Ausbeutung in Madagaskar Kindheit unter Tage

In den Minen von Madagaskar graben Tausende Kinder nach Saphiren, manche der Arbeiter sind noch keine sechs Jahre alt. Ihre einzige Hoffnung: die Schule.


Manombo, Madagaskar - Der Junge mit dem harten Gesicht und den nackten Füßen will "ein Boss" werden, sagt er. "Ich habe die Schule verlassen, um Geld zu verdienen." Gerade einmal 15 Jahre ist Henry Ramiandrimisoa alt, aber schon seit zwei Jahren schuftet er in den Saphir-Minen von Madagaskar. Henry hat im Freien geschlafen, ist um sechs Uhr aufgestanden und wird bis zum frühen Abend Säcke nach oben ziehen, hier am Schacht seines Onkels, zwölf Stunden am Tag.

Unter Tage: An Seilen lassen sich die Minenkinder in enge Schächte hinab. Sie schürfen Sand und Kies, aus dem später am Fluss Saphire gesiebt werden
AFP

Unter Tage: An Seilen lassen sich die Minenkinder in enge Schächte hinab. Sie schürfen Sand und Kies, aus dem später am Fluss Saphire gesiebt werden

"Am Anfang war ich krank", sagt er. "Manchmal essen wir mittags Maniok oder Süßkartoffeln, aber nicht jeden Tag." Freunde hat er hier keine. "Die Arbeit ist hart, da denkt man nicht an Freizeit."

In Madagaskar leben zwei Drittel der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze. Doch nirgendwo gibt es ein so großes Saphir-Vorkommen wie im Süden des afrikanischen Inselstaates. Die Minen ziehen all jene an, die weder Gefahr noch Illegalität fürchten und die auf ein bisschen Wohlstand hoffen, darunter tausende Kinder und ihre Eltern.

Einer offiziellen Studie zufolge arbeiteten im Jahr 2006 rund 19.000 Kinder in der Region, die meisten von ihnen in den Minen. In Madagaskar dürfen Jugendliche zwar offiziell erst arbeiten, wenn sie 15 Jahre alt sind, doch an die Altersgrenze halten sich nur wenige.

Manche Minenkinder sind erst sechs Jahre alt

Der schmächtige Körper des zehnjährigen François Rantonirina verschwindet unter einem großen Parka, der ihn kaum vor der eisigen Kälte schützt in der Mine von Anzanakaro im Süd-Westen des Landes. "Ich bin vor knapp einem Jahr mit meiner Familie hier angekommen", sagt der Junge, das Gesicht von Staub bedeckt. "Meine Aufgabe ist es, den Kies im Fluss zu sieben." Die Schule hat François nur drei Jahre lang besucht.

Ein paar Kilometer weiter sitzt ein Dutzend Kinder am Ufer des Malio. Mehrmals täglich schleppen sie den Kies von der Grube an den Fluss "Das Sieb ist voller Dreck und Scherben, das ist anstrengend", sagt Bimite, der von einer Hautkrankheit gezeichnet ist. Der Sechsjährige arbeitet seit einem Jahr hier.

"Die Arbeit in den Minen ist die schlimmste Form von Kinderarbeit", sagt Marc Salomon von Talilisoa, einer Hilfsorganisation, die sich um die Probleme der Kinder in der Region kümmert. "Diese Arbeit hinterlässt schwere gesundheitliche Schäden und hält die Kinder vom Schulbesuch ab."

Jetzt, zum Beginn des neuen Schuljahres, stehen viele Eltern vor seinem Büro. Seit dem vergangenen Jahr hat die Organisation 450 Kinder eingeschult und 180 Heranwachsende zu Steinmetzen oder Schneidern ausgebildet. Auch Eltern, die nicht lesen und schreiben können, werden unterrichtet, damit sie nicht auf die Arbeit in der Mine angewiesen sind. "Mein Sohn Calvin ist hier in der Mine geboren", sagt Florette Mandasovoa, die einen Neunjährigen für die Schule anmeldet. "Wenn er keine Ausbildung bekommt, wird er nie eine Chance haben."

Nicht alle Eltern in den Saphir-Minen denken so. Charles Randrianjato erzählt, wie seine 13-jährige Tochter vor zwei Jahren die Schule abbrach, um ihm bei der Suche nach Edelsteinen zu helfen. Heute ist sie die Mutter eines sechs Monate alten Säuglings, der Vater ist ein Junge aus der Mine. "Ich finde auch, dass die Jugend in der Mine vergeudet ist", sagt Randrianjato, "aber ich habe keine Alternative."

Von Lucie Peytermann, afp/otr.



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