakel 25.03.2011
1. So gewollt!
Zitat von sysopSie hat noch nie ein Buch oder einen Brief gelesen,*die theoretische Führerscheinprüfung will sie mündlich machen: Ina Rauscher, 20, kann nur sehr schlecht lesen und schreiben. Sie ist eine*von Millionen*Analphabeten in Deutschland, für sie alle ist der Alltag ein ständiger Kampf.** http://www.spiegel.de/schulspiegel/leben/0,1518,748619,00.html
Das hat weniger mit Personen bzw. Individuen an sich zu tun sondern mit der von den Regierenden festgelegten BIldungs- und Schulpolitik. Das langfristige Ziel ist: Die Menschen dürfen nur das lernen, was von der Machtelite erlaubt und zugelassen ist. So kann man die Masse ja auch viel besser im Griff behalten. Es dauert nun seit Jahrtausenden bereits an: Bewußte Manipulation und Täuschung der Geschichte bzW. des Wissens und somit der BEvölkerung.
Peter Gurt 25.03.2011
2. Hauptschulabschluss?
Bitte? Wie kann jemand einen Hauptschulabschluss machen, ohne lesen und schreiben zu können?
Bre-Men, 25.03.2011
3. Natürlich Dummheit
Zitat von sysopSie hat noch nie ein Buch oder einen Brief gelesen,*die theoretische Führerscheinprüfung will sie mündlich machen: Ina Rauscher, 20, kann nur sehr schlecht lesen und schreiben. Sie ist eine*von Millionen*Analphabeten in Deutschland, für sie alle ist der Alltag ein ständiger Kampf.** http://www.spiegel.de/schulspiegel/leben/0,1518,748619,00.html
Die deutsche Bildungspolitik, von 17 Vollpfosten verantwortet, ist die größte Dummheit, die sich ein Staat leisten kann, wenn er angeblich von der guten Bildung seiner Bevölkerung lebt.
archie, 25.03.2011
4. Antwort
Ich kapier das nicht: Analphabet und lesen lernen hat nicht Priorität in der "60-Stunden-Woche" eine 20jährigen? Erst Autofahren lernen und mit Freunden abhängen, bevor man lesen lernt? Es ist keine individuelle Schuld oder Dummheit, sondern die Gesellschaft ist Schuld?
SilverTi 25.03.2011
5. Wahnsinn
Ist ja schonmal Wahnsinn, wie jemand einen Hauptschulabschluss erreichen kann, OHNE lesen und schreiben zu können - da könnten sich manche Schüler mal ein Scheibchen von abschneiden ;) Allerdings frage ich mich, wie die schlechten schulischen Leistungen im Bereich Lesen/Schreiben dieser Frau überhaupt unbemerkt an den Lehrern vorbei gehen konnten?! Und warum um alles in der Welt ist sie glücklich damit, nicht bzw. kaum lesen und schreiben zu können, wenn so gut wie ALLES in der Welt darauf ausgebaut, genau dieses zu können?
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