Twitter-Facebook-Schwäche Ein neues Schulfach gegen Fake News

Was tun gegen Fake News? Schon bei den Kindern in der Schule ansetzen, mahnte jetzt Apple-Boss Tim Cook. Dazu ist hierzulande ein Umdenken nötig: Computer sind kein Unterrichtsmaterial - sondern Lehrstoff.

Grundschüler am Computer
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Grundschüler am Computer

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Falschmeldungen mit manipulativer Absicht sind eine gefährliche Seuche. Sie kriechen durchs Netz und infizieren die Gehirne ihrer Leser. Kinder und Jugendliche sind besonders gefährdet. Wirksame Gegenmittel? Dringend gesucht.

Deshalb ist digitale Bildung das beherrschende Thema auf der heute beginnenden Bildungsmesse didacta in Stuttgart. Bildungsministerin Johanna Wanka will fünf Milliarden Euro in die Schulen in Deutschland investieren: Neue Tablets, schnellere Verbindungen. Doch die Initiative löst das Problem nicht. Nicht die Geräte, sondern die Inhalte bereiten den Schülern Schwierigkeiten. Ihnen fehlt die Medienkompetenz.

Anzeige oder Nachricht? Egal!

Genauso wichtig wie der Zugang zu Informationen ist die Fähigkeit zur Einordnung. Apple-Chef Tim Cook hat deshalb jetzt im "Daily Telegraph" eine internationale Kampagne an Schulen gefordert. "Sie muss massiv sein und möglichst alle Altersschichten erreichen."

Wie notwendig so eine Initiative wäre, zeigen Studien wie die der kalifornischen Stanford Universität. Fast 8000 Teilnehmer, Schüler aller Schularten und Studenten, wurden befragt, wie sie Informationen im Internet bewerten und auf Richtigkeit überprüfen. Das Ergebnis fassten die Wissenschaftler in einem Wort zusammen: "trostlos".

Realschüler konnten Anzeigen nicht von Nachrichten unterscheiden. Gymnasiasten merkten nicht, dass eine Geschichte über Waffengesetze von der politischen Lobby eines Waffenbesitzers kam. Studenten, die täglich stundenlang online arbeiteten, kamen nicht mal auf die Idee, die Herkunft einer Website zu überprüfen. Vergleichbare Untersuchungen, an der auch deutsche Schüler beteiligt waren, ergaben ähnliche Ergebnisse.

Wie funktioniert ein soziales Netzwerk? Welche Informationen erreichen welche Leute? Wie entsteht ein Algorithmus? Wie recherchiere und wie überprüfe ich eine Nachricht? "Solche Fragen muss eine gezielte Medienbildung beantworten", sagt Christa Gebel, Psychologin am Münchner JFF-Institut für Medienpädagogik, das gemeinsam mit dem Medienzentrum München bayernweit und bundesweit Kurse, Seminare und Workshops innerhalb und außerhalb von Schulen anbietet.

Jugendliche beziehen ihre Informationen überwiegend aus sozialen Netzwerken, nicht aus traditionellen Medien. Im Idealfall sollte Medienbildung sie lehren, zum Beispiel wie ein Journalist zu recherchieren oder zu twittern. "Das kann mit Informationen über den Lieblingspopstar anfangen und bis in die Politik führen", sagt Gebel. Fächer wie Sozial- und Gemeinschaftskunde könnten die Brücke schlagen.

Es sei durchaus nicht so, dass Jugendliche besonders desinteressiert seien an Politik, "wenn wir sie davon überzeugen, dass Politik sie ganz persönlich angeht". Warum gibt es in meinem Dorf keinen Jugendtreff, kein Schwimmbad, keinen Club? Solche Fragen.

Apple-Chef Tim Cook ist überzeugt: "So eine Kampagne kann man sehr schnell umsetzen, wenn man das will." Es sei eigentlich so, dass man in den Schulen ein neues Curriculum brauche: "Einen neuen Lehrplan für das moderne, digitale Kind."

Ein Drittel der Lehrer ist überfordert

Davon ist bisher kaum etwas zu sehen. "Es ist nicht in Ordnung, dass es heute in Deutschland - bei einer solchen technischen Revolution, die das Lernen maßgeblich verändert - nur in der Verantwortung des einzelnen Lehrers liegt, ob er sich damit auseinandersetzt", sagt der Berliner Bildungsforscher Klaus Hurrelmann.

Beim Blick auf die Kollegien in den Schulen, so Hurrelmann, gebe es eine Spaltung. Nur etwa ein Drittel der Lehrkräfte sei den neuen digitalen Herausforderungen für Lernprozesse wirklich gewachsen: "Ein weiteres Drittel dürfte sich einigermaßen zurechtfinden. Das letzte Drittel wird abgehängt und lehnt möglicherweise das digitale Lernen sogar ab und hält es für schädlich."

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Die Folge: Ob und wie qualifiziert ein Kind in Sachen Netzrecherche unterrichtet wird, ist somit vom Zufall abhängig, moniert Wassilios Fthenakis, Erziehungswissenschaftler und Hausherr der didacta. "Heute ist die digitale Kompetenz neben den anderen Kompetenzen eine absolut notwendige Ergänzung für Kinder", sagt er - und wirbt für einen frühzeitigen Start: "Das kann und sollte von Anfang an erworben werden - bereits im vorschulischen Alter."

Eine Vorstellung, die Apple-Chef Cook gefallen dürfte.



insgesamt 43 Beiträge
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Seite 1
Phil2302 14.02.2017
1.
Das finde ich richtig und wichtig, die Umsetzung ist aber schwierig. Man muss sich auch fragen: Braucht man dafür ein eigenes Fach, oder kann das nicht in bestehenden Fächern untergebracht werden? Naja und Erwachsene müssten nachgebildet werden, meine Mutter glaubt tatsächlich, dass Frauen für die gleiche Arbeit 20 Prozent weniger Geld bekommen. Da musste ich das erst einmal richtig stellen.
aktenzeichen 14.02.2017
2. Für ein rohstoffarmes Land kann es keine dümmere Idee ...
geben als den Schüler mit diesem Zwirn die Illusion zu geben, dass sie mit dem "Einordnen" irgendwelchen Blablas etwas wissen oder gar können! Die Pisa-Ergebnisse zeigen das dann auch. Was wir brauchen sind Ingenieure und Naturwissenschaftler. Auf Sprücheklopfer mit Universitätsabschluss können wir in Größenordnungen verzichten!
nici_d 14.02.2017
3. Wurzel ist nicht der Computer
Die Wurzel des Problems ist nicht der Computer, sondern die Selbstverliebtheit vieler. Zwei Jahre lang habe uch auch bei Facebook mitgemacht, bis mir das auf den Senkel ging. Weil geschäftlich viel unterwegs, war das zunächst wie Grußpostkarten an die anderen Kollegen zu senden. Die Kollegen haben das aber als eine Art Wettbewerb gemacht. Höher, weiter, toller. Alle wollten sie likes und likten, denn nur so wird man wieder geliked. Aller Quatsch wird geteilt, ich weiss was ich weiss was. Nun simmer beim Thema. Die Fakenews verbreitet sich nicht selbst, sie wird verbreitet von Leuten mit solcher Geltungssucht. Diese Selbstverliebtheit ist es, die Leute dazu treibt, immer die ersten mit noch unglaublicheren Geschichten zu sein.
pauleschnueter 14.02.2017
4. Das Umdenken vom Umdenken.
Meine Rede seit Win95. Computer sind viel zu kompliziert, als dass man sie wie "Blatt und Stift" als Unterrichtsmaterial einsetzen sollte. Wichtig ist, dass Wissen in wachsenden Kreisen erworben und ausgebaut wird. Den Kindern eine Maschine vorsetzen, die sie nicht verstehen KÖNNEN, und im schlimmsten Fall als "selbstverständlich" wahrnehmen, schafft nur unnötige Technikabhängigkeit. Und ja, ich mach hier keinen Unterschied zwischen den Personal Computern in all ihren Varianten (Handy, Tablet, Laptop ...). Also: Den guten alten EDV Unterricht wieder her; die Tablets und E-Boards aus den Klassenzimmer raus; wieder mehr Frontalunterricht.
2cv 14.02.2017
5.
Als Angela Merkel vor einigen Jahren von "Neuland" sprach, lachten all diejenigen, die eigentlich gar nicht begriffen haben, was die gelernte Physikerin (und übrigens "Kollegin", habe selber Physik studiert) meinte. Die eklatanten Schwächen in unserer Gesellschaft und insbesondere bei Entscheidungsträgern, sei es in Politik aber auch Rechtssystem im Umgang mit unserem digitalen Zeitalter werden ständig offenkundiger. Ohne die Diskussion nun allzusehr anheizen zu wollen, möchte ich stattdessen einen konstruktiven Vorschlag machen: diejenigen, die - wie ich auch - einen Teil zur Weiterbildung unserer digitalen Expertise beitragen wollen, können sich als "digitale Nachbarschafts-Helfer" ausbilden lassen und so ihre eigene Umgebung und Peers auf den aktuellen Stand bringen. Unserer Nachbarschaft hat so das ein oder andere "Aha"-Erlebnis gehabt. Weitere Infos der Initiative unter Schirmherrschaft des BMI hier: www.sicher-im-netz.de/digitale-nachbarschaft
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