Angst vor dem eigenen Gesicht Jetzt bloß nicht rot werden

Schule war für Daniel der absolute Horror. Denn der heute 22-Jährige leidet unter Errötungsangst - einer psychischen Erkrankung, die sich bei vielen in der Pubertät bemerkbar macht. Daniel hatte Panik, dass die anderen etwas merken. Daher schwänzte er und nahm Drogen.

Von Andrea Peus


Daniel List*, 22, ist ein lässiger Typ. Attraktiv, aufgeschlossen, kontaktfreudig. Er könnte mit sich zufrieden sein – würde er nicht ständig rot werden. Das kann peinlich sein. Doch bei Daniel ist es mehr. Bereits die Angst vor dem Erröten ist für ihn "der pure Horror".

Hoffentlich sieht mich keiner: Menschen, die schnell erröten, haben Angst, ausgelacht zu werden

Hoffentlich sieht mich keiner: Menschen, die schnell erröten, haben Angst, ausgelacht zu werden

Was auch viele seiner Freunde bis heute nicht wissen: Daniel leidet unter der psychischen Erkrankung Erythrophobie (von griechisch erythros = erröten und phobie = krankhafte Furcht).

"Es ging los, als ich 13 Jahre alt war", sagt Daniel. Während eines Familienurlaubs wurde ihm immer wieder heiß. Als eine Freundin ihn darauf ansprach, war er mit der Situation völlig überfordert. Von da an hatte er ständig das Gefühl, beobachtet und bloßgestellt zu werden. Denn wer rot wird, gilt als schüchtern oder verklemmt - und genau das wollte Daniel vermeiden. "Damit konnte ich einfach nicht umgehen", sagt er. Es dauerte nicht lange und die Angst vor möglichen Peinlichkeiten bestimmte seinen kompletten Schulalltag. Daniel zog sich zurück, meldete sich kaum noch, schwänzte Referate.

Er versuchte, die Röte so gut wie möglich zu kaschieren. Im Unterricht bevorzugte er dunkle Ecken, vergrub den heißen Kopf immer wieder im Rucksack. Er tat so, als würde er etwas suchen oder schnäuzte sich ausgiebig die Nase. Bald verließ Daniel nur noch mit Kappe das Haus. "Wenn ich den Schirm tief ins Gesicht zog, fühlte ich mich sicherer", sagt er. Die Kappe ist bis heute Daniels kleinen Markenzeichen.

Adern, die dicht unter der Haut liegen

Der 22-Jährige ist nicht der einzige, der an Erythrophobie leidet. "Die Angst vor dem Erröten gehört zu den sozialen Phobien", sagt Samia Chaker, Leiterin eines Projektes zur Erforschung von Grundlagen und Therapie der Errötungsangst am Institut für Klinische Psychologie und Psychotherapie der TU Dresden. "Man schätzt, dass etwa drei bis 13 Prozent der Gesamtbevölkerung von sozialen Phobien betroffen sind", so die Psychologin. Nach Depressionen und Süchten seien soziale Phobien die dritthäufigste psychische Störung.

Zwar weiß man noch nicht, wie viele Menschen von der Erythrophobie betroffen sind - doch es scheinen mehr zu sein als bisher angenommen wurde. Nach Angaben von Carsten Dieme, dem Gründer des Internetforums zur Erythrophobie , tauschen sich täglich allein über 100 Betroffene auf seiner Internetseite aus. Die Störung kann jeder bekommen. Die Ursachen sind jedoch noch nicht genau geklärt. Man vermutet, dass es sich um eine Kombination verschiedener Faktoren handelt, beeinflusst von Genetik, Erziehung und Umwelt.

Dabei ist "das Erröten an sich zunächst nicht dramatisch", sagt Chaker. "Die Adern erweitern sich und lassen mehr Blut durch." Das soll bei Hitze oder Stress für einen Temperaturausgleich sorgen. Chaker: "Im Gesicht sieht man das besonders gut, da die Adern dicht unter der Hautoberfläche liegen." Warum die Menschen aber auch bei Verlegenheit, Freude oder Ärger erröten, ist noch nicht geklärt. Fest steht: Scham, Angst und Panik können die Errötungsfrequenz steigern - und ehe sich die Betroffenen versehen, befinden sie sich in einem Teufelskreis, der sie manchmal zu Verzweiflung und Isolation treibt.

Bei Minusgraden im T-Shirt unterwegs

Auch Daniels Situation spitzte sich schnell zu. Er musste die neunte Klasse wiederholen, wechselte die Schule. Er probierte Drogen. Sein Versteckspiel wurde immer absurder. Selbst bei Minusgraden trug er nur ein T-Shirt. "Ich habe am ganzen Körper gezittert, aber das hat mich abgelenkt." Einmal, im Sommer, legte er sich aus Angst vor einem Referat den ganzen Tag in die Sonne. "Das hat richtig geschmerzt", sagt er. Am nächsten Tag musste er mit Brandblasen zum Arzt, das Referat wurde verschoben.

Irgendwann wurden selbst Busfahren und Einkaufen für Daniel zur Qual. Ständig stellte er sich die Frage: "Wenn ich jetzt rot werde... - was denken die anderen?". Nur zu gut konnte er sich an einen Vorfall im Ferienlager erinnern. Irgendetwas war kaputt gegangen. "Wir saßen zusammen am Tisch, als der Leiter meinte, derjenige, der das getan habe, solle sich doch bitte melden. Ich dachte in dem Moment nur: 'Jetzt bloß nicht rot werden!' Doch genau das passierte. Zum Glück hat's niemand bemerkt."

Dass er wegen seiner roten Birne weder gehänselt noch ausgegrenzt wurde, wundert Daniel noch heute. "Neulich habe ich das einer alten Schulfreundin erzählt. Der ist nie etwas aufgefallen", sagt er ungläubig.

Samia Chaker überrascht das nicht: "Viele haben das Gefühl, einen heißen Kopf zu bekommen, werden aber gar nicht unbedingt jedes Mal sichtbar rot." Hinzu kommt, dass die von Angst und Scham Geplagten sich zu Fehlinterpretationen hinreißen lassen. Sie nehmen sich und ihr Umfeld häufig nur noch verzerrt wahr.

"Plötzlich verstand ich, was mit mir los war"

So ist Daniel davon überzeugt, dass er als Teenager "völlig in sich gekehrt und verschlossen" war. Dabei fühlte er sich nie ausgeschlossen, hatte Freunde und mit 17 auch eine Freundin. Er musste sie nicht einmal ansprechen: "Das hätte ich auch nie geschafft." Sie kam zu ihm. Kurz vor dem Abitur merkte er, dass er Hilfe brauchte. "Bis dahin hatte ich immer gehofft, dass sich das Problem von alleine löst." Er recherchierte im Internet und traf auf Leidensgenossen. "Das war die Wende. Plötzlich verstand ich, was mit mir los war". Daniel machte eine Therapie, nahm Medikamente.

Inzwischen hat er gelernt, mit der Angst vor dem Erröten umzugehen. Rot wird er immer noch - aber nicht mehr so häufig, denn er fürchtet sich nicht mehr davor.

Daniel hatte Glück. Unbehandelt könne die Krankheit mit deutlich dramatischeren Einschränkungen einhergehen, sagt Samia Chaker. Manche Betroffene verpassen Schulabschlüsse und Aufstiegschancen, igeln sich ein - und entwickeln eine Depression oder andere Angststörungen. Chaker empfiehlt deshalb, sich nicht zu verstecken, sondern nach Informationen zu suchen, Vertrauenspersonen einzuweihen und auch über eine Therapie nachzudenken.

Daniel hat das alles hinter sich. Doch wirklich abgeschlossen hat er mit dem Thema noch nicht. Auf den Schrecken folgte die Faszination. Heute studiert der 22-Jährige im zweiten Semester Psychologie - und wird sich irgendwann beruflich mit sozialen Phobien beschäftigen.

* Name wurde von der Redaktion geändert



Forum - Späterer Schulanfang - bessere Leistung?
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Seite 1
PM1973, 15.08.2006
1. Alles nur Anstellerei!
Bisher hat sich der Schulanfang nie nach den Schülern gerichtet, ob sie gerne lange schlafen möchten oder nicht. Ist ein Problem der heutigen Zeit. Wenn die Kinder abends lange vor der Glotze herumhängen, dann aufgedreht sind und nicht einschlafen können braucht man sich nicht zu wundern, dass sie morgens nicht aus den Federn und müde in die Schule kommen. Insofern ist ein später Schulanfang gar nicht nötig sondern eher ein verminderter Fernsehkonsum. Desweiteren: Später auf der Arbeit wird man auch nicht gefragt, ob man denn gerne ausschlafen möchte oder nicht. Wenn der Chef den Arbeitsbeginn auf 7 Uhr festlegt oder früher muss man sich auch danach richten.
La Bomba 15.08.2006
2. Endlich kann ich selbst bestimmen!
Ich habe den frühen Schulanfang immer gehaßt, ich war zum Schulbeginn nie ausgeschlafen, weiß heute noch nicht, warum die Schule mitten in der Nacht anfängt. Heute bin ich zum Glück selbständig, und kann selbst bestimmen, wann ich anfange zu arbeiten. Vor 10 bin ich selten im Büro. Dafür arbeite ich, wenns sein muß, aber auch bis abends um 10. Der spätere Arbeitsanfang wird von den meisten Leuten auch akzeptiert, die wenigsten fangen heute noch um 8 Uhr an. Warten wir noch 20 Jahre, dann kommt die Zeitverschiebung auch in den Schulen an.
geolina, 15.08.2006
3.
aus meiner praxis als lehrerin weiss ich, dass kinder, die tatsächlich mit dem schulstart um 8 probleme haben sehr dünn gesäht sind. oft sind die ersten 2 stunden sogar am produktivsten, weil die kinder dann noch ausgeruht und aufnahmebereit sind. also können sich kinder anscheinend an die anfangszeit von 8 uhr gewöhnen. (wobei ich der untersuchung auf keinen fall widersprechen möchte, aber so neu sind die erkenntnisse ja nun auch nicht, schon im bioleistungskurs hat uns unser biolehrer gesagt, dass man, wollte man die schule am biorythmus der schüler ausrichten, später anfangen müsste - etwas was wir damals stark unterstützten *lach*) was man bei dieser diskussion allerdings nicht vergessen sollte ich folgender punkt: wenn die schulanfangszeiten geändert werden wäre es vielen eltern nicht mehr möglich mit ihren kindern aufzustehen, mit ihnen zu frühstücken und sie dann in die schule, zum bus, usw. zu bringen. und soll es kindern tatsächlich (noch häufiger als es heute schon der fall ist) zugemutet zu werden schon als gundschulkinder alleine aufzustehen, sich selber das frühstück zu machen und dann rechtzeitig zur schule aufzubrechen? ehrlich, ich finde da würde man die kinder noch viel mehr überfordern. mit freundlichen grüßen
MikeTee, 15.08.2006
4.
---Zitat von PM1973--- Bisher hat sich der Schulanfang nie nach den Schülern gerichtet, ob sie gerne lange schlafen möchten oder nicht. Ist ein Problem der heutigen Zeit. Wenn die Kinder abends lange vor der Glotze herumhängen, dann aufgedreht sind und nicht einschlafen können braucht man sich nicht zu wundern, dass sie morgens nicht aus den Federn und müde in die Schule kommen. Insofern ist ein später Schulanfang gar nicht nötig sondern eher ein verminderter Fernsehkonsum. ---Zitatende--- Wer lesen kann, ist klar im Vorteil. Oder ist es dazu noch zu früh? Was sollen dumme Pauschalisierungen über fernsehabhängige Jugendliche? Auch zu meiner Schulzeit mit ihren drei öffentlich-rechtlichen Programmen waren viele Schüler morgens nicht aufnahmefähig. Der Bericht schildert in einfachen Worten die nicht mehr so neue wissenschaftliche Erkenntnis, daß sich in der Pubertät die innere Uhr verschiebt. ---Zitat von PM1973--- Desweiteren: Später auf der Arbeit wird man auch nicht gefragt, ob man denn gerne ausschlafen möchte oder nicht. Wenn der Chef den Arbeitsbeginn auf 7 Uhr festlegt oder früher muss man sich auch danach richten. ---Zitatende--- Desweiteren: In fast allen Berufen, in denen Kreativität und Know-How gefragt sind, gibt es Gleitzeit. Meine Kollegen erscheinen zwischen 7 und 11 Uhr. Wenn man körperlich arbeitet, mag frühes Aufstehen weniger schlimm sein, da die Bewegung eher wach macht. Geistige Höchstleistungen werden dabei aber meistens nicht verlangt. Die meisten Abiturienten werden sich folglich in ihrem späteren Berufsleben bzgl. ihres Arbeitsbeginns nicht nach ihrem Chef richten müssen. In meinem Freundes- und Bekanntenkreis (überwiegend Akademiker) sind eigentlich nur die Lehrer diesbezüglich festgelegt.
Betonia, 15.08.2006
5.
---Zitat von sysop--- Der frühe tägliche Schulbeginn läuft der Leistungskurve der meisten Schüler entgehen, so die These eines Leipziger Biologen. Halten auch Sie einen späteren Schulanfang auch für sinnvoller? Wie sind Ihre Erfahrungen als Eltern oder Lehrer? ---Zitatende--- Ein Schulbeginn um 9:00 Uhr passt besser in die heutige Zeit, dazu gehört aber eine Ganztagsschule, nicht die "Bis zum Mittag"-Schule, die wir oft noch haben. Späterer Schulbeginn mit Betreuung ab 7:30 Uhr, Mittagessen in der Schule und nachmittags Hausaufgabenbetreuung und Sport bzw. sinnvolle Beschäftigung: fördert die Kinder, macht es für Eltern leichter, Kindererziehung mit Berufstägigkeit zu vereinbaren und fängt Defizite aus dem Elternhaus auf. So sollte die Schule von heute aussehen.
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