Aufregung über Sportschützen Scharfe Schüsse an Schulen

Anlegen, zielen, Abzug drücken: Dutzende Schulen in Nordrhein-Westfalen überlassen ungenutzte Räume und Keller den örtlichen Schützenvereinen. Die Sportler trainieren auf Schießständen, lagern Gewehre, Pistolen und Munition - nur wenige Meter entfernt von spielenden Kindern.

Von Bernd Dicks


Wer den Schulhof der Gemeinschaftsgrundschule Bülsenstraße in Gelsenkirchen betritt, ahnt nichts Böses. Die Klassenfenster sind geschmückt mit kleinen Pappmännchen und bunten Handabdrücken der Kinder. Auf dem Schulhof mit den aufgemalten Spielflächen dribbeln ein paar Schüler mit einem Fußball, und der Hausmeister kehrt Papierschnipsel zusammen.

Doch an der Eingangstür prangt ein Fadenkreuz, handgroß, das Logo des örtlichen Schützenvereins. An dieser Schule wird geschossen.

Im Keller, direkt unter den Klassenräumen, hat der "Bürgerschützenverein Buer-Bülse 1926" nicht nur sein Vereinsheim untergebracht, sondern auch fünf Schießbahnen installiert - und drei Waffenschränke.

Zwölf Luftgewehre, sechs Luftpistolen, einige Kleinkaliberwaffen und die dazugehörige Munition lagern unmittelbar unter den Klassenräumen. Viermal pro Woche hört man spät nachmittags auf dem Schulhof die Schüsse der Luftgewehrschützen beim Training.

"Niemals hat sich jemand beschwert"

Mit viel Geld und ehrenamtlicher Arbeit haben die Bürgerschützen den alten, dunklen Kohlenkeller zum modernen Vereinsheim umgebaut, 270 Quadratmeter groß, mit Konferenzraum, Videobeamer, Vereinskneipe. Die Koksrutschen auf der Seite zum Schulhof wurden zugemauert, die Wände mit Holz verkleidet. Der Schießstand ist mit Computern ausgestattet, die die Treffer direkt auf einem Monitor anzeigen.

"Wir sind seit 30 Jahren hier, und niemals hat sich jemand beschwert", sagt Klaus Lindner, der Vorsitzende des Vereins.

Bis jetzt.

Denn eine Anfrage der Grünen im nordrhein-westfälischen Landtag brachte zu Tage: Von den etwa 5600 ortsfesten Schießständen im Land sind viele in Schulen untergebracht. Wie viele genau, das weiß derzeit noch nicht einmal das Schulministerium. "Wir lassen die genaue Anzahl der Schießstände in Schulgebäuden beziehungsweise auf Schulgeländen derzeit feststellen", sagte Sprecher Thomas Breuer SPIEGEL ONLINE.

Auch im Ministerium war man davon überrascht, dass Schüler und Schützen unter einem Dach lernen und trainieren. Es sei deshalb "pädagogisch und schulpolitisch wünschenswert", die Schießstände woanders unterzubringen, sagt Breuer.

Doch das dürfte nicht so leicht sein. Die Schießanlagen werden nicht vom Ministerium oder der Schulleitung genehmigt, sondern von den Eigentümern und Trägern der Schulen, den Kommunen. "Als hier vor 30 Jahren in den Schulen die alten Koksöfen gegen eine moderne Heizungsanlagen ausgetauscht wurden, hat man uns Vereinen die freigewordenen Keller zur Verfügung gestellt", sagt Klaus Lindner, der Vorsitzende.

Auf diesem Wege bekamen Lindners Schützenverein und fünf weitere in Gelsenkirchen die Genehmigungen, ihre Schießanlagen dauerhaft unter den Klassenräumen einzurichten. Auch nach dem Amoklauf am Erfurter Gutenberg-Gymnasium im April 2002 änderte sich daran nichts. Der Vertrag für die Nutzung des Kellers in der Gemeinschaftsgrundschule Bülsenstraße wurde vor wenigen Monaten um 15 Jahre verlängert.

Darüber hinaus hat der Sportausschuss der Stadt Gelsenkirchen dem Schützenverein vor wenigen Wochen einen Zuschuss von 35.000 Euro bewilligt, um den Schießstand mit weiteren fünf Schießbahnen auszubauen und wettkampffähig zu machen.

Nicht mal Schulleiter wissen von Waffen im Keller

Landesweit sollen nach Aussage von Sigrid Beer, der bildungspolitischen Sprecherin der Grünen im nordrhein-westfälischen Landtag, mindestens 160 Anlagen in Schulen untergebracht sein. "Auch einige Kindertagesstätten sind darunter", sagte sie SPIEGEL ONLINE.

Oft wissen selbst die Schulleitungen nicht so genau, was in den Kellern unter den Klassen und Pausenhöfen geschieht. So räumte Hildegard Brasse-Huber, die Direktorin der Gemeinschaftsgrundschule Bülsenstraße, gegenüber SPIEGEL ONLINE ein, dass sie "keine Ahnung" hat, ob und wie viele Waffen der Schützenverein auf dem Gelände lagert. Auch die Sicherheitsvorkehrungen seien ihr nicht bekannt. Nur einmal, als sie vor Jahren die Schule übernahm, habe sie den Schießstand gemeinsam mit dem Hausmeister besichtigt. "Ich habe keinen Kontakt zu den Schützen", sagt sie. Sie habe es jedoch "von Anfang an nicht gut" gefunden, dass in ihrer Schule Schüler und Schützen unter einem Dach sind.

Dass die Waffen, die im Vereinsheim in Stahlschränken und einem Tresor lagern, eine potentielle Gefahr sind, bestreitet der Vorsitzende der Bürgerschützen, Klaus Lindner: "Wir werden ein- bis zweimal pro Jahr unangekündigt von der zuständigen Kreispolizeibehörde überprüft, ob wir die Waffen auch ausreichend sichern."

Nach Auskunft der Landesregierung wurde aber alleine in Gelsenkirchen in den letzten vier Jahren dreimal in Schützenvereinsheime an Schulen eingebrochen. Zweimal nahmen die Einbrecher Waffen und Munition mit. Auch in das Vereinsheim der Bürgerschützen Buer-Bülse wurde vor zwei Jahren eingebrochen. Doch den Dieben sei es eher um die Vereinskasse gegangen, als um die Waffen, sagt Lindner.

In anderen Bundesländern scheint das Problem seltener zu sein. Vertreter der übrigen Landesverbände des Deutschen Schützenbundes sagten auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE, dass ihnen solche Fälle nicht bekannt seien. Lediglich in Hessen und in Bayern soll es "vereinzelt" Schützenvereine geben, die sich auch auf dem Schulgelände befinden. Meist haben Schützenvereine eigene Hallen oder trainieren auf offiziellen Schießplätzen oder in Sportzentren.

Schießsport vs. Pädagogik

Für Schützen und ihre Funktionäre, wie Lindner, ist die ganze Diskussion ein großes Ärgernis: "Ich finde es sehr populistisch, wenn sich nun Politiker, Schulleitung und Lehrer gegen einen Verein äußern, dessen Räume und dessen Arbeit sie noch nie gesehen haben", sagt er. Er verweist auf die "große Akzeptanz" seines Vereins in der Umgebung und auch auf die "unentbehrliche Jugendarbeit". Lindner appelliert an die Toleranz. "Wir sind keine Leute, die einfach nur rumballern wollen, sondern Sportler. Und ich bin der Meinung, dass eine Schießsportstätte die gleiche Berechtigung an einer Schule hat, wie eine Turnhalle und ein Sportplatz für andere Vereine."

Politiker und Pädagogen halten es aber wenige Wochen nach dem Amoklauf von Winnenden für äußerst bedenklich, dass die Facetten des Schießsports - Zielen, Abzug, Auge-Hand-Koordination, Atmung und Gleichgewicht - am gleichen Ort gelehrt und trainiert werden wie Deutsch und Mathe.

So wie an der Gemeinschaftsgrundschule: Dort lässt der Schützenverein sechs- bis zwölfjährige Kinder auch auf dem Schulhof mit sogenannten Lichtpunktgewehren anlegen und auf Ziele schießen. Die Waffen sind zwar nicht gefährlich, da sie ihre Ziele nur mit Lichtstrahlen treffen. Doch die Kids posieren stolz für die Homepage des Vereins mit den Gewehren.

Der Vorsitzende Lindner verteidigt die Jugendarbeit des Vereins: "Gerade bei Jugendlichen hat der Schießsport auch pädagogische Vorteile und fördert die Konzentration und die kognitiven Fähigkeiten." Dies habe auch "positive Einflüsse auf die Leistungen in der Schule", sagt Lindner und verweist auf eine Studie, die dies bestätige. Er kann die Untersuchung aber nicht vorlegen oder den konkreten Titel nennen. Er jedenfalls würde sich mehr Zusammenarbeit zwischen Schützen und Schulen wünschen.

Doch solche Kooperationen sind derzeit nicht gefragt. Eine kürzlich eingerichtete Schießsport-AG an einer Gesamtschule in Solingen wurde beispielsweise nach zwei Terminen nicht mehr fortgeführt. Und in Niedersachsen hatte der Bezirksschützenverband Bremerhaven-Wesermünde zwar 90.000 Unterschriften gesammelt für das "Sportschießen im Schulsport" und beim Kultusministerium einen Antrag gestellt. Doch die Schützen zogen den Antrag wieder zurück - mit Verweis auf den Amoklauf von Winnenden.

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