Anja Karliczek "Mein Bildungsweg ist so, wie er ist"

Die CDU-Abgeordnete Anja Karliczek übernimmt das Bildungsministerium - dabei hat sie sich bisher mit Finanzthemen beschäftigt. Bis sie sich eingearbeitet hat, will sie nur private Fragen beantworten. Also haben wir ihr welche gestellt.

Anja Karliczek
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Es war eine Entscheidung, die viele überrascht hat, auch sie selbst: Anja Karliczek wird Deutschlands neue Bildungsministerin. Die 46-Jährige sitzt seit 2013 als direkt gewählte Abgeordnete aus dem Münsterland im Bundestag. Sie war Parlamentarische Geschäftsführerin der Unionsfraktion - und hat sich bisher vor allem mit Finanzthemen befasst: Reform der Lebensversicherungen, betriebliche Altersvorsorge, Bund-Länder-Finanzausgleich.

Zum Thema Bildung war von ihr bislang wenig zu lesen. Das Amt scheint sie vor allem bekommen zu haben, weil sie eine Frau und katholisch ist - und aus Nordrhein-Westfalen kommt.

Angela Merkel hatte angekündigt, die Hälfte der CDU-Posten mit Frauen zu besetzen. Der NRW-Landesverband der Partei hatte sich eine Belohnung verdient, weil es ihm gelungen war, entgegen aller Prognosen im Landtagswahlkampf die SPD zu besiegen. Und weil manche in der CDU nörgelten, es seien zu viele Protestanten auf Spitzenpositionen, kam Karliczek der Kanzlerin wohl gerade recht.

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Anja Karliczek: Das sagen Weggefährten über die Quereinsteigerin

Eine Quotenfrau also - kann das gut gehen? Manche sind sich jetzt schon sicher: nein. Mit der Personalie offenbare die CDU, wie gering sie das Bildungsministerium schätze, schrieb etwa die "Zeit".

Anja Karliczek ist deshalb vorsichtig geworden. Dem Interview mit SPIEGEL ONLINE hat sie nur unter der Voraussetzung zugestimmt, dass wir Fragen ausklammern, die ihre künftige Arbeit als Bildungsministerin betreffen. Die will sie erst beantworten, wenn sie sich eingearbeitet hat.

SPIEGEL ONLINE: Frau Karliczek, wir hatten im Vorfeld ausgemacht, dass es nur um private Fragen gehen soll. Deshalb zum Einstieg eine ganz private Frage: Welchen Berufswunsch hatten Sie als Jugendliche?

Anja Karliczek: Ich habe schon immer gern über politische Themen diskutiert, aber dass ich mal Politik zu meinem Beruf machen würde, damit hätte ich nicht gerechnet. Finanzgeschichte fand ich schon immer spannend. In der Schule hatte ich Wirtschaftswissenschaften als Leistungskurs, das hat mir großen Spaß gemacht. Und das Thema Fliegen hat mich schon immer fasziniert. Ich habe einen Motorflugschein gemacht, das Hobby aber leider an den Nagel hängen müssen. Kinder, Arbeit, Politik und Fliegen - das ist einfach zu viel. Die Lizenz muss alle zwei Jahre verlängert werden, und die dafür erforderlichen Flugstunden zu schaffen, war für mich kaum möglich. Wenn ein Hobby nur noch Stress ist, sollte man sich lieber davon verabschieden.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben zwei Ausbildungen, drei Kinder und ein Studium an der Fernuni Hagen. Nun wirft man Ihnen vor, dass Sie den klassischen Hochschulbetrieb gar nicht kennen. Wie fühlt sich das für Sie an?

Karliczek: Mein Bildungsweg ist so, wie er ist. Und ich finde, ich kann stolz darauf sein, es so weit gebracht zu haben. Rückblickend hatte ich auch nicht viele andere Möglichkeiten: Ich wollte unbedingt studieren, aber mit drei kleinen Kindern war das nur per Fernstudium möglich. Die Fernuni hatte einen guten Ruf, der Diplom-Studiengang auch. Ich wäre gar nicht auf die Idee gekommen, dass man mir mal vorwerfen würde, dass ein Fernstudium gar kein richtiges Studium ist. Aber klar, das klassische Studentenleben habe ich nicht erlebt. In der Uni Bochum war ich nur zu den Prüfungen.

Das Ringhotel Teutoburger Wald wurde von Karliczeks Eltern aufgebaut, hier hat die gelernte Hotelfachfrau viele Jahre lang gearbeitet.
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Das Ringhotel Teutoburger Wald wurde von Karliczeks Eltern aufgebaut, hier hat die gelernte Hotelfachfrau viele Jahre lang gearbeitet.

SPIEGEL ONLINE: Kritiker legen Ihnen das als Nachteil aus.

Karliczek: Ich glaube nicht, dass ich deshalb Nachteile habe. Zwei meiner Kinder studieren mittlerweile, durch sie bekomme ich ja auch mit, was an den Unis los ist.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie denn als Mutter die deutsche Bildungslandschaft kennengelernt?

Karliczek: Meine Kinder haben eine solide Bildung erhalten. Natürlich steht das deutsche Bildungssystem vor vielen Herausforderungen, aber ich finde nicht, dass alles schlecht ist. Klar, wir werden innovativer werden müssen. Aber die Art, wie junge Lehrer unterrichten und wie sie an den Unis auf den Unterricht vorbereitet werden, hat sich ja schon verändert. Problematisch sind strukturelle Umpflügungen, wie wir sie in den letzten Jahren in NRW erlebt haben. Sie haben das Problem der fehlenden individuellen Förderung von Schülern nicht gelöst. Wie individuelle Förderung gehen kann, habe ich in meinem Wahlkreis erlebt. Dort gibt es eine Förderschule mit acht, teils schwerstbehinderten Schülern in einer Klasse. So etwas kann man einfach nicht in einer normalen Schule abbilden.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, Schluss mit Inklusion?

Karliczek: Nein, darum geht es nicht. Ich bin sehr dafür, mehr Kinder gemeinsam lernen zu lassen. Aber man muss jedem einzelnen Kind gerecht werden können.

SPIEGEL ONLINE: Was qualifiziert Sie denn für den Job als Bildungsministerin?

Karliczek: Ein Ministerium zu führen, in dem so viele Menschen mit so viel Know-how arbeiten, ist vor allem auch eine Managementaufgabe. Und ich verkörpere, was heutzutage so wichtig ist: den Willen zum lebenslangen Lernen. Den Mut, Neues anzufangen. Außerdem ist mir der Bildungsbereich ja sehr nahe: Als ich noch im Hotel gearbeitet habe, habe ich mich intensiv um die Auszubildenden gekümmert. Im Forschungsbereich werde ich jetzt erst mal schauen, wo die Schwerpunkte liegen. Ich glaube, da kann es sogar von Vorteil sein, dass ich mit einem Blickwinkel von außen draufschaue. Ich werde oft fragen: Warum machen wir das? Ich finde, das ist eine Kernaufgabe für Politiker.

SPIEGEL ONLINE: Und die kam Ihrer Meinung nach in der Vergangenheit zu kurz?

Karliczek: Wir sehen das ja am Aufstieg des Populismus. Heutzutage verändert sich alles so schnell, die Menschen kommen gar nicht mehr mit. Nicht jeder kann in jedem Thema auf der Höhe der Diskussion sein. Deshalb ist es umso wichtiger, den Menschen immer wieder zu erklären: Warum machen wir das? Wo wollen wir hin, und welche Hürden stehen uns im Weg? Wir dürfen keine falschen Erwartungen schüren. Die bekommen das einfach nicht hin, heißt es dann. Auch ich werde nicht alle Probleme im Bildungsbereich lösen können. Aber ich werde mich gemeinsam mit den Ländern auf den Weg machen, und genau so möchte ich das vermitteln.

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Schüler über Anja Karliczek: "Ich denke, dass sie eine gute Ministerin wird"

SPIEGEL ONLINE: In Ihrer Heimat haben die Menschen auch große Erwartungen an Sie. Ich war letzte Woche an einer Realschule in Lengerich. Dort gibt es nur zwei Whiteboards, und eines hat ein Lehrer von seinem privaten Geld gekauft. Was sagen Sie diesen Menschen?

Karliczek: Ich weiß, dass die Erwartungshaltungen in den Schulen groß sind. Unsere Schulen, Schüler und Lehrer müssen auf digitale Lehrformen vorbereitet werden, das ist gar keine Frage. Dafür gibt es ja jetzt auch den Digitalpakt mit fünf Milliarden Euro, es wird sich also etwas tun. Aber wir werden nicht alle Schulen in den nächsten drei Jahren modernisieren können. Da muss man realistisch bleiben. Es ist auch nicht damit getan, überall Whiteboards hinzuhängen, wir brauchen auch andere, interaktive Lehrformen dafür. Meine Botschaft ist deshalb: Ich werde diesen Prozess eng begleiten und die richtigen Schritte einleiten, aber ich möchte keine falschen Erwartungen wecken.

SPIEGEL ONLINE: Eine Bürgermeisterin aus Ihrem Wahlkreis sagt, Fördergelder vom Bund, die für Kommunen gedacht sind, versickern ohnehin nur in den Haushalten der Länder.

Karliczek: Das habe ich den vergangenen Wochen sehr häufig gehört. Deswegen plädiere ich dafür, Entscheidung und Verantwortung zusammenzuhalten. Letztlich aber können Bund und Länder die Herausforderungen nur zusammen stemmen. Wir sind gemeinsam zum Erfolg verpflichtet. Und am Ende wird keiner mehr fragen: Hat das jetzt der Bund oder die Länder gemacht?

SPIEGEL ONLINE: Wie könnte denn konkret eine Zusammenarbeit zwischen Bund und Ländern aussehen?

Karliczek: Ich werde mich in den nächsten Wochen auf eine Rundreise durch die Länder machen, um meine Kollegen kennenzulernen und zu erfahren, welche Erwartungen sie an den Bund haben. Die Bildungslandschaften in den Ländern sind ja sehr unterschiedlich. Wo und wie ich mich am besten einbringen kann, wird sich nach diesen Gesprächen sicher zeigen.

SPIEGEL ONLINE: Im Bundestagswahlkampf haben Sie sogar Ihren SPD-Gegenkandidaten zum Kaffeetrinken eingeladen. Ist das Ihr Erfolgsrezept?

Karliczek: Ich bin sicherlich ein Mensch, der offen auf andere zugeht. Das habe ich auch bei meiner Arbeit im Hotel gelernt. Im Hotel und in der Politik geht es um Menschen. Jeder Mensch hat seinen persönlichen Hintergrund und seine persönliche Lebensleistung, und sie verdienen Respekt. Man kann in der Sache streiten und trotzdem gut miteinander auskommen.

SPIEGEL ONLINE: Hat sich das Kaffeetrinken mit Ihrem Herausforderer aus der SPD denn gelohnt?

Karliczek: Miteinander reden lohnt sich immer. Wir haben unterschiedliche Positionen, aber wir haben uns nicht persönlich bekämpft. Das war mir wichtig. Der Wettbewerb ist das eine, die menschliche Ebene das andere. Ich diskutiere sehr gern auf einer fachlichen Ebene. Mir ist es wichtig, mich anderen Menschen ohne Vorurteile zu nähern.

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Der Gras Experte 09.03.2018
1. Schulsystem
Wird es nicht langsam Zeit, aus dem Schulsystem eine Bundesangelegenheit zu machen , anstatt es bei einer Ländersache zu belassen
ty coon 09.03.2018
2. Digitalisierung
Ich kann der angehenden Bildungsministerin nur den Rat geben, nicht allen Reformern hinterherzuhecheln. Nirgendwo wird so eifrig reformiert wie im Bildungssektor. Bei der Digitalisierung der Grundschulen bleibe ich skeptisch. An meiner Grundschule gab es keine Computer, dennoch ist aus mir ein Software-Entwickler geworden. Später am Gymnasium standen dann auch mal ein paar Computer herum, gespendet von einem ehemaligen Schüler. Wir haben in der Schule noch ohne Google und Wikipedia gelernt, und das, wie ich glaube, nicht zu unserem Nachteil. Wer sich nur auf sein Handy oder das Internet verläßt, der ist schnell verlassen. Und er lernt in der Schule das Wichtigste nicht: das eigenständige Lernen.
palimpalom 09.03.2018
3. Der Klassiker..
Politiker werden wegen Loyalität zu ihren Chefs berufen. Also wegen der Klüngel Qualitäten und bisschen Quotenverteilung. Fachlich keine Ahnung. Umwelt, Verteidigung, Kultur..? Egal. Die Ahnung haben dann die Lobbyisten. Kreis geschlossen.. Dabei gäbe es so viele gute, unabhängige Kräfte für jedes Ministerium.
aka-d-miker 09.03.2018
4. Die Fördergelder...
...sind ausschließlich für Infrastruktur gedacht. Davon werden Schüler und Lehrer zB keine Tablets bekommen und noch viel schlimmer: davon dürfen keine Lehrerfortbildungen bezahlt werden! Schwachsinn!!! Und zu kurz gedacht!!!
jtwb1998 09.03.2018
5. Peinliche Besetzung
Diese Frau gibt offen zu, dass sie keine Ahnung hat und unter den Bedingungen unter denen sie diesem Interview zugestimmt hat, ist es ersichtlich, dass sie auch keine Idee oder Vision hat. Gerade dieses Ressort steht vor immens großen Aufgaben angesichts der mangelhaften Lehre und der antiquierten preussischen Bildungskultur. Diese Postenschieberei wird uns bei der nächsten Pisa Studie noch lächerlicher machen.
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