Arbeitsmarkt So wenig Auszubildende wie seit 25 Jahren nicht

Lieber Studium als Lehre: In Deutschland werden in diesem Jahr so wenige Jugendliche ausgebildet wie seit der Wiedervereinigung nicht mehr. Gleichzeitig blieben 37.000 Lehrstellen unbesetzt.

Schweißer-Auszubildende bei VW (Archiv): Im vergangenen Jahr wurden nur 522.200 Ausbildungsverträge abgeschlossen
DPA

Schweißer-Auszubildende bei VW (Archiv): Im vergangenen Jahr wurden nur 522.200 Ausbildungsverträge abgeschlossen


Trotz der Sorge vor einem Fachkräftemangel wird in Deutschland so wenig ausgebildet wie noch nie seit der Wiedervereinigung: In diesem Jahr seien bis Ende September 522.200 Ausbildungsverträge abgeschlossen worden, teilte das Bundesbildungsministerium am Freitag mit. Das seien 7300 (1,4 Prozent) weniger als im vorigen Jahr.

Der Rückgang habe viele Ursachen, erklärte Bildungsministerin Johanna Wanka (CDU). Die Zahl der Schulabgänger sei rückläufig, und ein größerer Anteil von ihnen wolle studieren. Allerdings gehe auch die Ausbildungsbereitschaft der Betriebe zurück. "Wir müssen alles dafür tun, um Jugendlichen, die an einer Ausbildung interessiert sind, diese auch zu ermöglichen", sagte Wanka.

Denn gleichzeitig haben sich im vergangenen Jahr 20.900 Jugendliche vergeblich um einen Ausbildungsplatz beworben. Hinzukommen nach Angaben des Ministeriums 60.300 weitere junge Männer und Frauen, die zwar ein Studium oder eine andere Bildungsmaßnahme angefangen haben - aber dennoch für das laufende Jahr lieber eine Ausbildung beginnen würden.

37.100 unbesetzte Lehrstellen

In dem sogenannten Übergangssystem werden Jahr für Jahr Zehntausende Bewerber geparkt, 160.000 waren allein im Jahr 2013 in unzähligen Maßnahmen, von der Berufsgrundbildung über Einstiegsklassen bis hin zu Bewerbungstrainings. Experten kritisieren dieses Modell immer wieder.

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Denn daneben gibt es Betriebe, die verzweifelt nach Lehrlingen suchen: So waren im September 2014 bei der Bundesagentur für Arbeit 37.100 unbesetzte Ausbildungsstellen gemeldet. Es werde zunehmend schwieriger, Betriebe und Auszubildende zusammenzubringen, heißt es in der Mitteilung des Bildungsministeriums. Auf der einen Seite gebe es Regionen mit vielen unbesetzten Plätzen, auf der anderen Seite aber Regionen, in denen Jugendliche kaum eine Lehrstelle finden. Das Ministerium will mit dem Programm "Jobstarter Plus" Klein- und Mittelbetrieben helfen, passende Bewerber zu finden.

Zudem soll eine neue "Allianz für Aus- und Weiterbildung", gegründet von Bundesregierung, Wirtschaft und Gewerkschaften, das duale Berufsbildungssystem stärken: Im Ausbildungsjahr 2015/2016 will die Wirtschaft 20.000 zusätzliche Ausbildungsplätze im Vergleich zum Jahr 2014 anbieten und jährlich 500.000 Praktikumsplätze zur Verfügung stellen. Jedem vermittlungsbereiten Jugendlichen, der bis zum Beginn des Ausbildungsjahres im Herbst noch keinen Platz gefunden hat, will sie drei Angebote für eine Ausbildung machen. Die neue Allianz löst den zum Ende des Jahres auslaufenden Nationalen Pakt für Ausbildung und Fachkräftenachwuchs ab.

Die Erhebung wird jährlich vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) durchgeführt, dabei berücksichtigt es die Ausbildungsverträge, die in der Zeit vom 1. Oktober des Vorjahres bis zum 30. September des Erhebungsjahrs neu abgeschlossen wurden.

fln/Reuters

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insgesamt 82 Beiträge
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Seite 1
smartphone 12.12.2014
1. kein Wunder
Zum einen strebt ja jede Arbeiterfamilie ( keine Wertung ) mit Gewalt dazu, daß die Kinder Abitur machen sollen und Studieren....... Zum anderen ist die Betrachtung des "Fachkräftemangels" der letzten 20 Jahre -speziell MINT sehr interessant ...... Es gibt ihn nicht , ergo haben diese Ings usw größte Schwierigkeiten überhaut nen Job zu finden .......und vorallem setzen die keine Kinder in die Welt --Kinder die heute "erntereif" wären , gell liebe Wirtschaft
moritz1989 12.12.2014
2.
Die Bundesregierung sollte sich nur auf eins konzentrieren und das ist die schulische Ausbildung von der ersten bis zur neunten oder zwölften Klasse. Der Rest ist sowieso verloren, den kriegt man mit weiterbildenden Maßnahmen auch nicht mehr ausbildungstauglich.
jfoas 12.12.2014
3. Kein Wunder
Die Unternehmen die mittlerweile für jeden Job einen Studierten haben wollen dürfen sich nicht wundern. Zum Beispiel für bis in die Neunziger typische Aufgaben eine Industriekaufmannes (Lehre) werden heute eigentlich nur noch Dipl. Kfm. (BWL-Studium) oder Wirtschaftsingenieure eingestellt.
Inuk 12.12.2014
4.
Klar, in den Ballungsgebieten sind nicht genug Lehrlinge zu finden, auch weil viele Jugendliche schon gescheitert und "kaputt" sind, während in der ländlichen Region Jugendliche rar sind, weil sie in die Ballungsgebiete ziehen, weil dort auch was geboten wird. Wer will schon Bäcker-, Metzger-, Elektrolehrling etc. im Dorf werden, wenn selbst die Söhne der Ausbilder von den Berufen ihres Vaters nichts mehr wissen wollen.
cafe_kehse 12.12.2014
5. Obwohl es finanziell kaum mehr einen Unterschied gibt...
...zwischen dem Bachelor (= Geselle) eines x-beliebigen Studiengangs und dem Handwerksgesellen als Schlachter z. B., hat der Bachelor selbst von der schlechtesten Hochschule immerhin noch den Vorteil, sich körperlich nicht plagen zu müssen und länger zu leben als Rentner. Hinzu kommt noch das fehlende Image von Handwerksberufen. Damit ist alles gesagt.
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