Anti-Amoklauf-Training "Nach dem Einsatz kommt das Zittern"

Bei einem Amoklauf in einer Schule müssen Einsatzkräfte blitzschnell entscheiden: Schießen sie auf den Täter - selbst wenn dieser noch ein Kind ist? Ralf Krämer erklärt im SPIEGEL-ONLINE-Interview, wie er Polizisten auf solche Extremfälle vorbereitet.


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Einsatzort Schule: Wie Polizisten für Amokläufe üben

SPIEGEL ONLINE: Herr Krämer, Rheinland-Pfalz hat wie andere Bundesländer ein spezielles Ausbildungskonzept für Amokläufe entwickelt. An einer Berufsschule in Ludwigshafen kam es jetzt zum Ernstfall. Wie beurteilen Sie den Einsatz Ihrer Kollegen?

Krämer: Es waren junge Beamte, die der Einsatztaktik gemäß gut vorgegangen sind. Sie sind in Formation gegangen, und die Festnahme verlief für Täter und Polizisten glücklich.

SPIEGEL ONLINE: Der Ex-Schüler hatte eine Schreckschusspistole und ein Messer bei sich. Wie schnell zieht ein Polizist in einer solchen Lage die Waffe?

Krämer: Die Kollegen haben nicht geschossen und den Täter festgenommen. Das ist also sehr gut verlaufen. Aber unter der hohen Anspannung und bei der Lage wäre den Kollegen ein Schusswaffeneinsatz nicht vorzuwerfen gewesen - es gab zu diesem Zeitpunkt Verletzte, später auch einen Toten. Der Täter hatte eine Waffe und er hat mit der Schreckschusspistole auch noch geschossen.

SPIEGEL ONLINE: Der Täter hat mit Platzpatronen auf die Beamten gefeuert. Hat er Glück gehabt, dass er noch am Leben ist?

Krämer: Ein Täter, der auf Polizeikräfte schießt, hat im Regelfall schlechte Karten.

SPIEGEL ONLINE: Bekommt jeder Streifenpolizist in Rheinland-Pfalz die Spezialausbildung für Amoklagen?

Krämer: Ja. Das Konzept heißt "Notzugriff und Amok". Bis Ende des Jahres sollen alle Einzeldienstkräfte für diese sehr extreme Einsatzsituation vorbereitet sein, damit im Ernstfall dann alles automatisch abläuft. Die Kollegen gehen in einer Formation vor und gehen bei Hinweisen auf den Täter im Kontaktmodus vor...

SPIEGEL ONLINE: ...was heißt das?

Krämer: Wir versuchen schnellstmöglich, den Täter handlungsunfähig zu machen oder ihn zu binden. Das heißt: Wir zwingen ihn, aufzugeben, sich zu verstecken oder zurückzuziehen. Die Devise ist: Stellen und handlungsunfähig machen. Beim Einsatz in Ludwigshafen hat er sich ergeben. Hätte er weitergemacht, wäre er wahrscheinlich beschossen worden.

SPIEGEL ONLINE: Wie bilden Sie aus?

Krämer: Das Amok-Einsatztraining dauert zwei Tage, mit Theorie und Praxis. Auf die Angst und den psychischen Stress in der sehr gefährlichen Situation gehen wir in der Theorie und Praxis ein. In der Praxis beginnen wir mit der Anfahrt. Am Einsatzort müssen sich die Besatzungen der Streifenwagen absprechen und eine Führung festlegen. Dann nähern sie sich möglichst schnell dem Gebäude, um reinzukommen.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Beamte sind nötig?

Krämer: Kommen zuerst nur zwei Beamte an, gehen die zu zweit in die Schule rein. Sofort. Zwei Beamte können zwar keine Schule durchsuchen, aber wenn sie erste Hinweise haben, suchen sie so schnell wie möglich Täterkontakt. Beim Amoklauf in einer Schule ist es meist so, dass der Täter noch im Gebäude um sich schießt oder sich schon selbst hingerichtet hat. Grundsätzlich werden bei Amoklagen alle verfügbaren Polizeikräfte eingesetzt.

SPIEGEL ONLINE: Was macht den Einsatz in einer Schule aus?

Krämer: Sie kennen die Einsatzsituation nicht und wissen nicht genau, was Sie erwartet. Ist der Täter in der ersten oder zweiten Etage? Ist er auf dem Flur, versteckt er sich? Sie wissen nur: Irgendwo ist ein Täter, und der wird vermutlich seine Waffe gegen Sie einsetzen. Da spielt auch Angst um das eigene Leben mit rein.

SPIEGEL ONLINE: Wie trainieren die Polizeikräfte, damit umzugehen?

Krämer: Wir trainieren sehr realitätsnah. Trainer oder auch Studenten der Polizeihochschule mimen Verletzte und werden dafür sehr realistisch geschminkt. Aus Geräuschkonserven kommen sehr laute Schreie und Schüsse. Dazu kommt der Stress: Mit Farbmarkierungsmunition schießt der von einem Trainer gespielte Täter auf die Beamten.

SPIEGEL ONLINE: Sind alle, die mitmachen, diesem Druck gewachsen?

Krämer: Wir bauen die Trainingsintensität nach und nach auf. Die empfundene Eigengefährdung ist auch in der Simulation sehr hoch, darum haben die Leute echten Stress. Die Kollegen sind alle bereit, den Täter so schnell wie möglich zu stellen oder gar zu erschießen. Auch in Ludwigshafen sind die Kollegen schnell und sehr zielstrebig vorgegangen. Nach dem Einsatz kommt dann oft das Zittern, wenn sie über die durchlebten Gefahren nachdenken.

SPIEGEL ONLINE: Müssen Polizisten Verletze zunächst liegen lassen?

Krämer: Ja, die ersten Beamten sind Interventionskräfte, die den Täter so schnell wie möglich stoppen sollen. Alles andere gefährdet nur noch mehr Menschen. Erst danach beginnen Rettungsmaßnahmen. Der Drang zu helfen und Verletzte zu versorgen, die schreien, ist sehr groß. Aber wenn wir den Täter nicht gestellt haben, hat Helfen wenig Sinn.

SPIEGEL ONLINE: Was, wenn der Täter aufgespürt ist? Spricht man ihn an, feuert man Warnschüsse ab?

Krämer: Um die Lage bei Täterkontakt zu überblicken, bleibt vielleicht eine halbe Sekunde Zeit: Wo ist der Täter, wer ist der Täter und wer ist einfacher Schüler? Gibt es mehrere Täter? Normalerweise heißt es: Polizei, keine Bewegung. Aber die Erfahrung mit Amoklagen sieht anders aus. Entweder tötet der Täter noch, ist bereits tot oder bekämpft die Polizei.

SPIEGEL ONLINE: Wer beschossen wird, überspringt also die ersten Eskalationsstufen?

Krämer: Beim Amoklauf hat sich der Täter vorbereitet und steht völlig neben sich. Er will möglichst viele Menschen töten. Darauf muss man sich einstellen.

SPIEGEL ONLINE: Der Täter in Ludwigshafen war 23 Jahre alt, aber die Polizisten treffen bei Amokläufen mitunter auf Minderjährige - wie bringt man jemandem bei, dass er eventuell auf ein Kind schießen muss?

Krämer: Auf einen Menschen schießen ist immer eine enorme Belastung. Wenn es ein 16- oder 17-jähriger Schüler ist, potenziert sich das. Aber man muss sich sagen: Ich habe diese Situation nicht verursacht. Und wenn ich über Verletzte und Tote steigen muss, um den Täter zu stellen, ist diese Hemmung doch stark reduziert - so haben es mir Kollegen aus Echteinsätzen erzählt. Ich selbst musste so etwas zum Glück noch nicht erleben.

SPIEGEL ONLINE: Wie werden die Kollegen aus Ludwigshafen jetzt betreut?

Krämer: Wir haben eine gute Krisenintervention, Notfallseelsorger und unsere Polizeipsychologen wurden schon angefordert. Mit den Kollegen wird jetzt intensiv und lange über das Erlebte gesprochen.

Das Interview führte Christoph Titz



insgesamt 15 Beiträge
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Hypnosekröte 19.02.2010
1. Denkwürdig
Was mir auffällt bei den Berichten über diverse Amokläufe, insbesondere denen aus den USA, ist, dass soviele Amokläufer sich nach ihrem Amoklauf immer "selbst mit einem Kopfschuss" richten. Schonmal drüber nachgedacht? Und abgesehen davon: Wer Amok läuft, hat das Kindsein hinter sich gelassen, egal welchen Alters er/sie ist. Bei denen sind mentale Sphären und Zustände erreicht, die sich mit althergebrachten Klassifikationen ohnehin nicht fassen lassen....
raimondo 19.02.2010
2. Dem Tod gerade noch
von der Schippe zu springen und dann bereit sein ein Menschenleben auszulöschen Ich würde es sehr begrüßen, wenn die Ralf Krämer’s auf eigene Erfahrungen zurückgreifen könnten, dürften. Von den Psycho-Schwätzerinnen und Schwätzern gar nicht zu reden. Das lässt sich fortsetzen über die General-Staatsanwälte und Vorsitzenden Richter, nicht zu vergessen die Menschen, die darüber berichten dürfen. Die Folgen sind jahrzehntelange Alpträume, sie hören sie nie auf. Menschen, die solche Aufgaben bewältigen, gebührt höchster Respekt und auch Anerkennung. Sie haben vor Tagen über den Amerikanischen Soldaten berichtet, der nicht damit fertig wurde. Es ist kein Unterschied bei diesen Einsätzen, für mich.
Beobachter123 19.02.2010
3. Freund und Helfer!
An Hypnosekröte: Wollen sie etwa damit andeuten, dass dafür die Polizei verantwortlich ist? Ich habe großen Respekt vor Menschen die ihr eigenes Leben einsetzen um andere zu retten. So wurde Beispielsweise einer der ersten Polizisten, der in Erfurt die Schule betrat mittels Kopfschuss vom Amokläufer erschossen. Meist handelt es sich beim Amokläufer, wie auch in Erfurt, um Waffennarren die Wochen und Monate nur Schießen trainieren, sich keine Gedanken über Fremdbeteiligte machen müssen und mit ihrem Leben abgeschlossen haben. Für den Einsatz einem solchen Täter mit einem zwei Tage- Amok Kurs, schlecht bezahlt und mit wenig Rückhalt in der Bevölkerung gegenüberzutreten, gibt es nur ein Wort. Heldentum!
mzwk 19.02.2010
4. Titel
---Zitat--- Für den Einsatz einem solchen Täter mit einem zwei Tage- Amok Kurs, schlecht bezahlt und mit wenig Rückhalt in der Bevölkerung gegenüberzutreten, gibt es nur ein Wort. Heldentum! ---Zitatende--- Finden Sie? Also ich persoenlich finde das, auch wenn sichs boese anhoert, unter dem Kontext, dass man sich um sein Leben fuerchtet, ziemlich Duemmlich. Man kann nicht einerseits Schiss davor haben und auf der anderen Seite das machen WOLLEN. Jeder Polizist macht seinen Job freiwillig, niemand wird dazu gezwungen. Wer sowas macht muss sich darueber im klaren sein, dass jeder Tag sein letzter sein koennte. ICH wuerde fuer diese Gesellschaft/ReGIERung nicht mit meinem Leben in solchen Situationen stehen, bei der definitiv nur die Gesellschaft schuld ist. Klar, das tut man jetzt als Spinnerei ab, aber man ueberlege mal: Schule ist grundsaetzlich Hirnwaesche. Der grossteil der Inhalte ist Schwachsinn und wird niemals gebraucht. Schueler muessen sich mit Zeug rumschlagen das sie nicht Interessiert, schreiben schlechte Noten, und erschiessen/erstechen ggf. Lehrer. Ganz klares Aktio/Reaktio Beispiel. Aber nein: Man macht sichs einfach und sagt: Der Taeter ist ein Psychisch Kranker, oder noch besser: Killerspielespieler. Komisch das alle, die sich aus Ohnmacht, ob keiner besseren Moeglichkeit sich zu wehren, Amoklaufen, grundsaetzlich immer Psychisch kranke sind - Koennte es sein dass unsere gesamte Gesellschaft Psychisch Krank ist, eben wegen der systematischen Gehirnwaschung schon im Kindesalter. Aber nein - Man macht sichs lieber einfach: Psychopathischer Killerspielespieler!
Beobachter123 19.02.2010
5. Ich hoffe er hat keine Satire geschrieben und ich tue ihm unrecht =)
Wehrlose Kinder zu beschützen und sich für seinen Nächsten mit dem eigenen Leben einzusetzen finden sie dumm? Habe sie eigentlich überhaupt noch Werte für die sie einstehen? Schule ist keine Hirnwäsche sondern Bildung. Und ohne diese kan sich nie ein freier und unabhängiger Geist entwickeln. Aber arbeiten sie ruhig weiter an der Verbreitung ihrer Ideologie. Mal rein Hypothetisch gesehen. Wenn sie am Ziel wären, es keine Regierungen mehr gäbe und Anarchie herrscht. Auch dann zählen Taten. Sie, der lediglich ein großes Wort führt würde auf christliche Nächstenliebe und Almosen angewiesen sein.
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