Antisemitismus in Berlin Jüdischer Neuntklässler an Eliteschule monatelang gemobbt

Ein Neuntklässler soll an einer Berliner Schule monatelang von Mitschülern gemobbt worden sein, weil er Jude ist. Die Schule gibt zu, das Problem unterschätzt zu haben.

John-F.-Kennedy-Schule in Berlin
DPA

John-F.-Kennedy-Schule in Berlin


Nach einem neuen Fall von Antisemitismus an einer Berliner Schule fordert der Zentralrat der Juden, solche Probleme schnell zu melden. "Antisemitische Vorfälle müssen von den Schulen ernst genommen und dürfen nicht vertuscht werden", erklärte der Präsident des Zentralrats, Josef Schuster. Es handle sich um ein gesamtgesellschaftliches Problem. "Solche Vorfälle finden an allen Schulformen und überall in Deutschland statt."

Zuvor hatte die renommierte John-F.-Kennedy-Schule in Berlin einen antisemitischen Vorfall gemeldet. Dort ist ein Schüler wegen seines jüdischen Glaubens monatelang von seinen Mitschülern beleidigt und gemobbt worden,wie die "Berliner Zeitung" berichtete. Demnach wurde der jüdische Neuntklässler von mehreren Mitschülern in der Schule und auf dem Heimweg immer wieder drangsaliert.

So soll einer der Angreifer dem Jungen Zigarettenrauch ins Gesicht geblasen und dabei gesagt haben, dass er an seine vergasten Vorfahren denken solle. In einem anderen Fall sollen Mitschüler den Jungen mit Zetteln beklebt haben, die mit Hakenkreuzen bemalt waren.

Wie viele antisemitische Straftaten registriert die Polizei?
Die Polizei zählte im vergangenen Jahr bundesweit 1453 antisemitische Delikte, nicht nur an Schulen. Das sind in etwa so viele wie 2016 und etwas mehr als 2015. Die endgültige Kriminalstatistik für 2017 steht allerdings noch nicht fest. Die Zahl der Straftaten könnte deshalb noch steigen. Außerdem werden bei weitem nicht alle Fälle von Antisemitismus im Alltag gemeldet.
Wie viele dieser Straftaten begehen Muslime?
Das geht aus der Kriminalstatistik nicht eindeutig hervor. Zwar brachte die Polizei nur 25 Delikte aus dem Jahr 2017 eindeutig mit "religiös motiviertem" Antisemitismus in Verbindung. Allerdings fließen die meisten Fälle als rechtsextreme Taten in die Statistik ein, auch wenn die Täter unbekannt sind. Experten kritisieren das bereits seit Längerem.

Die Schule schrieb in einer Mitteilung, der Leitung sei der Fall Anfang Juni bekannt geworden. Zudem räumte die Schulleitung Fehler im Umgang mit den Vorfällen ein. Diese seien "zunächst in Ausmaß und Ernsthaftigkeit unterschätzt" worden. Die Schulleitung war für Nachfragen zunächst nicht erreichbar.

An der Schule soll der Fall nun aufgearbeitet werden. Neben der offiziellen Meldung der Vorfälle an die zuständige Senatsverwaltung seien sofort Maßnahmen in die Wege geleitet worden, hieß es. Dazu gehörten intensive Gespräche der Mitarbeiter und Schulleitung sowohl mit der betroffenen Klasse als auch mit einzelnen Schülern.

Die Berliner Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) äußerte sich kritisch über das Verhalten der Schule. "Ich bin bestürzt, dass solche gravierenden Vorfälle über so eine lange Zeit unbemerkt blieben", sagte sie der Zeitung "Die Welt".

Hier können sich Schulen Hilfe holen
    Die Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus arbeitet schwerpunktmäßig mit muslimischen Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Berlin, organisiert aber auch bundesweit Vorträge, Beratungen und Workshops für Lehrer und stellt Hintergrundmaterial zur Verfügung.


  • Das Kompetenzzentrum Prävention und Empowerment sitzt ebenfalls in Berlin und bietet Gruppenberatung für jüdische Familien sowie bundesweite Workshops mit Lehrern.


  • Die Bildungsstätte Anne Frank unterstützt und vernetzt mehr als 2000 Schulen, die Projekte gegen Rassismus umsetzen wollen. Zudem können Schulen dort Workshops zu verschiedenen Aufklärungsthemen buchen.


Der Bundesarbeitskreis Arbeit und Leben ist über seine Landesverbände in der Bildungsarbeit aktiv und bietet unter anderem Seminare und Beratung für jährlich rund 300.000 Jugendliche und Erwachsene an.

Seit einigen Monaten berichten Medien verstärkt über antisemitische Übergriffe an Schulen, die vor allem von muslimischen Schülern ausgehen sollen. Erst im April wurde bekannt, dass eine Zweitklässlerin an der Paul-Simmel-Grundschule in Berlin-Tempelhof von Mitschülern als "Jüdin" beschimpft worden war und Todesdrohungen erhalten hatte, weil sie nicht an Allah glaubt.

Politiker reagierten empört. CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt forderte eine "Null-Toleranz-Strategie" gegen Islamismus auf dem Schulhof. Bundesfamilienministerin Franziska Giffey will bundesweit 170 "Anti-Mobbing-Profis" an Schulen schicken.

Zahlreiche Diplomatenkinder

Im Fall des Neuntklässlern an der John-F.-Kennedy-Schule ging der Antisemitismus laut "Berliner Zeitung" allerdings nicht von muslimischen Schülern aus. Die bilinguale Schule mit gut 1600 Schülern werde auch von zahlreichen Diplomatenkindern, vor allem Angehörigen der US-Botschaft, besucht.

Konflikte hatte der Junge auch mit anderen jüdischen Mitschülern, berichtet die Zeitung. Weil er im Nahostkonflikt nicht nur die palästinensische Seite kritisiert habe, sollen die Mitschüler gesagt haben, dass er kein guter Jude sei.

Video: Antisemitismus unter arabischen Jugendlichen - "Du Jude!" als Schimpfwort

SPIEGEL TV

kha/lie/dpa

Mehr zum Thema


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.