Angebliche Allergie Eltern verklagen US-Schule wegen WLAN

Eine Schule in Massachusetts richtet ein neues WLAN ein. Bald darauf klagt ein Junge über Kopfweh, Schwindel und Übelkeit. Für die Eltern ist klar: Die Strahlen sind schuld. Experten sind jedoch skeptisch.

Drahtloses Internet in der Schule (Symbolfoto): Viele freuen sich, manche entwickeln seltsame Symptome
Getty Images

Drahtloses Internet in der Schule (Symbolfoto): Viele freuen sich, manche entwickeln seltsame Symptome


Eines Tages im Frühjahr 2013 kam ein Junge im US-Bundesstaat Massachusetts mit merkwürdigen Symptomen von der Schule nach Hause: Er hatte Kopfweh, seine Haut juckte und bildete Ausschläge. Die Beschwerden verschlimmerten sich. Bald darauf klagte der Junge auch über Nasenbluten, Schwindel, Herzrasen und Übelkeit. Merkwürdigerweise traten die Symptome immer nur in der Schule auf, nachmittags zu Hause oder an den Wochenenden verschwanden sie.

Worunter litt der Schüler? Ärzte konnten nichts feststellen, und so recherchierten die Eltern selbst. Die Symptome, stellten sie fest, traten auf, nachdem die Schule ein stärkeres WLAN installiert hatte. Der Junge leide unter einer Elektrosensibilität, schlussfolgerte die Mutter - und verklagte die Schule, wie die US-Website "The Daily Beast" berichtet. Es ist demnach der erste Prozess dieser Art in den USA. Ein Urteil steht noch aus.

Kaum wissenschaftliche Belege

Immer wieder klagen Menschen darüber, dass elektromagnetische Strahlen sie krank machen würden. Im August hatte ein französisches Gericht einer ehemaligen Radiojournalistin, die wegen ihrer vermeintlichen Elektrosensibilität zurückgezogen in den Bergen lebt, erstmals staatliche Hilfe wegen Behinderung zugesprochen. Im vergangenen Herbst hatte eine Gruppe von Ärzten, die sich mit alternativen Heilmethoden befassen, in einem offenen Brief vor dem Einsatz von WLAN an Schulen in Baden-Württemberg gewarnt. Die Strahlung könne zu Hyperaktivität und sogar zu Krebs führen, behaupten die Mediziner des "Ärztearbeitskreis Digitale Medien Stuttgart".

Tatsächlich ist allerdings umstritten, ob die Strahlen von Handys, Fernsehgeräten oder Routern den Menschen schaden können. Laut der Weltgesundheitsorganisation ist ein Zusammenhang zwischen den Symptomen und elektromagnetischer Strahlung nicht wissenschaftlich bewiesen. In Deutschland hat die Strahlenschutzkommission in einer Stellungnahme 2008 festgehalten, "dass 'Elektrosensibilität' mit großer Wahrscheinlichkeit nicht existiert."

Aber woher kommen die Symptome, unter denen der US-Schüler und auch andere leiden? In einem Beitrag für den "Guardian" schrieben die Londoner Psychologen James Rubin und Simon Wesseley kürzlich, dass die Beschwerden der vermeintlich Elektrosensiblen wohl auf den sogenannten Nocebo-Effekt zurückzuführen seien.

Dabei handelt es sich um das Pendant zum Placebo-Effekt, mit dem in der Medizin das Phänomen bezeichnet wird, dass Patienten sich selbst dann besser fühlen, wenn sie ein Scheinmedikament ohne Wirkstoff verabreicht bekommen. Beim Nocebo-Effekt ist es ähnlich: Allein der Glaube daran, einer potenziellen Gefahr ausgesetzt zu sein, kann dazu führen, dass Krankheitssymptome auftreten. Die Beschwerden sind real - mit der elektromagnetischen Strahlung dürften sie aber nichts zu tun haben.

Der Leiter der verklagten Schule im US-Bundesstaat Massachusetts hat sich in einem Statement auf der Homepage der Schule geäußert. Man nehme die Sorge vor der Strahlenbelastung ernst. Im Januar habe man daher das Gebäude von einem Gutachter, den die Eltern des Jungen empfohlen hatten, untersuchen lassen. Das Ergebnis: Die elektromagnetische Strahlenbelastung liege weit unterhalb des von der Regierung gesetzten Grenzwertes.

bkr



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