Asyl für Schulverweigerer Fundi-Christen feiern Sieg über "peinliches Deutschland"

Die in die USA ausgewanderte Familie Romeike hat es geschafft. Weil die streng religiösen Eltern ihre Kinder nicht auf staatliche deutsche Schulen schicken wollten, gewährt ein US-Gericht ihnen Asyl - das meldet begeistert eine Lobbygruppe evangelikaler Christen. Und prangert die deutsche Politik an.

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USA: Politisches Asyl statt Schulpflicht
Eine deutsche Familie bekommt politisches Asyl in den USA, weil sie ihre Kinder nicht der Schulpflicht in der Bundesrepublik unterwerfen will: Diese Entscheidung eines US-Gerichts wird von christlichen Fundamentalisten begeistert aufgenommen.

Die Romeikes aus Bissingen in Baden-Württemberg wollten ihre fünf Kinder zu Hause unterrichten, weil sie ein "anti-christliches Weltbild" an den staatlichen Schulen fürchteten. Sie ließen ihre Kinder nicht zur Schule gehen und wanderten 2008 nach jahrelangem Streit mit den Behörden in die USA aus. Dort stellten sie im April 2009 einen Asylantrag - dem jetzt stattgegeben worden sei, teilte die evangelikale Lobbygruppe "Home School Legal Defense Association" (HSLDA) in der Nacht zu Mittwoch mit.

Richter Lawrence Burman habe bei der Urteilsverkündung in Memphis im Bundesstaat Tennessee festgestellt, dass die Romeikes Anspruch auf Asyl hätten. Er sehe in Deutschland grundlegende Menschenrechte der Familie Romeike verletzt, sagte er laut HSLDA - das Urteil ist offiziell noch nicht verfügbar. Und weiter: "Wir können nicht erwarten, dass sich jedes Land nach unserer Verfassung richtet." Die sogenannten Homeschooler, die Kinder zu Hause unterrichten, seien eine besondere soziale Gruppe, die von der deutschen Regierung unterdrückt werde. Die Familie habe "gut begründete Angst vor Verfolgung" und darum das Recht, in den USA Unterschlupf zu finden.

"Peinlich für Deutschland" - so kommentierte HSLDA-Anwalt Mike Donnelly die Entscheidung. Das Gericht habe endgültig festgestellt, "dass Homeschooler eine gesellschaftliche Gruppe sind, die in Deutschland verfolgt wird". Ein "westliches Land sollte grundlegende Menschenrechte achten, zu denen auch Erziehung und Ausbildung der Kinder gehören", sagte Donnelly. Es gehe dem deutschen Staat in Sachen Schulpflicht lediglich darum, "ideologische Konformität zu erzwingen". Das wecke "beängstigende Erinnerungen an die Vergangenheit".

Vater Uwe Romeike, der sich in Deutschland "politisch verfolgt" fühlt, zeigte sich "sehr dankbar" für das Urteil. Die Gebete der Homeschooler in Deutschland und ihre eigenen seien erhört worden, sagte er laut der Presseerklärung der HSLDA. Die Romeikes, die in Morristown in Tennessee leben, werden in den USA direkt von der HSLDA vertreten. Die Organisation unterstützt die Idee des Heimunterrichts ohne staatliche Beteiligung in den USA und weltweit.

Generalkonsul verteidigt Deutschland

Lutz Gorgens, deutscher Generalkonsul für den Südosten der USA, widersprach in der "Washington Post" den Vorwürfen der Lobbyisten. Deutschland verfüge über ein großes Angebot an Bildungsmöglichkeiten, sagte er. Die Eltern könnten zwischen öffentlichen, privaten und religiösen Schulen wählen, einschließlich alternativer Einrichtungen wie Waldorf- oder Montessorischulen. Die Schulpflicht sichere einen hohen Bildungsstandard für alle Kinder.

Das Auswärtige Amt in Berlin teilte mit, man habe den Fall zur Kenntnis genommen. Erst wenn das Urteil offiziell vorliege, werde es eine Stellungnahme geben: "Das Generalkonsulat in Atlanta wird sich der Sache annehmen", sagte ein Sprecher SPIEGEL ONLINE.

US-Statistiken zufolge stellten im Jahr 2008 insgesamt 38 Deutsche einen Asylantrag in den USA, fünf davon erhielten dauerhaft Asyl, bei drei Anträgen wurde der zunächst erteilte Status wieder aberkannt. Gründe für die Anträge werden in der Übersicht nicht genannt.

Die US-Regierung kann Asylentscheidung eines Einwanderungsgerichts grundsätzlich anfechten. Ein Sprecher der Einwanderungsbehörde wollte den Fall auf Anfrage der "Washington Post" nicht kommentieren.

"Es geht dort mehr um Hexen und Vampire als um Gott"

Hausunterricht, wie ihn bibeltreue Christen für richtig halten, ist in Deutschland untersagt - die Verfassungen der Bundesländer sehen eine allgemeine Schulpflicht vor. Österreich, Frankreich, Großbritannien und andere Staaten kennen dagegen nur eine Unterrichts- oder Bildungspflicht. In den USA gilt Homeschooling als klassisches Elternrecht. Ein bis zwei Millionen Kinder lernen Schätzungen zufolge bei den Eltern. Nicht immer sind die Gründe dafür religiös; einige Eltern kritisieren auch starre Lehrpläne und hohe Kosten für Privatschulen. Besonders verbissen führen aber die evangelikalen Christen den Kampf für das Homeschooling. Sie wollen ihre Kinder von weltlichen Einflüssen fernhalten und versuchen, sie im Weltbild ihres streng ausgelegten Glaubens zu erziehen.

Auch die Asylfamilie Romeike wollte ihren Kindern das "unchristliche Treiben" an deutschen Schulen ersparen: Die Kinder würden in der staatlichen Schule "nach einem antichristlichen Weltbild erzogen", in Schulbüchern wimmele es von obszönen Ausdrücken, Flüchen und Gotteslästerungen, sagte Vater Romeike. "Es geht dort mehr um Vampire und Hexen als um Gott."

Ab September 2006 hielt die Familie in Baden-Württemberg ihre drei ältesten Kinder von der Grundschule fern. Wie bei hartnäckigen Schulverweigerern üblich, stand eines Morgens "die Polizei vor der Haustür", sagt Romeike, der selbst Musiklehrer ist. Die Beamten brachten die Kinder zur Schule. Bis dahin hatten die Romeikes ihre Kinder schon einen Monat lang von der Grundschule ferngehalten und im "rechten Geiste" zu Hause unterrichtet, wie sie es nennen.

Die deutsche Schulpflicht steht seit Jahren in der Kritik fundamentaler Christen in den USA. Die Evangelikalen sind mit deutschen Eiferern gut vernetzt und suchen Musterfälle für ihre Kampagnen. So kam auch den Romeikes die Idee, in die USA zu flüchten, nicht allein. Mike Donnelly, HSLDA-Anwalt und Rechtsbeistand im Asylverfahren der Romeikes, brachte den Vater nach dessen Angaben erst auf die Idee, Deutschland zu verlassen.

Schlechte Chancen vor europäischen Gerichten

In Deutschland hat sich die allgemeine Schulpflicht ab dem sechsten Lebensjahr historisch mehr als ein Recht auf Bildung entwickelt denn als ein Zwang zum Schulbesuch. Sie wurde in Preußen schon im 18. Jahrhundert eingeführt. Unzufriedene Eltern können allenfalls eine Privatschule gründen, brauchen dafür aber eine staatliche Anerkennung. Wer seine Kinder - aus welchen Gründen auch immer - einfach zu Hause lässt, macht sich strafbar. Juristisch haben die Schulboykotteure schlechte Chancen, das zeigt der Ausgang etlicher Prozesse.

Hinter der Schulpflicht steckt "die Überlegung, dass das gemeinsame Lernen in der Schule der Vermittlung sozialer Kompetenzen dient", sagt Martina Elschenbroich, Schulrechtsexpertin der Kultusministerkonferenz. So könne der Umgang mit Andersdenkenden als Grundlage einer demokratischen Gesellschaft eingeübt werden.

Deutsche und europäische Gerichte haben diese Auffassung bisher stets gestützt. Ende Mai 2006 entschied das Bundesverfassungsgericht, Eltern seien nicht berechtigt, ihre Kinder aus religiöser Überzeugung vom Schulbesuch abzuhalten. Mit Verweis auf den staatlichen Erziehungsauftrag in einer pluralistischen Gesellschaft entschieden die obersten Richter, Kinder dürften durchaus fremden Glaubensbekundungen oder Absichten ausgesetzt werden.

Im November 2007 urteilte der Bundesgerichtshof, dass Eltern sogar das Sorgerecht entzogen werden kann - denn die Allgemeinheit habe ein berechtigtes Interesse daran, dass sich keine religiös oder weltanschaulich geprägten Parallelgesellschaften bilden.

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte stellte im September 2006 fest, dass die deutsche Schulpflicht und das damit verknüpfte Heimunterrichtsverbot mit europäischem Recht genauso vereinbar ist wie mit der Menschenrechtskonvention.

Schulflucht aus Deutschland - Exodus der Fundi-Christen

Die Romeikes sind nicht die ersten deutschen Schulverweigerer, die ins Ausland flüchten. Nachdem etwa das Ehepar Neubronner jahrelang deutsche Gerichte beschäftigte, weil die zwei Söhne im Jahr 2005 zum letzten Mal eine Schule besuchten, flüchtete der Vater mit den zwölf und acht Jahre alten Söhnen im vergangenen Jahr nach Frankreich, um dort legal zu Hause zu unterrichten.

Die bibeltreue Hamburger Familie R. wehrte sich ebenfalls fünf Jahre gegen den Schulbesuch ihrer Kinder und flüchtete schließlich 2006 mit einem Wohnmobil gen Österreich. Die Schulbehörde hatte mit Geldstrafen, Knast und der Drohung mit Sorgerechtsentzug Druck gemacht, nachdem das Paar bekundet hatte, die sechs Kindern von den schädlichen Einflüssen fernhalten zu wollen.

Ein im Kreis Padernborn lebendes Baptisten-Paar aus Kasachstan nahm besonders Anstoß am deutschen Sexualkunde-Unterricht und behielt seine zwei Kinder zu Hause. Das Familiengericht entzog dem Paar schließlich das Sorgerecht, daraufhin brachten die Eltern die Kinder nach Österreich, wo die Mutter sie zu Hause unterrichtete.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
Klo, 27.01.2010
1. byebye!
Zitat von sysopDie in die USA ausgewanderte Familie Romeike hat es geschafft. Weil die streng religiösen Eltern ihre Kinder nicht auf staatliche deutsche Schulen schicken wollten, gewährt ein US-Gericht ihnen Asyl - das meldet begeistert eine Lobbygruppe evangelikaler Christen. Und prangert die deutsche Politik an. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,674309,00.html
Wer sich an die hiesigen Gesetze nicht halten will, kann gehen. Wo ist das Problem? Für evangelikale Funamentalisten ist die USA ohnehin das bessere Land. Sie haben dort zwar keine Alters- und Krankenversicherung, aber Hauptsache sie dürfen ihre Kinder weiter indoktrinieren. Ich denke, wir brauchen diese Leute nicht und wenn sie dort Asyl bekommen, dann ist allen damit gedient.
fatherted98 27.01.2010
2. Super...
Zitat von sysopDie in die USA ausgewanderte Familie Romeike hat es geschafft. Weil die streng religiösen Eltern ihre Kinder nicht auf staatliche deutsche Schulen schicken wollten, gewährt ein US-Gericht ihnen Asyl - das meldet begeistert eine Lobbygruppe evangelikaler Christen. Und prangert die deutsche Politik an. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,674309,00.html
Wirklich hervorragend. Wer sich durch die offene Gesellschaft in Deutschland in seinen religösen/moralischen Vorstellungen angegriffen fühlt sollte sofort dem Beispiel dieser Familie folgen. Jeder Fundamentalist gleich welchen Glaubens sollte sich an dieser Familie ein Beispiel nehmen. Es gibt genügend Länder und Regionen auf dieser Welt in denen ein jeder seine engstirnigen, fundamentalistischen Ideen ausleben kann...und tschüss und hoffentlich auf nimmer Wiedersehen.
SwissMatthias72 27.01.2010
3. Einsamer Rufer
Herr Remeike ist ein einsamer Mensch. Und das wird er auch jetzt in Amerika sein. Er hat ein völlig verqueres Weltbild und ist ein Fanatiker. Armer Mensch! In einem halben Jahr kräht kein Hahn mehr nach ihm. Mir tun nur seine Kinder leid. Mehr gibt es nicht zusagen.
klugscheißer69 27.01.2010
4. Spitzenidee
Zitat von sysopDie in die USA ausgewanderte Familie Romeike hat es geschafft. Weil die streng religiösen Eltern ihre Kinder nicht auf staatliche deutsche Schulen schicken wollten, gewährt ein US-Gericht ihnen Asyl - das meldet begeistert eine Lobbygruppe evangelikaler Christen. Und prangert die deutsche Politik an. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,674309,00.html
Also ich halte das für ein tragfähiges Konzept. Deutschland wird so - ohne einen Euro deutsche Steuergelder einsetzen zu müssen - seine Fundamentalisten los und spart sich obendrein die Kosten für die Schulausbildung der Kinder. In den USA dürften die paar Extremisten mehr nicht weiter auffallen und Platz ist da ja auch genug. Ein schlechtes Gewissen muss man aus deutscher Sicht diesbezüglich also auch nicht gross haben. Mein Rat (meine Bitte?) an alle, die es betrifft: Nachmachen! Am besten gleich alle auf einmal, so können Sie sicher bei einer Airline nen Gruppentarif rausschinden.
MarkH, 27.01.2010
5. ppp
Zitat von sysopDie in die USA ausgewanderte Familie Romeike hat es geschafft. Weil die streng religiösen Eltern ihre Kinder nicht auf staatliche deutsche Schulen schicken wollten, gewährt ein US-Gericht ihnen Asyl - das meldet begeistert eine Lobbygruppe evangelikaler Christen. Und prangert die deutsche Politik an. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,674309,00.html
was einDurcheinander.. jeder backt es sich eben wie es Ihm passt
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