Juden in Deutschland Wie antisemitische Vorurteile in Schulbüchern überdauern

Bücher mit "antisemitischen Vorurteilen, die an den 'Stürmer' erinnern": Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden, hat heftige Kritik an Schulbuchverlagen geübt. Was dran ist an den Vorwürfen.

Junge mit Kippa (Archivbild)
DPA

Junge mit Kippa (Archivbild)

Von


Der Fall war in seinem Ausmaß beispiellos. "Anstöße 2" hieß das Politik-Schulbuch des Klett-Verlags, das seit 2012 in der Oberstufe an deutschen Gymnasien in acht Bundesländern eingesetzt wurde - und das eine antisemitische Grafik zur Währungskrise enthielt, in der ein gelber, gefräßiger Kugelkopf Europa verschlingt. Auf seinem Schweif steht mehrfach "Rothschildbank".

Doch erst knapp fünf Jahre später, im Januar 2017, fiel die Hetzkarikatur einem Studenten auf, der den Verlag informierte. Klett zeigte sich erschüttert und sprach von einem "unsäglichen Elaborat". Die Darstellung sei demnach kurz vor Druckfreigabe "nicht bemerkt worden". Der Verlag reagierte konsequent: Kurzfristig wurde eine Austauschseite für das Schulbuch im Netz veröffentlicht, Schulen konnten das Werk gegen eine überarbeitete Version austauschen.

Eigentlich ausgetauscht, trotzdem noch genutzt

Oft aber bleiben Schulbücher mit antisemitischen Vorurteilen trotz Korrektur der entsprechenden Texte noch lange im Umlauf. "Selbst wenn inzwischen neue und verbesserte Auflagen produziert wurden, finden sich die alten Schulbücher oft noch viele Jahre in den Schulen und werden weiter benutzt", sagte Josef Schuster am Montag.

Grund ist die lange Lebensdauer von Schulbüchern, die zum Teil jahrelang von einer Schülergeneration an die nächste weitergegeben werden. Am Wochenende hatte der Zentralratspräsident in einem Interview heftige Kritik an dieser Praxis geübt. "Es gibt dort zuweilen Bilder, die von antisemitischen Stereotypen geprägt sind und damit eher an den 'Stürmer' erinnern, als dass sie eine sachliche Darstellung bieten würden", sagte Schuster. Der "Stürmer" war ein judenfeindliches Nazi-Propagandablatt.

"Es gibt sehr viele Lehrbücher, die das Thema Judentum nur sehr rudimentär aufzeichnen", kritisierte Schuster. Judentum beschränke sich nicht auf die Zeit zwischen 1933 und 1945. "Es gab jüdisches Leben in Deutschland viele Jahrhunderte davor, und es gibt es glücklicherweise heute wieder." Das aber komme in den Büchern so gut wie nie vor.

Studien bestätigen latente Vorurteile

Inhaltlich geht es dagegen oft um die Judenverfolgung während der NS-Zeit und den Holocaust. Und da werde in Schulbüchern häufig antisemitische Propaganda abgebildet, bestätigt Dirk Sadowski, Wissenschaftler am Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung. Das sei zwar nicht antisemitisch gemeint, habe aber oft eine unterschwellig judenfeindliche Wirkung, sagt Sadowski: "Die Abbildungen stechen optisch natürlich heraus, es gibt immer eine Dominanz des Visuellen."

Dabei komme es vor allem auf den einordnenden Kontext an. Und wenn der nur per Text geliefert wird und deshalb nicht so schnell wahrnehmbar sei, komme bei Schülern häufig ein verzerrtes Bild von Juden als Opfer an. Sadowski hatte vor drei Jahren zusammen mit Kollegen 84 Geschichtsbücher für verschiedene Klassenstufen aus mehreren Bundesländern ausgewertet und erstaunt festgestellt, wie vereinfacht das jüdische Leben darin gezeichnet wird.

Auf diese Studie bezieht sich auch Josef Schuster, wenn er beklagt, "dass in vielen Schulbüchern gerade beim Thema Nationalsozialismus und Schoa die Perspektive der Täter eingenommen wurde". Antisemitische Darstellungen der NS-Propaganda würden "zum Teil kaum eingeordnet. Dadurch werden antisemitische Stereotypen reproduziert, aber nicht kritisch reflektiert."

TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.